Ein letzter Sommer
"Das Leben ist wie eine mittelmäßige Musikkomposition pflegtest du zu sagen. Ein Stück mit Höhen und Tiefen. Mal länger, mal kürzer.“
Vielleicht komme ich dich ja mal besuchen. An einem nasskalten tristen Tag, an dem die goldroten, bräunlich gefärbten Blätter des Herbstlaubs durch die Straßen wehen.
Vom Wind ein kurzes Stück getragen, spielerisch durch die Luft wirbelnd, langsam gen Boden sinkend.
Vielleicht stehst du ja in der spartanisch eingerichteten Küche, deiner Zweizimmerwohnung.
Ich könnte es mir zumindest gut vorstellen.
Gedankenverloren mit einem karierten Küchentuch
in der rechten, aus dem breiten, von Kälte beschlagenen, weiß umrahmtem Fenster blickend.
Ich würde mich für einige Augenblicke auf deinen schmucklosen Fenstersims setzen und dich
betrachten.
Ich würde die Furchen, die dein Gesicht mit der Zeit zeichneten, studieren.
Einen Versuch unternehmen, deinen melancholisch resignierend wirkenden Blick zu interpretieren.
Gewillt dir
durch den peitschend pfeifenden Herbstwind leise zuzuflüstern.
Was auch immer dir widerfahren mag, bitte behalt das Leben lieb.
Sie schwieg und sah mich an, ein letztes Mal, mit der für sie unverwandten durchdringenden Direktheit.
Ihr Blick hatte etwas eigenes,
liebevolles, klares, und dennoch entschlossenes.
Sie schloss ihre Augen und drückte meine Hand mit einer Festigkeit, die ich ihr in diesem Stadium der Krankheit nicht mehr zugetraut hätte.
Ihr Brustkorb, übersäht mit knallbunten Kanülen und diversen Kabeln, hob und senkte sich.
Langsam, bedächtig.
Sie starb.
Ich kann mich an vieles, was nach ihrem Tod geschehen ist, nicht oder nur in Bruchstücken erinnern.
Ich kann mich nicht mehr an die Momente erinnern, in denen der hohe sonore Dauerton, dass kahle, ganz in weiß gehaltene, fensterlose Einzelzimmer erfüllte.
Auch weiß ich nicht mehr, wer mich aus deinem Zimmer geleitete, meine verkrampfte Hand, aus der deinen löste.
"Das Leben ist wie eine mittelmäßige Musikkomposition pflegtest du zu sagen.
Ein Stück mit Höhen und Tiefen.
Mal länger, mal kürzer.“
Mag der Komponist in deinem die letzten Klänge nun verklingen lassen, stehend die Ovationen des Publikums entgegennehmen, meine bekommt er nicht.
Auch wenn der Verlauf der Jahre sein übriges tun wird, vergessen werde ich den Refrain deines Stücks nicht.
Bis wir wieder im Duett gemeinsam lachen, zanken und uns unsere rosigen Brillen
aufsetzen."Wichtige Links zu diesem Text"
http://keinverlag.de/texte.php?text=207641


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Kommentare
Wunderschöner Text.
16.10.2008, 16:13 von HannakondaDas gibt eine Empfehlung.
namen sind wie schall und blasen und der ist text wundervoll. (und das ist keine selbstverteidigung)
16.09.2008, 17:15 von schnitzelchenEin Text, der nahe geht, über ein Thema, das nahe geht.
05.09.2008, 22:48 von drops_of_augustNur: Dein Username schreckt ein bisschen ab, so dass man dir so einen Text irgendwie nicht zutraut und erstmal bis zur Hälfte braucht zu realisieren, dass es wirklich wirklich emotionaler Text ist.
Dennoch: Gut gemacht.