GoettinUndHeldin 02.02.2013, 14:36 Uhr 22 60

Ehrlicher Fehler

Für M. Numero 8

Seit dem Kindergarten warst du dieser eine Mann, der immer in meinem Leben war, immer an meiner Seite.

Ja, wir hatten Zeiten ohneeinander, zerstrittene Zeiten. Zeiten, die unsere Freundschaft auf die Probe stellte. Zeiten großer Lieben, Zeiten, in denen andere Menschen wichtiger waren, mehr Raum einnahmen. 
Aber schon damals wusste ich, und noch heute weiß ich, am Ende, am Ende, Marvin, am Ende warst es immer du. 
Man sagt, am Ende kommt man immer zu den Menschen zurück, die immer schon da waren. Ich sage, das stimmt. Es stimmt.

Wir waren immer bemüht, dieses Geschenk, das unsere Freundschaft war, zu wahren. Sie nicht anzutasten, die Grenzen nicht zu überschreiten. Wollten allen beweisen, dass Freundschaft zwischen Frauen und Männern funktionieren kann. 
Aber wir wussten beide, dass das nicht stimmt. Nicht bei uns. Wir wussten es die ganze Zeit über. Und aus Angst, es zu zerstören, wenn es wahr würde, wehrten wir uns dagegen, blendeten es aus, liebten andere, um unsere Liebe nicht sehen zu müssen. Bis zu diesem einen Abend.

Weißt du, ich habe immer gelogen, wenn ich nach meinem ersten Kuss gefragt wurde. Mein erster Kuss warst du.
Ja, wir waren Kinder. Kindergarten. Das zählt nicht, würde man sagen. Aber doch, ich glaube, das zählt. In diesem Fall zählt es. Manchmal habe ich Angst, zu beschönigen, wenn ich von dir, von uns erzähle. Aber nein, das tue ich nicht. Dieser erste Kuss war nicht romantisch, nicht überragend. Es war eben einfach ein Kindergartenkuss. Aber es war ein Kuss. 

Und natürlich gehörte zu unserer Verbundenheit auch eine körperliche Nähe. Aber wir haben immer darauf geachtet, die Grenzen nicht zu überschreiten. Bis zu diesem einen Abend.
Wir waren weg, mit den anderen. Ich hatte mich mit Julian gestritten. Damals war es noch Julian.Es spielt keine Rolle, weshalb wir uns gestritten hatten. Er war gegangen, wütend. "Ja, dann mach ohne mich Party, Fine. Ist dir doch eh lieber! Fuck off!" hat er gesagt. Du warst auch wütend. Dein Beschützerinstinkt. Ich habe nie einem Mann erlaubt, mich zu beschützen. Außer dir. Ist immer noch so.
Ich habe einfach nur Bier getrunken, du hast dich aufgeregt. 
Es war okay, wir waren cool. 

Wir haben getanzt. Ich konnte nicht tanzen. Aber du ja auch nicht. 

Die anderen waren nicht da, nur wir. Und Leute aus deiner Schule. Es war eben eine dieser grässlichen Partys, in einer Zeit, als wir noch nicht wussten, wie man richtig Party macht. Aber wir fanden es cool. Und im Nachhinein ist es auch cool, weil wir freier waren. Jedenfalls kommt es mir heute so vor, wir waren ausgelassener, weil wir gerade erst anfingen, das Leben zu entdecken. Alles war eine riesen große Party und solange genug Bier da war und die Musik stimmte, war alles egal. 

Es fällt mir schwer, über diesen Abend zu schreiben, weil ich weiß, dass wir damals viele Menschen verletzt haben. Wir haben die Regeln gebrochen. Auf Kosten anderer. Auf Kosten unserer Jungs. Unseres Teams. Und es fällt mir deshalb schwer, weil wir, weil ich es nie bereut habe. Obwohl es falsch war, war es trotzdem richtig. Wir mussten es herausfinden, ob wir uns noch näher sein konnten, als wir es schon waren. Wir mussten dieses Absolute, Wahre spüren.

Du hast mich geküsst. Oder ich dich? Wir uns. Bier in der Hand. Du hast geraucht, draußen vor der Tür. Im Hintergrund der Bass der Musik. Ich fand es grässlich, dass du rauchtest. Wenn du mich sehen könntest, wie ich das hier aufschreibe und dabei eine nach der anderen rauche, du würdest lachen müssen und mir erzählen, was für Vorwürfe ich dir damals gemacht habe. Vermutlich müsste ich auch lachen. 
"Willst du das wirklich, Fine?" hast du mich gefragt.
Ich habe auf den Boden geschaut. "Willst du das wirklich, Marvin?", habe ich zurückgefragt. 
Du hast dein Bier auf den Boden gestellt, die Kippe ausgedrückt, deine Hand unter mein Kinn gelegt, und...

Verdammt, waren wir jung.
Als ich am nächsten Morgen neben dir aufwachte, wusste ich, dass wir Scheiße gebaut hatten. Große Scheiße. 
Aber es hatte sich richtig angefühlt.
"Guten Morgen", hast du in dein Kissen gemurmelt, als ich mich aufsetzte. Und doch, dein verwuscheltes Haar, dein Arm, der mich eben noch umfangen hielt - du warst unglaublich schön in diesem Moment.
Und ich wusste, dass ich nichts bereute, nie bereuen würde.
Du hast dich auch aufgesetzt, als ich nichts gesagt habe. 
"Fine, geht's dir gut?", hast du gefragt. Dann hast du mich in deinen Arm gezogen.
"Ich weiß nicht.", habe ich geantwortet. "Ich weiß es nicht."
"Ich liebe dich." hast du geflüstert.
"Ich liebe dich." habe ich zurück geflüstert.
"Also war das auch okay." hast du dann gesagt. Aber es klang mehr wie eine Frage, als eine Antwort. Verunsicherung, oder war es Angst, in deinem Blick?
Ich habe genickt.
Und du hast dich wieder hingelegt. 
Ja, es war okay. 

Wir haben es den anderen nie erzählt. Und doch wussten sie es. Julian wusste es. Cristiano, Geraldo. Sie wussten es und es hat vieles schwerer gemacht.
Und doch war es unser Geheimnis, war es etwas, das nur uns gehörte. Wir wussten jetzt, wie nah wir uns sein konnten. Wir wussten jetzt, dass wir nur uns gehörten. Dass es am Ende immer nur wir beide sein würden.

In deinem Abschiedsbrief hast du geschrieben, dass du vorhattest, mich später zu fragen, ob ich dich heiraten will. Und dass der Mann, den ich mal heiraten werde, wissen soll, dass er das größte Glück der Welt hat. Eigentlich finde ich Heiraten spießig. Aber dich würde ich auch heute noch heiraten, vielleicht. Weil wir am Ende immer zu denen kommen, die immer schon da waren.

Ich war glücklich, an diesem Tag, als ich nach Hause ging. Es war ein egoistisches Glücklichsein, weil ich jetzt wusste, dass ich tatsächlich die einzige Frau in deinem Leben bin. Aber du wusstest auch, dass du der einzige Mann in meinem Leben bist. 

Heute frage ich mich manchmal, warum wir nicht einfach ehrlich zu uns und ehrlich zu den anderen waren, warum wir es nicht einfach in die Welt hinaus geschrien haben, dass wir uns liebten. Und weshalb wir all die Chancen, es zu tun, haben verstreichen lassen. 
Aber vielleicht war unsere Angst zu groß, dass wir uns verlieren würden. So blieb es bei dieser einen Nacht. Dieser einzigen absoluten Nähe. Danach hatten wir alle Vertrautheiten erlebt, kannten uns. Vollkommen, letztlich. Niemandem war ich jemals so nah, wie dir. Und niemandem habe ich mich je so verletzlich gezeigt. Vielleicht werde ich es nie wieder können. Aber vielleicht ist das auch okay. 
Denn eines Tages, wenn auch meine Zeit hier vorüber ist, wirst es wieder du sein. Und vielleicht ist das dann wie Heimkehr. Vielleicht ist das die wahre Heimkehr. Nicht Rückkehr zu Gott, nicht Rückkehr zum großen Nichts, nicht Rückkehr zu irgendetwas . vielleicht ist es am Ende einfach Rückkehr zu dir. Und vielleicht ist es dann Zeit für Ehrlichkeit, Zeit, Chancen nicht verstreichen zu lassen. Vielleicht kann ich dir dann endlich alles sagen, was ich nicht mehr sagen konnte.Vielleicht können wir dann alles nachholen.

Vielleicht wird es ein neuer Anfang sein, dieses Ende. Eines Tages.




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22 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Unglaublich schön und unglaublich traurig.

    08.02.2013, 17:21 von schmetterlingslachen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich finde, du schreibst ganz angenehm.
    Wenn ich jetzt mal davon ausgehe, dass du = das lyrische Ich bist, frag ich mich nur ob deine Freunde tatsächlich alle so schräge Namen haben, das klingt nämlich etwas unecht. Weiterhin erinnert mich: Und dass der Mann, den ich mal heiraten werde, wissen soll, dass er das größte Glück der Welt hat.
    schrecklich an einen Spruch aus "Er steht einfach nicht auf dich" und ist ein blöder Klischeesatz, aber gut. Hat halt irgendwie aus der Stimmung gerissen.

    Man fragt sich, warum er einen Abschiedbrief geschrieben hat, und warum ihr euch nicht getraut habt. Schade drum, vielleicht wärs perfekt geworden.

    08.02.2013, 08:32 von halbkindmf
    • 1

      Hm, hab jetzt deine andern Texte gelesen, damit haben sich meine Fragen dann erledigt.

      08.02.2013, 09:53 von halbkindmf
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  • 0

    Jau...

    06.02.2013, 08:03 von sailor
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  • 0

    "Denn eines Tages, wenn auch meine Zeit hier vorüber ist, wirst es wieder
    du sein. Und vielleicht ist das dann wie Heimkehr. Vielleicht ist das
    die wahre Heimkehr. Nicht Rückkehr zu Gott, nicht Rückkehr zum großen
    Nichts, nicht Rückkehr zu irgendetwas . vielleicht ist es am Ende
    einfach Rückkehr zu dir."

    Danke dafür, spricht mir aus der Seele.

    06.02.2013, 02:23 von Seemannsblau
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  • 0

    irgendwie schon rührend, das ließ mich weiterlesen, obwohl ich es sonst nicht wirklich ansprechend find... es klingt auf eine schöne Weise naiv

    05.02.2013, 18:31 von EliasRafael
    • 0

      Ja, gell.
      Ich mein auch, das ich sowas sonst eher nicht zu Ende lese. Aber irgendwie konnte ich nicht einfach aufhören damit. Seltsam.

      05.02.2013, 21:24 von Tanea
    • 0

      Naiv?
      Das find ich ja nun garnicht...

      06.02.2013, 07:58 von sailor
    • 1

      sagen wir frei von Zynismus oder Ironie, das passt vielleicht besser

      06.02.2013, 08:31 von EliasRafael
    • 0

      "frei von Zynismus oder Ironie"
      dem würd ich auch zustimmen und genau das macht den text so großartig!

      06.02.2013, 23:33 von MissFallen
    • 0

      Ich musste grade so hart lachen =P
      Naiv - Definition: frei von Zynismus oder Ironie
      Das beschreibt das Selbstverständnis vieler Neon-user herrlich genau.

      Aber ich stimme dem ganzen voll zu. Ich kann so Texte eigentlich nicht ertragen. Aber nach dem auf der Startseite ist das jetzt schon der zweite... es ist irgendwie fesselnd. Und wirklich schön frei von Zynismus, das spricht mich auf eine ehrlich empfundene Weise an.

      08.02.2013, 02:42 von Dalek
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  • 0

    sehr schwer den text und auch ihm zu folgen... 

    aber man ist ab der hälfte wirklich gefangen. 
    die namem stören mich persönlich ein name und ein scheinbarer spitzname das reibt ein bisschen... 
    aber irgenwas sehr schönes hat der text ich glaube getragene ehrlichkeit. schmerzlich und trotzdem so warm...

    05.02.2013, 18:16 von Love_the_People.
    • 0

      Es ist schön, dass rüberkommt, was ich erzählen möchte, dass es Schwer ist, zu folgen, kann ich nachvollziehen. Was genau meinst du mit den Namen? Das verstehe ich nicht ganz..

      05.02.2013, 18:21 von GoettinUndHeldin
    • 0

      fine und marvin... das waren für mich immer die stellen wos gebrochen wurde und ich abzuschweifen begann... 

      vielleicht so eine art sollbruchstelle... manchmal (vorallem) anfangs war man aber schnell vom text weg 

      05.02.2013, 18:30 von Love_the_People.
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  • 2

    Ich habe mich nur hier angemeldet um dir zu sagen, dass ich deinen Text mochte. Sehr. Nicht weil ich ihn mit irgendwas verbinde, nur weil er ehrlich klingt. Und das ist so selten, dass es kostbar ist.

    05.02.2013, 17:09 von IToldYouSo
    • 0

      Dem kann ich nur zustimmen ! Klar und ehrlich . Einfach gut !

      05.02.2013, 18:27 von featherbird
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  • 3

    Boah, da mußte ich mich echt zwingen, gedanklich nicht abzuschweifen...  Naja, Auswahl der Startseitetexte ist und bleibt subjektiv.

    05.02.2013, 11:54 von Tanea
    • 0

      Ich habe erst jetzt gesehen, dass mein Text auf der Startseite angezeigt wird. Ich kann nachvollziehen, dass man abschweift. Aber ich versuche einfach, dass ehrlich aufzuschreiben, so wie es war. Da geht es eher um den Prozess, als um das Endprodukt. Ob Texte einem gefallen, ist und bleibt eben auch subjektiv.

      05.02.2013, 17:51 von GoettinUndHeldin
    • 1

      Ich konnte mich von dem Text gar nicht lösen: ich hatte das Bedürfnis zu erfahren wieso du diesen Brief schreibst... wäre es ein "schade wir passen nicht zusammen und haben aber immer unsere freundschaft" ende, wäre ich enttäuscht gewesen...
      aber dieses ende, hat mich wirklich weg gehauen, vor allem, weil es nicht fiktiv ist!!

      05.02.2013, 18:14 von LeraFairytale
    • 0

      Ich hab mal versucht, meinen Beitrag bewußt wertfrei und neutral zu halten. Scheinbar ist es mir sogar gelungen. :-)

      05.02.2013, 21:22 von Tanea
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