nachtschwimmer 16.08.2012, 22:22 Uhr 54 130

Ein Tag (im Leben)

So starben eine Biene und eine frisch Verliebte an einem Lolli

An diesem Tag steht in der Zeitung, ein Mann hatte in hundert Orten das Ortsschild abmontiert. Die Orte verband er alle mit Erinnerungen an ihn und seine Frau, die ihn zwei Jahre zuvor verlassen hatte. So fuhr der Mann mit dem Auto durch das ganze Land, und indem er die Ortsschilder abschraubte, schraubte er die Erinnerungen ab und nahm sie mit nach Hause. Dorthin, wo sie hingehörten. Der Mann wurde von der Polizei wegen Diebstahl verhaftet. Manche der Schilder, die man später in seiner Wohnung fand, hatte der Mann mit Zeichnungen dekoriert.

So steht es in der Zeitung. Es ist ein Tag wie jeder andere.

 

An diesem Tag wird eine junge Frau in die Notaufnahme im Krankenhaus eingeliefert, als gerade die Spätschicht beginnt. Als sie stirbt, liegt sie noch auf der Trage aus dem Rettungswagen. Im Bericht des zuständigen Arztes wird später stehen, die Frau sei an einem allergischen Schock verstorben. Sie hatte sich mit einem Mann, in den sie frisch verliebt war, vor der Eisdiele am Park getroffen. Aber die Eisdiele hatte geschlossen, denn die Betreiberfamilie war an die Ostsee gefahren, um das schöne Wetter auszunutzen. So gingen die beiden Verliebten Hand in Hand weiter, bis an einen Kiosk. Der Mann kaufte Zigaretten, die Frau aber war Nichtraucherin. Sie betonte dies sogar, um den Mann ein wenig aufzuziehen: „Rauchen ist so ungesund. Du kannst dadurch früher sterben.“ Sie kaufte sich lieber einen Lolli. Das hatte sie seit ihrer Kindheit nicht mehr getan. Aber frisch verliebt tut man oft Dinge, die einen sentimentaler werden lassen. Dann setzten sie sich auf eine Bank im Park. Um den Mann zu küssen, nahm die Frau nach kurzer Zeit den Lolli aus dem Mund und hielt ihn in der Hand, so dass sich eine Biene draufsetzte. Ob die Biene auch verliebt war, weiß ich nicht. Aber als die Frau den Lolli wieder in den Mund steckte, stach sie zu. Einmal in die Unterlippe, einmal in die Zunge.

 

So starben eine Biene und eine frisch Verliebte an einem Lolli und der Mann wird weiter leben und weiter rauchen.

Es ist ein Tag wie jeder andere.

 

An diesem Tag nimmt Jan all seinen Mut zusammen und geht erstmals mit seinem St.Pauli- Trikot auf den Spielplatz. Jan ist erst vier und wohnt in Stellingen. Reines HSV-Territorium, selbst hier unter den Drei- bis Sechsjährigen. Ein größerer Junge bewirft ihn mit Sand, als Jan Weitsprung von der Schaukel übt. Er kommt genau vor dem anderen Jungen im Sand auf und hört das Wort: „Zecke!“ Seine Schwester hatte ihn gewarnt. Aber Jan lacht ihnen entgegen und ruft: „Hallo! Ich bin eine Zecke!“ Er ist sich nicht sicher, was das ist. Aber er ist sich sicher, dass er St. Pauli sehr gern mag. Wäre er älter, würde er statt mögen „lieben“ sagen. Egal, wie viele Kinder ihn hier und jetzt oder in Zukunft deswegen hänseln. Er hat sich entschieden. Und er zieht das ab jetzt durch. Liebe fordert Durchhaltevermögen.

Im Kindergarten sagte er am Morgen auf die Frage,  was er mal werden will, Rockstar. Passt ja auch irgendwie.

Es ist ein Tag wie jeder andere.

 

An diesem Tag entsorgt Nora die letzten Reste von dem, was mal ihr Leben war. Die Erinnerungen an den schlagenden Vater, an ihre alkoholkranke Mutter und an ihre kleine Schwester, für die sie die Mutter ersetzen musste, werden mitkommen. Aber mit dem gepackten Koffer in der Hand und dem Sonnenlicht im Gesicht, als sie aus der Haustür tritt, könnte sie schwören, dass ein Geröllhaufen von ihrem Herzen auf den Betonplatten zu ihren Füßen zerschlägt.

Mit raschen Schritten geht sie in Richtung Bahnhof. Sie fühlt sich frei. Sie lächelt und beginnt zu laufen. Gerade, als sie den Bahnhof erreicht, vibriert ihr Handy. Ihre kleine Schwester ist dran. „Hi, kann es vielleicht fünf Minuten warten? Ich muss meinen Zug erwischen, Kleines.“ „Nora. Mama ist tot.“ An diesem Tag fährt der Zug ohne Nora ab.

Es ist ein Tag wie jeder andere.

 

Das sind nur vier Geschichten an diesem Tag. Ein Tag wie jeder andere.

 

 

An diesem Tag wache ich sehr früh auf und der Platz neben mir ist leer. Bleibt leer.  Noch vor dem Frühstück jogge ich eine Runde um den Teich, ganz nah bei meinem Mietshaus. Dann kalt duschen, um richtig klarzukommen.

Nach dem Frühstück öffne ich eine der Schubladen am Schreibtisch, weil ich eine Büroklammer brauche. Ich habe gerade nicht aktiv daran gedacht, aber meine Augen entdecken dich sofort. Dort liegst du, und lachst in die Kamera. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Es schlägt für dich. Ich setze mich auf den Balkon und bin mir nicht sicher, wie lange du nicht mehr da bist. Dann wandere ich im Kopf die vergangenen Monate, Jahre zurück. Es müssten inzwischen in etwa 650 Tage sein.

S e c h s h u n d e r t f ü n f z i g . Einer wie der andere. Die wenigen Menschen um mich herum sagen mir, sie könnten mir nachfühlen, wie es mir geht. Können sie nicht, sonst würden sie mir nicht ständig vorhalten, ich solle es endlich vergessen, vergessen, dass du mal gelebt und geliebt hast. Ich weiß nicht mehr, wie man liebt. Weil die Leere sich kaum noch füllt. Als ob man sich selbst vergessen könnte.

Stell dir den Atlantik ohne Wasser vor und den Versuch, ihn mit Alkohol, schlechtem Sex, lauter Musik, tausend geschriebenen Seiten und viel Zeittotschlafen zu füllen, und du bekommst eine ungefähre Ahnung davon, wie sehr du mir fehlst.

 

Du bist die Geschichte meines Lebens. An jedem Tag.

Einer wie der andere.

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54 Antworten

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    Die wenigen Menschen um mich herum sagen mir, sie könnten mir
    nachfühlen, wie es mir geht. Können sie nicht, sonst würden sie mir nicht ständig
    vorhalten, ich solle es endlich vergessen, vergessen, dass du mal gelebt und
    geliebt hast.

    29.12.2012, 13:55 von Jackie_Grey
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  • 0

    Stellingen, Alter.


    Im Titel braucht es kein Leben, es verschandelt nur unnötig.



    Herz für LiedundTextKombi.

    29.12.2012, 12:44 von frl_smilla
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Seit der Text on ist hab ich ihn jetzt bestimmt 10 mal gelesen, vielleicht sogar öfter. Einmal habe ich versucht ihn jemandem vorzulesen. Keine gute Idee, den Schluss kann ich einfach nicht mehr flüssig vorlesen.

    Der ist einfach nur toll.

    29.12.2012, 11:58 von Pixie_Destructo
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    Hat mich sehr berührt. An dieser Stelle hatte ich Gänsehaut:


    vergessen, dass du mal gelebt und geliebt hast.

    28.12.2012, 14:46 von Sommerregen03
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  • 0

    danke dafür.

    28.12.2012, 08:29 von Lischen2409
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    wow.

    29.08.2012, 23:56 von LillyZauber
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    sehr schönes Bild, der Atlantik ohne Wasser, also nicht mehr existent, weil fehlt, was ihn ausmacht... und wie sinnlos, ihn ersetzen zu wollen durch Dinge, die ihm so gar nicht gleichen. Auf den Punkt!

    27.08.2012, 15:21 von LauraPhilomenaTheresa
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    Ok! Der Text ist der absolute wahnsinn!

    23.08.2012, 12:19 von LauraLarsson
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  • 0

    toll!!

    22.08.2012, 15:32 von deep.blue
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