ArvidKjaer 08.12.2010, 10:18 Uhr 29 11

Ein fremder, vertrauter Ort

Getrennt gehen wir nur auf den Pfad der Beziehung, die gemeinsame Wohnung bleibt erhalten. Eine Wohngemeinschaft mit der Ex-Freundin.

Ein sonderbares Gefühl in dieser Wohnung aufzuwachen. Der erste leicht verschwommene Blick nimmt alles so wahr, wie man es gewohnt ist. Die bordeauxrote Wand, die nie vollendete braune Bar, die niemals ausgeräumten Umzugkartons. Ja, selbst der erwartungsvolle, treue Blick des zu Füßen liegenden schwarzen Labradors vermittelt gewohnte Vertrautheit. Alles scheint in Ordnung. Nichts hat sich verändert. Doch eine Sache fehlt und dadurch ist am Ende alles Anders.

Es hat seine Gründe, warum eine Beziehung nicht hält. Meist ist der Bruch nur die Konsequenz vieler kleiner und großer Konflikte, aber manchmal auch nur der Auftakt zu Weiteren. Doch dann gibt es auch jene, die leise zu Ende gehen. Unspektakulär. Schleichend. Wenn die Gespräche nur noch aus Notwendigen und Inhaltslosen bestehen, dann verliert sich Nähe und Vertrautheit. Der Alltag wird zur Geduldsprobe, Sticheleien und kleine Streiterein nehmen zu, Berührungen bleiben aus. Dies war der Beginn vom Ende. Ein langes, schmerzhaftes Ende, doch nicht intensiv genug, dass auch das Herz hätte zerbrechen können. So kam es, wie es kommen musste und das erste ernsthafte Beziehungsgespräch seit langem war auch das Letzte. In einem rauchfreien Club voller qualmender Zigaretten, auf einer Party, bei der man es mit geschlechtsübergreifender Liebe nicht so hatte, stellte man fest, dass wir vielleicht doch bessere Freunde sein könnten. Eine Illusion?

Ungläubigkeit stand auch in seinem Gesicht geschrieben, als ich ihm davon erzählte. Es war nicht der Teil, dass meine Freundin und ich in Zukunft getrennte Wege gehen werden. Er sah es kommen, viele sahen es. Tatsächlich versetzte ihn ein anderer Punkt in monotones Kopfschütteln: Getrennt gehen wir nur auf den Pfad der Beziehung, die gemeinsame Wohnung bleibt erhalten. Eine Wohngemeinschaft mit der Ex-Freundin. Was ein absurder Gedanke und doch Realität. Vorerst.

Mein bester Freund war nicht der Einzige. Die meisten Reaktionen fielen so aus. Kaum einer kann sich vorstellen, dass so etwas gut gehen kann. Auch ich war mir nicht sicher. Die Frau, mit der man die Probleme und Sorgen teilte, das Bett und andere wesentliche Aspekte des Lebens, wird nun das Bad abschließen, wenn Sie duschen geht. Alles würde sich ändern.

Dennoch habe wir es versucht. Die gemeinsame Wohnung hat nun einmal seine Vorteile. Gerade als Studenten, denn das Geld für etwas Neues ist zu knapp. Wir reden hier aber auch von Lage, Miete, Quadratmetern. Es ist schwer da nein zu sagen. Zudem hat man sich etwas voller Hoffnung aufgebaut. Geschaffen. Ein kleines Paradies für Zwei, mit Gästezimmer und großer Couch. Es bedarf sicher auch keiner Erklärung, dass die Wohnung selbst ein Traum ist. Hohe Wände, große Räume, ruhige Lage, dennoch nahe des Zentrums. Alles aufgeben, weil zwei Menschen versagt haben?

Doch was ist mit der Liebe? Sie geht nicht weg. Das ist das Problem. Wie soll sie das auch? Wenn man mit dem Menschen jeden Tag zu tun hat? Andauernd an ihn erinnert wird? Wenn man redet, lacht und das Leben so leicht nimmt, als wären es die ersten Stunden der gemeinsamen Zukunft. Man isst zusammen, schaut gemeinsam Filme und ab und zu zieht man zusammen um die Häuser. Wie Freunde. Gute Freunde.

Falsche Freunde. Denn es wird immer mehr sein, als es ist und immer weniger, als man möchte. Egal wie sehr man sich einst von einander entfernt hatte, solange einem der ehemalige Partner so wichtig ist, solange man noch etwas für ihn empfindet, bleibt es ein Kampf um Aufmerksamkeit und Nähe. Trennungswunden, die nicht richtig heilen, bilden Narben. Man kann sich nicht auf jemanden Anderen einlassen, ohne verletzend zu sein. Daher hat man Regeln. Niemand Neues in der alten Wohnung. Man flieht, um das zu finden, was man sich nicht mehr geben kann, und tröstet sich, denn ein Zurück wird es nicht mehr geben. Jeder weiß es, jeder spürt es. Jeden verletzt es. Es wird nichts gesagt, nur gelacht.

Ich schaue aus dem Fenster, ihr nach. Sie steigt zu ihm ins Auto. Mein Handy klingelt, eine Frau, doch nicht Sie. Das Leben geht weiter. Man kann nicht stehen bleiben. Doch das Zusammenleben mit der Ex-Freundin ist eine Illusion. Solange Gefühle im Spiel sind, können und werden sie verletzt. So schnell werden sie unter diesen Umständen nicht verschwinden und dies wird für Spannungen sorgen. Am Ende bleibt nur eine unerfüllte, schmerzhafte Hoffnung und die tägliche Erinnerung, dass dieser Ort für etwas Anderes bestimmt war.

Ein sonderbares Gefühl in dieser Wohnung einzuschlafen. Das Letzte was ich sehe ist nicht die bordeauxrote Wand in meinem Zimmer, sondern die leere Stelle neben mir im Bett. In der gemeinsamen Wohnung mit der Ex-Freundin.

11

Diesen Text mochten auch

29 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Warum soll man Freunde bleiben, wenn man es nie gewesen ist? Raus da, aber sofort.

    16.12.2010, 13:24 von Iris191
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich könnte das nicht. wenn es tatsächlich aus sein soll muss auch der kontakt weg. wenn gefühle noch da sind. mir fällt es schwer, keinen kontakt zu haben, aber alles andere würde nur irgendwo zwischen hoffen und bangen sein.
    ich wünsche euch viel glück dabei, aber ich denke das funktioniert maximal dann, wenn beide eine neue beziehung haben...

    14.12.2010, 18:40 von paleica
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich hab das auch mal für ein paar Monate gemacht. Notgedrungen - Kündigungsfrist und absolut kein Geld.
    Ich hab fast keine Erinnerung an diese Zeit, obwohl mein Gedächtnis normalerweise sehr gut ist. Ich glaube, es ging mir nie schlechter. Beende das, so schnell du kannst.

    09.12.2010, 21:53 von Lisabet
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hey! Ganz ehrlich: Wenn du sie noch liebst, und so hört es sich an, dann such dir bloß ne neue Bleibe!!

    Letztendlich bist du doch derjenige, der darunter leidet, wenn sie ins Auto ihres Neuen steigt. Wieviel Zeit willst du nun vergeuden? Mit falschen Hoffnungen, Sehnsucht - nach der Frau, die dich nicht mehr liebt? Zieh aus, such dir ein WG-Zimmer wenns Geld nicht für ne eigene Wohnung reicht.

    Los! Jetzt!

    Liebe Grüße und alles Gute wünsch ich dir!

    09.12.2010, 16:53 von leuchtsusi
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ...schön geschrieben. In meiner Wohnung gehts grad ganz genauso zu. Und ich kann nachvollziehen wie sich das anfühlt... Das macht beide komplett fertig schon allein der Blick des anderen wenn man bei ner Freundin übernachtet und am nächsten Tag heim kommt.
    Aber um die Wohnung ist es immer so schade.
    Viel Glück auf jeden Fall. Wird schon!

    09.12.2010, 10:33 von ellies_cat
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Danke für diesen Text! Jetzt konnte ich mal einen Einblick in das Leben eines Mannes werfen, der genau in dieser Situation ist und genau deshalb den Kopf noch nicht frei hat für was neues, für mich. Meinst du denn für Dich bestünden ernsthafte Chancen jemand neues kennenzulernen, wenn du alte Türen noch nicht geschlossen hast?

    09.12.2010, 08:31 von See_Emm_Why_Kay
    • Kommentar schreiben
  • 0

    yes, das ist hart...gut geschrieben

    08.12.2010, 22:56 von nic.is.listen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Das hat meine Schwester auch versucht. Nach 6 Wochen hat der Ex ne andere mit in die Wohnung gebracht und dann flogen die Fetzen. Es endete damit, dass ich um 4 Uhr morgens angerufen wurde vom heulenden Ex, dass ich meine Schwester bitte abholen soll! Echt üble Situation!
    Such dir ne neue Bude! Du hast keine Ahnung wie stark ihr euch gegenseitig noch verletzen könnt!

    08.12.2010, 22:36 von Sternschnupppe
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare