dori90 03.12.2012, 12:56 Uhr 8 2

Ein Glas voll Honig

Ich bin ein Glas - nicht leer - aber verschmutzt innen und klebrig außen. Ich stehe hinter der alten Raviolidose.

Vor einiger Zeit dachte ich, dass ich ihn gefunden hätte - meinen Deckel. Der eine, der mich ergänzt und vollständig macht. Da lag ich wohl falsch. Er war viel zu klein und schnell abgenutzt.

Anfangs glaubte und hoffte ich, er sei der Richtige, denn er schützte mich vor den Angriffen von Wespen, die stets um mich herum schwirrten, aber nie den Weg ins Innere fanden. Auch, obwohl er nicht alles völlig luftdicht machen konnte, half er dabei, meine Hoffnungen und mein Vertrauen nicht völlig verdampfen zu lassen. Immer wieder fanden jedoch kleine Käfer - nicht größer als Ameisen - einen Durchschlupf. Sie waren schwarze Erinnerungen, die sich vermehrten, sich zu einer Armee formten und ihn, den viel zu kleinen Deckel, mit ein wenig Schwung von mir schubsten.

Zu viele Versuche ihn passend zu machen scheiterten und führten schließlich dazu, dass ich lieber gleich ein offenes, deckelloses Glas sein wollte. Freiheit. Allerlei Insekten verirrten sich im Laufe der Zeit und nur manche fanden wieder heraus. Viele behinderten sich gegenseitig beim Versuch zurück in die Freiheit zu gelangen. Eine tödliche Falle war ich. Mein süßer Duft und der Schimmer meiner gläsernen Hülle das Lockmittel. Fühlt sich so wirklich Freiheit an?

Mittlerweile bin ich schmutzig und trage einen leichten milchigen Film, der meine Sicht betrübt. Nun verirrt sich nichts mehr und nichts schwirrt mehr um mich herum, nicht einmal diese hässlichen großen tiefschwarzen Fliegen. Der süße Duft hängt noch in der Luft. Nun sieht man jedoch Schwaden von Verwesung und Verzweiflung dort wo ein Deckel seine Henkel formen würde. Kein trügerischer Schimmer lässt mich von dem verstaubten Regalbrett in der Speisekammer hinten links aufleuchten alsbald das Küchenlicht durch den Türspalt fällt. Man hat mich vergessen.

Zwischenzeitlich kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht meine Gestalt ändern muss, sodass ich einen passenden Deckel finden kann. Ich bin doch aber aus Glas – das ist nicht so leicht. Ich habe bereits andere Deckel in den Händen gehabt, die jedoch nie passend genug schienen.

Ganz sicher weiß ich jetzt, dass ich einen Deckel suche. Er muss nicht perfekt passen. Er muss mir nur in der Speisekammer Gesellschaft leisten und die kleinen schwarzen Käfer abhalten können.

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8 Antworten

Kommentare

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  • 0

    großartig geschrieben! vor allem mit den metaphern die sich einfach perfekt übertagen lassen :)

    23.11.2013, 18:30 von gedankenkunst
    • 0

      übertragen*


      23.11.2013, 18:31 von gedankenkunst
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Wie bringt dich der Deckel aus der Speisekammer? Der ist doch drauf und ihr Beide bleibt im Regal und werdet, bei der Verspeisung, wieder getrennt. Für was stehen die kleinen schwarzen Käfer? kleine schwarze Käfer oder Kinder oder onenihgtstands?

    05.12.2012, 00:02 von SteveStitches
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  • 0

    Am besten bevor der Honig umkippt, sauer stinkt und bitter schmeckt :D

    03.12.2012, 13:09 von Jingeling89
    • 0

      Bäh, Honig kann schlecht werden? Noch nie erlebt.

      03.12.2012, 13:16 von Tanea
    • 0

      Ja Honig kann schlecht werden (bei falscher Lagerung). "Umkippen" halt :D


      Entweder er riecht sauer, schmeckt bitter oder wird heterogen. Oder alles zusammen.

      Deshalb, Tip vom Imker (also mir :D): Bei Zimmertemperatur aufbewaren, Licht und Wärmeschwankungen vermeiden!

      03.12.2012, 13:21 von Jingeling89
    • 1

      Der steht im Küchenschrank und ist eh immer ratzfatz alle.

      03.12.2012, 14:02 von Tanea
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