Frau_Irma 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 6

Ein Leben ein Jahr.

Was war wahr?

Sie wusste, man sollte nicht an alten Bildern und noch älteren Erinnerungen festhalten. Loslassen, neu machen, aufbrechen - das war die Devise.
Und anscheinend hatte ihr Freundeskreis diese Technik perfektioniert, denn so richtig verstand niemand mehr, warum sie nach acht Monaten immer noch an seinen Namen dachte.
Aber sie konnte nicht umher, sich nach einem Abend mit lustigen Gesprächen in gemütlichen Bars und Hipster-Kellnern, ihr Handy zu schnappen und sich im Bett alte Fotos anzusehen.
Es war aber auch zu verlockend: man trug seine Vergangenheit mit in seiner Hosentasche. Bilder der letzten Jahre, fein säuberlich in Alben geordnet. Der alte Chatverlauf, von Anfang bis zum bitternen Ende. Sie sollte das alles löschen. Sie konnte nicht. Es waren die einzigen Beweise, dass es das wirklich mal gegeben hat.

Heute vor einem Jahr. Er und sie an dem Klippen am Meer. Alleine zu zweit. Er hatte sicherlich ein paar Macken gehabt, natürlich, aber das Gefühl, das sie hatte, wenn sie bei ihm war, das war perfekt. Das war die Droge, die sie vermisste, die sie manchmal, jetzt, immer noch, verrückt werden ließ.
Es war sie auf den Fotos. Aber ein anderes Leben.
Dieses eine Jahr war wie ein ganzes Leben her.

Es war doch eine dieser Geschichten gewesen, die man später seinen Kindern erzählte. Die alles veränderte, die der Anfang war, den man so lange gesucht hatte. Und jetzt saß sie wieder hier. Alleine. Wie immer. Zurückgeworfen. Alles wieder auf Null.

Wenn sie jemand fragte, ob sie an einen Traummann glaubte, würde sie gerne sagen: klar, ich habe sogar seine Nummer.
Sie würde ihn nicht anrufen. Auch wenn das mehr Kraft kostete, als alles andere. Denn er war es, der alles in Frage gestellt hatte. Der zweifelte, der mehr anders besser wollte.
Und anscheinend hatte sich das in all den Monaten auch nicht geändert.
Nur sie stand da, mit den Erinnerungen im Herzen, die nicht aufhören wollten zu pochen. Sie hatte Angst, das er Spuren auf ihr Herz tätowiert haben könnte, die sie nicht mehr los wurde.

Und so versuchte sie, ihr Leben wieder zu ihrem zu machen.
Loslassen, neu machen, aufbrechen.

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