lilleflor 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 29

Ein halber Liebesbrief

Irgendetwas ist schief gegangen. Gestern. Die Tage davor. Vielleicht sogar schon die Jahre zuvor. Wenn ich das mal selber so genau wüsste.

Ich sitze auf dem Sofa, neben mir ein leeres Glas Rotwein. Ich bin todmüde und gehöre eigentlich einfach nur ins Bett. Gestern ist es spät geworden. Danach konnte ich mal wieder nicht einschlafen, weil du neben mir lagst. Heute bist du nicht da und ich will nicht ins Bett gehen, weil du dann nicht mehr neben mir liegen wirst. Gedanken rasen durch meinen Kopf. Nicht wie Stop and Go am Maschener Kreuz, sondern wie eine Schnellstraße in Tokio. Du kannst mich nicht einschätzen, hast du gesagt. Ich weiß, habe ich gedacht. Das ist meine Spezialität. Ich soll mich einfach mal fallenlassen, nicht so viel nachdenken, nicht immer so vernünftig sein. Wenn du wüsstest, wie krampfhaft ich das schon seit Jahren erfolglos versuche.

Du weißt nicht, ob du zu mir passt. Ich weiß nicht, ob ich zu dir passe. Vielleicht. Irgendwann. Irgendwie. Wir wissen es beide nicht. Wir leben in ziemlich unterschiedlichen Welten und sind uns gleichzeitig so ähnlich. Da waren wir uns einig.  Besprochen, geklärt. Und dann haben wir genauso weitergemacht, wie die Wochen zuvor. Einfach mal laufen lassen. Wir müssen uns ja nicht sofort festlegen. Ich habe noch ein paar melancholische Löcher in den sternenlosen Nachthimmel gestarrt, dann hast du meine Hand genommen und den ganzen Abend nicht mehr losgelassen.

Wir waren trinken, waren tanzen. Und am Ende waren wir wieder bei mir. In meinem Bett. In dem du ja eigentlich auch nur bedingt glücklich bist. In dem nicht passiert, was du dir wünschen würdest. Zwar schiebst du die Schuld nicht auf mich, aber unschuldig bin ich bestimmt nicht. Hast ja Recht. Ich kriege meinen Mund nicht auf. Kriege ich nie. Egal worum es geht. Aber was soll ich denn machen? Ich bin unfreiwillig in meinem Kopf gefangen. War ich schon immer. Hirn und Bauch kämpfen bei mir gefühlt 24/7 miteinander. Außer wenn ich betrunken bin. Dann gehen die beiden etwas friedlicher miteinander um. Und in genau so einem Moment haben wir uns kennengelernt. Haben uns getroffen, betrunken, spontan beschlossen, uns einfach mal ganz gut zu finden, zusammen nachhause zu fahren.

Aber betrunken und losgelöst von sämtlichen Sorgen ist eben nicht mein Normalzustand. Sollte er auch nicht werden. Das ist im Übrigen einer der Gründe, weswegen ich mich sämtlichen anderen Drogen verweigere. Nicht, weil ich so unendlich vernünftig bin, sondern weil ich mir selber nicht traue. Weil ich Angst habe, verdammt anfällig für das Zeug zu sein. Und wie Madame Ich-bin-heute-aus-der-Entzugsklinik-entlassen-worden von gestern Abend möchte ich nicht enden. Für dich war die Begegnung nicht weiter bemerkenswert, für mich schon. Da sieht man wieder, wie unterschiedlich wir sind.

Am besten wäre es vermutlich, diese Sache zwischen uns als Ding der Unmöglichkeit abzustempeln und den jeweils anderen alleine weiter nach seinem Glück suchen zu lassen. Denn davon wollen wir uns gegenseitig nicht abhalten. Gut, dass wir uns da einig sind. Gut, dass wir darüber gesprochen haben. Gut, dass wir so ähnlich empfinden. Denn zwischenzeitlich hatte ich durchaus Bedenken, dass du dir sicherer bist als ich und ich dir am Ende das Herz brechen muss. Denn das hätte ich nicht gewollt. Aber nun sitze ich hier auf dem Sofa und frage mich, was eigentlich mit meinem Herzen ist.

Die Antwort lautet: Mein Herz ist total verwirrt. Soll es nun auf Kopf oder Bauch hören? Was sagen die beiden Idioten eigentlich genau? So undeutlich haben sie sich schon lange nicht mehr ausgedrückt. Wirklich wissen tue ich nur eines: Ich kann nicht ohne meine Vernunft. Direkt morgen werde ich sie wieder brauchen. Denn gestern habe ich – verrückterweise völlig unvernünftig – gekündigt. Warum mich das Thema die letzten Wochen so sehr beschäftigt hat, kannst du nicht verstehen. Was du dazu sagen sollst, auch nicht. Das ist unendlich schade. Denn genau so jemanden bräuchte ich eigentlich. Jemanden, der mich versteht. Der mir sagt, Kopf hoch, das wird schon. Der sagt, hier geht’s lang. Und nicht: Möchtest du lieber links oder rechts gehen?

Es macht mich wirklich traurig, dass vermutlich nichts aus uns werden wird. Denn das hätte ich mir so sehr gewünscht. Und deshalb kann ich dich auch noch nicht wieder in dein eigenes Leben verabschieden. Weil ich mich zu sehr an dich gewöhnt habe. Daran, auf deiner Brust zu liegen. An deine Hand unter meinem T-Shirt. An dein Zucken, wenn ich wieder eine kitzlige Stelle an deinem Rücken erwischt habe. An all die Dinge, die sich so gut und richtig anfühlen. Und dies vermutlich auch noch eine Weile tun werden. Denn selbst wenn ich dich nicht liebe – ich mag dich. Ohne wenn und aber.


Tags: liebe, Gedanken
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5 Antworten

Kommentare

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    Oh, dieses Ende. Das macht einmal "stups" und piekst mir ganz dolle ins Herz.

    16.05.2015, 02:15 von katharinafuchsbloggt
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    Ganz genau so...! 

    Voll gut! 

    16.04.2015, 16:14 von Dean_Na
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  • 1

    wie ich einfach exakt in der selben Situation stecke...


    wunderbar in Worte gefasst :)

    14.04.2015, 21:45 von maryschnae252
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    ist die liebe denn so sehr entfernt von dem "ich mag dich-ohne wenn und aber"?

    14.04.2015, 21:19 von pecadomortal
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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