EIN GESTRAUCHELTE LIEBE IST...
...wie ein gestraucheltes Pferd
Ich habe die Pistole geladen und entsichert. Ich lege an, aber ich kann nicht hinsehen.
Du stehst schon an der Tür. In deinem langen Mantel.
Ich suche den Schlüßel, ausgerechnet, in der ganzen Wohnung.
Die Katze streicht um deine Beine, um die Krücken, auf die du dich stützt. Nach der Operation wolltest du nicht mehr gehen. Zu langwierig schien dir das Kämpfen, zu salzig der Schweiß, den du dabei verlieren solltest.
Ich suche immer noch den Schlüßel und auch nach meinen Zigaretten und dem Feuerzeug. Auf dem Weg in die Küche bemerke ich, dass ein Sonnenfleck auf deine Haare fällt. Du hast die Haarfarbe, von der man immer nur hört, aber niemals glaubt, sie einmal sehen zu können: wie Honig.
Du siehst mich an und ich versuche ein Lächeln und fast gelingt es mir auch. Du bist geduldig, wie du es immer mit mir warst. Aber du lächelst jetzt nicht mehr, so wie früher, vor dem Unfall.
Du beugst dich umständlich zu unserer Katze hinunter, nimmst sie schließlich auf den Arm und ich höre das Schnurren bis in das Schlafzimmer, in dem ich jetzt weiter suche...
Als du das erste Mal in meinem Bett warst, hast du gesagt, dass das Zimmer wirklich so aussieht, wie man sich das Schlafzimmer einer Frau vorstellt. Und ich sagte, dass das vielleicht daran liegt, dass ich eine Frau bin. Wir lachten und stürzten ineinander und es ging so schnell vorbei, wie man eine Buchseite umblättert...
Später in dieser Nacht hast du im Schlaf gemurmelt. Deine Stimme war so tief, so warm, so voller Zufriedenheit und ich musste weinen darüber...
Du wolltest niemals zugeben, dass du mich liebst, dass du mich begehrst und dein Blick versprach nie etwas. Und du hast dir nie genommen, was du wolltest, immer hast du gewartet, bis ich geben wollte...
Eine gestrauchelte Liebe...
- Wenn du weggehst, hast du mal gesagt, muss meine nächste
Freundin auch pigtails tragen, damit du dich ärgerst.
Und dann haben wir beide darüber gelacht. Und dann habe ich das vergessen, wie man eben vergißt, wie den Müll, den man runterträgt. Aber Schwingungen, Düfte, Geräusche, Erinnerungen kann man nicht entsorgen. Sie sind wie ein Bleistiftstrich – man radiert und trotzdem bleibt etwas, wie ein Schatten, sichtbar...
Und jetzt stehst du an der Tür und sprichst mit der Katze. Du willst dich nicht wieder setzen, weil du dann nicht mehr gehen könntest, sagst du. Und du sagst, ich soll mir ruhig Zeit lassen. Du stehst an die Wand gelehnt und dein Körper, den ich immer so begehrenswert fand, weil ich das liebte, was in deinem Kopf war, dein Körper hat dich verlassen, nach dem Unfall. Ich sehe deinen Leib durch den langen Mantel hindurch. Ich sehe deinen Bauch, dein Geschlecht, dass so unendlich gut und intensiv und ganz nach dir riecht, ich sehe deinen Rücken mit dem Tattoo darauf. Aber er paßt dir nicht mehr, dieser Leib, er ist wie gestohlen...
- Was ist eigentlich passiert, Judith, hast du mich irgendwann gefragt. Ich wußte, was du meintest, aber ich wollte Zeit gewinnen. Ich stellte mich ahnungslos.
- Träumst du noch von mir?
- Wann?
- Nachts.
- Nein.
Ich versuchte dir zu erklären, dass man von den wirklich großen Lieben wahrscheinlich nur am Tag träumt. Aber dein Blick blieb skeptisch. Du hast mich an dich gezogen und wolltest mich festhalten. Mein Kopf hast du an deine Brust gedrückt – so musste ich dich nicht ansehen. Du schlangst deine Arme um mich wie ein Ertrinkender. Heute weiß ich, dass du tatsächlich dabei warst, zu ertrinken und mich mit dir reißen konntest. Wäre alles anders gekommen, wenn ich es damals schon gewußt hätte? Du wolltest mich küssen und ich konnte nicht anders, als dich auch zu küssen. Und ich hatte Angst vor dieser Größe, dieser Bedingungslosigkeit, die ich mir nicht erklären konnte...
- Ich spüre dich nicht mehr, Judith, flüstertest du in diesen Kuß hinein. Das war traurig, aber ich konnte dir nicht sagen, dass ich alles ändern werde, weil ich schon damals wußte, dass ich es nicht kann.Und ich spürte deine Angst vor dem Verlust, der unausweichlich kommen sollte...
Eine gestrauchelte Liebe ist wie ein gestraucheltes Pferd...
Du setzt die Katze auf den Boden, nimmst deine Krücken und humpelst zum Klo. Als die Tür zufällt, sehe ich meinen Schlüßel im Flur an der Gasuhr hängen. Vorsichtig nehme ich ihn und verstecke das Bund in meine Jackentasche. Ich fülle den Napf der Katze mit Trockenfutter. Sie wird es nicht anrühren, weil du sie verwöhnt hast. Sie muss sich wieder daran gewöhnen, denn du wirst nicht mehr wiederkommen...
Wenn wir neben einander gingen, hielt ich immer den Kopf gesenkt. Ich wollte nicht, dass uns jemand für ein Paar hält. Das war lächerlich, ich weiß. Ich fand auf dem Boden allerhand – Münzen, Kastanien, Steine, die wie Tiere aussahen. Du hast dich nie darüber beschwert. Irgendwann hast du mir eine kleine Kiste aus Birkenholz, die du selbst gemacht hast, für meine Funde geschenkt. So besonders war ich für dich, dass du mit Absicht Kleinigkeiten auf unseren Weg gestreut hast, nur damit ich sie finde. Irgendwann werde ich die kleine Kiste wieder entdecken im Chaos der Wohnung bei einem Umzug und alles darin wird mich an dich erinnern...
Viele Dinge kann ich mir heute nicht mehr erklären. Ich konnte das damals auch nicht, es war nur so ein Gefühl von "Nichtrichtigsein". Wenn du meine Hand nehmen wolltest, konnte ich das nur ganz selten zulassen. Manchmal in der U-Bahn bei Nacht, wenn wir uns als Paar in den Scheiben gegenüber spiegelten, konnte ich es, weil es ein schönes Bild war. Das war gemein von mir, aber ich habe es nicht bemerkt. Du schon. Und wenn du mir gesagt hast, dass du mich liebst, hat mir das Angst gemacht...
Eine gestrauchelte Liebe ist wie ein gestraucheltes Pferd. Ich habe die Pistole geladen...
Ich sitze in der Küche und trinke aus deinem Becher den Rest Kaffee, den du stehen gelassen hast. Die Katze sitzt vor mir und mauzt. Ich lächle sie an und plötzlich faucht sie und schlägt mir einen tiefen Kratzer in meine Hand, als ich sie streicheln will...
Ich weiß, dass ich vor Sehnsucht nach dir leiden werde wie ein verwundetes Tier, denn du bist mein Neujahrstag, mein Fest, mein Ziel, aber du kannst niemals meine Existenz sein. Ich weiß, dass du das nie gewollt hast, ich weiß und ich weiß, dass du das niemals sein willst, ich weiß doch schon alles und trotzdem geht nichts...
Du kommst aus dem Bad und rufst meinen Namen. Zur Bestätigung klappere ich mit dem Geschirr. Ich würde dich gerne anlügen, wenn du mich fragst, ob ich den Schlüßel gefunden habe. Vielleicht bleibst du dann noch ein bisschen und alles wird gut. Vielleicht lerne ich mich lesen, vielleicht brauche ich einfach mehr Zeit, als du mir geben kannst...
Eine gestrauchelte Liebe ist wie ein gestraucheltes Pferd. Ich habe die Pistole geladen und entsichert...
Damals, als dich der Bus angefahren hat, weil deine Augen so voller Tränen waren, dass du nicht mehr klar sehen konntest, damals, kurz nachdem ich dir gesagt hatte, dass ich dir nicht gewachsen bin, deiner Bedingungslosigkeit und ich desshalb gehen muss, du gehen musst, habe ich dich im Krankenhaus besucht. Ich habe tagelang an deinem Bett gesessen. Ich habe dir beim Schlafen zugesehen und konnte deine Hand einfach nicht mehr loslassen. Du nanntest das Ironie. Du hast gelächelt und mich gefragt, warum ich jetzt nicht die Dinge mache, die ich immer schon machen wollte und die ich mit dir angeblich nicht konnte.
- Weil ich mich ekel davor.
Du hast gelacht und mich weggeschickt. Und keine meiner Tränen konnten dich umstimmen...
- Gehen wir, fragst du mich vom Flur aus. Also hast du doch bemerkt, dass ich den Schlüßel gefunden habe. Wahrscheinlich hast du ihn die ganze Zeit gesehen.
Ich stehe auf und komme zu dir. Wir gehen in den Hausflur, ich nehme deinen Rucksack. Auf deine Krücken gestützt, gehst du langsam die Treppen runter. Vor dem Haus spielen Kinder, der Tag ist warm und freundlich. Der Weg zur Bahn ist lang. Du bleibst stehen. Schweiß steht auf deiner Stirn. Umständlich bückst du dich, weil du etwas auf dem Weg gefunden hast.
- Hier, für dich.
Du drückst mir einen Pin in die Hand. Es ist eine stilisierte Sonne, der ein Strahl fehlt, aber sie lacht trotzdem.
Eine gestrauchelte Liebe ist wie ein gestraucheltes Pferd. Ich habe die Pistole geladen und entsichert. Ich lege an, aber ich kann nicht hinsehen.
Wir stehen auf dem Bahnhof. Ich kann nicht anders – ich lehne mich an dich an und rieche dich noch einmal. Ich sehe die Blicke der Menschen die vorbeigehen: so eine schöne Frau mit so einem Krüppel. Ich würde ihnen gerne sagen, dass das nur ein Unfall war. Ich würde Ihnen gerne sagen, dass ich nicht schuld bin an diesem Unfall. Ich würde ihnen gerne sagen, dass du irgendwann wieder richtig gehen kannst mit einer, die ihre Hand nicht zurückzieht, wenn du sie halten willst. Ich möchte jetzt mit dir schlafen. Früher hätte ich dir das gesagt, aber jetzt sage ich es nicht, es käme mir wie ein Verrat vor. Vorsichtig streichst du mir die Haare aus der Stirn. Der Zug kommt. Ich bringe dich bis zu deinem Platz. Du lächelst und streckst mir deine Hand hin.
- Mach's gut, Judith.
Mehr läßt du nicht mehr zu. Keine Umarmung mehr. Kein Kuß. Ich nehme deine Hand, wenigstens das.
- Du kannst jetzt ruhig gehen, sonst kommst du noch zu spät.
Ich steige aus dem Zug. Aber ich kann den Bahnhof nicht verlassen. Ich verstecke mich hinter einem Kiosk und beobachte, wie du dir eine Zigarette anzündest. Einen Lidschlag lang habe ich das Gefühl, du könntest mich sehen. Ich weiß nicht, was schwieriger ist – fort zu gehen oder zurück gelassen zu werden und ich weiß gerade nicht, welches meine Rolle in diesem Moment ist...
Der Zug ist lange abgefahren, aber ich stehe noch immer an dem Gleis. Dein Geruch ist in meiner Nase, Liebster, ich spüre dich in mir, Liebster, dich spüre ich, nur dich und fühle dich um mich herum, überall. Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier stehen kann. Und ich denke, wie seltsam doch die Zeit ist. Sie zerschneidet alle Bindungen, alle Gefühle sinken in ihr weiches Kissen und jede Hoffnung wird beerdigt von ihr. Meine an mich in diesem Augenblick...
Eine gestrauchelte Liebe ist wie ein gestraucheltes Pferd. Beide muss man erschießen.


.jpg)


Kommentare
judith, ein schönes synonym für eine fast so schöne geschichte.
03.02.2009, 19:05 von Blocksbergpuh
07.11.2008, 12:11 von TNT