Down_Under 29.05.2008, 02:00 Uhr 1 0

Ein Kuss

Eine Momentaufnahme einer Annäherung.

Haut auf Haut. Ein verbranntes Stück Schicksal. Du gibst etwas hinein und bekommst dafür eine Gegenleistung. So entsteht das Kapital, so entstehen Geschichten, real und metaphorisch. Sie kommt näher, das Atmen wird offensichtlich, die Ohren verschließen ihre Systeme, Geräusche werden nicht mehr wahrgenommen. Die Außenwelt verkommt zu einem ungenießbaren Brei, man wird zu einem Kind, beobachtet neugierig das Gegenüber, beobachtet die Annäherung, benutzt die Hände, um zu spüren, benutzt die Nase, um die heiße Luft einzuatmen. Viele sagen, sie würden sich an dieser Stelle erinnern: Das erste Mal, als man genauer hinschaute, als man genauer hinhörte und länger und intensiver spürte, das erste Mal, als man dankbar war und das erste Mal, als man sich bewusst machte, dass man nichts, aber auch rein gar nicht, bereute. Andere sagen, sie würden vergessen: Das Leid, das zuvor ertragen werden musste, all die Momente, die vorbeigerauscht waren in einer unbeschreiblichen Geschwindigkeit, all die Momente, die etwas Großes werden konnten, all die Gesichter, die man lieben wollte, all die Augen, die man vergaß, die gescheiterten Versuche, das Geschrei und das Gewusel der Menschen, die Reden der Freunde, die Reden der Eltern, die Sprüche der Geschwister und der Verwandten.

Vielleicht war es eine ambivalente Erfahrung, man hat es wie einen Pistolenschuss wahrgenommen, als wäre man erschossen worden. Diese Überraschung, die über alles entscheidet. Anfang und Ende. Es knallt immer wieder und es knallt immer lauter. Die Kugeln durchlöchern das Herz, bahnen sich ihren Weg durch die weichen Knochen, zerfetzen die sensible Haut, durchtrennen die Adern, tauchen in das selige Rot, das abwechselnd liebt und tötet, erblicken manchmal sogar auf der anderen Seite wieder das Licht der Welt und landen auf dem kalten Asphaltboden, als Hülse, als Gefäß, als hätte der Körper gekämpft und die Kugel ausgesaugt, als hätte er sich gewehrt und gewonnen.

Sie nähert sich weiter. Man bereitet sich vor, erinnert sich an all die Bücher und Magazine, in denen man darüber gelesen und davon gelernt hat. Man bewegt den Kopf in eine schiefe Lage, beobachtet das Gegenüber, beobachtet ihre Art, die Lippen zu formen, beobachtet ihre Art, den Kopf zu bewegen. Man bereitet sich vor. Man schluckt die Speiche im Mund hinunter, bleckt sich die Zähne, öffnet langsam den Mund, sucht gleichzeitig einen guten Platz für die Zunge, will sie verstecken, will sie wieder rausholen, steckt sie in die eine und dann in die andere Ecke, man schließt die Augen und hofft und betet und es ist egal, welcher Gott dort oben weilt, es ist egal, an wen man glaubt, man nähert sich, die Luft wird immer dünner, sie drückt auf die hochsensible Haut, die Nasen berühren sich, als würden sie sich noch necken wollen, man lächelt, zieht sich kurz zurück, sucht einen anderen Punkt, man will greifen, man will einen ruhigen Platz zum Landen finden, nähert sich und zieht sich wieder zurück, man lächelt provozierend, lässt die Augen geschlossen und wenn man vergessen hat, dass man all das getan hat, wenn die Speiche sich wieder sammelt, wenn die Zunge sich selbstständig macht und wenn man nicht mehr hofft und betet und glaubt, ja, dann küsst man sich. Dann passt sich alles dem Rest der Welt an. Dann kommt ein Stück zusammen. Fragmente finden einander, zerbrochene Scherben hängen wieder zusammen und in der Welt wird ein weiteres Puzzle gelöst, beide Teile fügen sich, den Lippen ist die Form egal, die ultimative Symbiose von Gleichgültigkeit, Frieden und Erhabenheit.

Haut auf Haut. Wie ein verbranntes Stück Schicksal. Wie ein Pistolenschuss. Eine Annäherung, die das ganze Spektrum einmal durchläuft, eine Berührung, die alles sieht, alles versteht und alles verzeiht. Eine Erinnerung an ein simpleres Leben. Es vergeht irgendwann. Weil Erinnern vergänglich und Vergessen unvermeidlich ist.

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