Pagog 21.10.2009, 02:21 Uhr 1 5

Ein klassisches Beziehungsdrama

In fünf Akten.

Erster Akt - Exposition

Sie...
... ist seit einem halben Jahr mit ihrem Leben unzufrieden. Weiß nicht, ob das Studienfach das Richtige ist, weiß nicht, ob sie mit der Beziehung noch glücklich ist, hat keine Ahnung, wo sie den Hebel ansetzen soll und verdrängt erst einmal.
Er...
...ahnt von alldem nicht das Geringste. Verbringt die Zeit in der gemeinsamen Wohnung vor allem im Wohnzimmer, welches mit Breitbildplasmafernseher und Dolby-Surround System genau nach seinem Geschmack eingerichtet ist und weiß zudem die Vorzüge des regelmäßigen Sex durchaus zu schätzen.

Zweiter Akt - Komplikation

Sie...
... wird immer unzufriedener. Ist nun immer leichter reizbar, wird jähzornig und beginnt nun über die kleinsten Dinge stundenlange Zankereien mit anschließenden sinn- und endlos Diskussionen. Sieht immer noch nicht, was sie an ihrem Leben verändern soll und schlägt stattdessen einen zweiwöchigen Urlaub irgendwo am Meer vor. Wenn die beiden wieder zurück sind, so die Hoffnung, haben sich die Probleme, welche das auch immer sein mögen, in Luft aufgelöst.
Er...
... hat noch immer keine Ahnung, was in seiner Freundin vorgeht, ist von ihrem Gezicke mittlerweile schwer genervt, ahnt schon Böses für den kommenden Urlaub, lässt sich nach einem weiteren Streit aber doch dazu breitschlagen.

Dritter Akt - Klimax

Sie...
... hat den Urlaub nicht genießen können und wieder ihre ganze Unzufriedenheit an ihm, dem Hotel und alles was sonst noch nicht passen könnte, ausgelassen. Nach der Ankunft in ihrer gemeinsamen Wohnung macht sie, als Folge einer emotionalen Kurzschlußreaktion, mit ihm Schluss.
Er...
... fand sie über den gesamten Urlaub nervig und war froh nun wieder in der gemeinsamen Wohnung angekommen zu sein. Hat jetzt keine Ahnung weshalb sie Schluss macht, muss aber trotzdem die gemeinsame Wohnung schnellstmöglich verlassen, da diese ihren Eltern gehört und er somit rein gar keine Ansprüche zu vermelden hat. Nach seiner ersten Frage" Warum" stellt er sich die zweite, für ihn viel brennendere Frage: "Wohin" - mit seinem Breitbildplasmafernseher, den turmhohen Soundboxen, der brandneuen Playstation 3 und der akribisch angehäuften DVD-Sammlung?

Vierter Akt - Retardierung

Sie...
... ist todtraurig, lässt sich von ihren Freundinnen bemitleiden, die ihr natürlich versichern die Ärmste zu sein und etwas Besseres verdient zu haben, obwohl sie es war, die Schluss gemacht und ihn aus der gemeinsamen Wohnung geschmissen hat. Trotz dieses Einschnittes fühlt sie noch immer eine gähnende Leere in sich welche sie nun mit neuer Frisur, neuer Garderobe, neuen Schuhen, komplett neuer Einrichtung von Ikea, die sie nicht an die gemeinsame Zeit mit ihrem Ex erinnert, zu füllen versucht. Abends liegt sie dann auf seiner leeren Betthälfte und weint sich in den Schlaf.
Er...
... ist erstmal in Schockstarre verfallen, verdrückt vielleicht sogar heimlich die ein oder andere Träne, von der natürlich nie jemand etwas erfahren wird, und trifft sich am nächsten Abend mit seinen beiden besten Kumpels um bei einem Saufgelage über die "blöde Kuh" zu schimpfen, die "bestimmt ihre Tage" oder einen "neuen Macker", wahrscheinlich sogar beides, hat. Nach einer Woche im Vollrausch und gefühlter Weltuntergangstimmung packt ihn der gekränkte Stolz. Zum ersten mal seit Jahren zieht er wieder seine alten Laufschuhe an, fängt an Gewichte zu stemmen (welche er aus dem Hohlkreuz hebt, da diese eigentlich viel zu schwer für ihn sind) und versucht mit allmorgendlichen, schlecht durchgeführten Sit-ups etwas gegen seine Hüftringe, die sich im Laufe der Beziehung an seinem Bauch geschmiegt haben, zu unternehmen.

Fünfter Akt - Katastrophe

Sie...
... ist sich plötzlich ganz sicher, dass er es ist, der ihrem Leben fehlt, schreibt ihm eine SMS und fleht um eine zweite Chance, da sie ihn so unbedingt in ihrem Leben braucht, unabhängig davon, dass sie schon seit einem halben Jahr nicht mehr mit ihm glücklich war und das letzte halbe Jahr öfter mit ihm stritt, als dass sie ernstgemeinte Zärtlichkeiten austauschten
Er...
... vergisst die Hasstiraden, die er noch drei Wochen zuvor in ihre Richtung gefeuert hatte, nimmt sie zurück, schläft mit ihr und stellt sich während des vermeintlichen "Liebes"aktes, den beide nicht genießen können, noch die Frage wie er nun vor seinen Kumpels dasteht, wenn er erzählt seine Ex zurückgenommen zu haben.
Beide...
...leben nun wieder in derselben Beziehung, ohne jemals über das Vorgefallene ein ernsthaftes, ehrliches Gespräch geführt zu haben. Außer ein paar neuen Möbeln hat sich nichts geändert. Das einzige was bleibt ist dieses beklemmende Gefühl, welches wie ein unsichtbares Damoklesschwert über ihren Köpfen schwebt: Etwas stimmt nicht. Etwas passt nicht. Der Frieden, die Harmonie: Bloß aufgesetzt, vorgespielt. Beide wissen schon lange nicht mehr, woran sie jetzt beim anderen eigentlich sind. Und keiner sagt was.

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Kommentare

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    Sehr gut geschriben, ein typisches Muster des menschlichen Verhaltens beinahe perfekt aufgezeichnet. Das Einzige, was ich noch anmeken möchte ist :Es ist nicht immer nur die Ahnungslosigkeit des Partners, sondern auch Bequemlichkeit

    22.10.2009, 10:17 von Muffingirl
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