cck 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Durchschnittsmensch

Du bist mein Durchschnittsmensch.

Du trägst skinny, zerissen oder boyfriend, hast dunklen Ansatz auf aschblondem Haar und redest über Bands mit englischen Namen, die keine Sau kennt. Du schwärmst von Goji und Acai und ehe ich erfrage wo deren Modekollektion verkauft wird, erklärst du mir die Welt der Superfoods. Ich hör' dir nicht mehr zu, weil du wesentliches schon gesagt hast. Möglichst kein Durchschnitt zu sein ist die Credo deiner Großstadt-Philosophie, bist geltungsbedürftig und stets die Urkunde anpeilend, in den Bundesjugendspielen der Generation individuell. Die Spießer kotzen dich an und auf 'ne höfliche Art verachtest du den kleinbürgerlichen Konservativismus der Durchschnittsmenschen, die feine Brille tragen und Fleisch konsumieren, Charts hören und Nichtraucher sind. In deinem Kosmos ist der Antichrist der Mittelweg, ein 'befriedigend' auf's Kunstprojekt, ein Leben mit Schnittmenge und Zugehörigkeit, meistens Kaffee, selten Mate. Du schaust mich an, ich schau durch dich durch und kann deine strahlenden Augen hinter Subkultur und Etikett erkennen, wo du keinen Eyeliner und Lippenstift trägst, sitzend am Küchentisch mit Nutellabrot und schuldbewusst grinsend, dass du heute Morgen einfach kein Bock auf Palmöl-bashing hast; du siehst so durchschnittlich aus, neu zugezogenes Kleinstadt-Mädchen, Elternhaus mit weihnachtlichen Kirchgängen und einem zu autoritären Vater; du siehst so durchschnittlich aus, dein Abi mit 1,3 gemacht, immer gelernt und Panikattacken geschoben, so wie alle anderen halt. Ich will deinen Durchschnitt so sehr, dass ich dir's nicht sagen kann ohne dass du dir eingestehen müsstest, dass du Angst hast nicht genug zu sein, weil da so viele andere, Ähnliche, Durchschnittliche, Leute so wie du sind. Aber ähnlich ist knapp vorbei und doch daneben, weil dein Lachen weicher ist und deine Stimme wie wild camping in Norwegen klingt, du am Klavier wie eine Königin jeden Zweifel im Spiel der Tasten erstickst und ich dein mehr gar nicht brauche, gar nicht will um dich zu lieben, weil dein Durchschnitt mir längst reicht, dein Durchschnitt dein mehr ist. Keine Subkultur kann dir gerecht werden ohne deinen Wert zu verzerren und zu verschweigen; weil du eigene Subkultur bist und dein Durchschnitt jegliche Individualität auf ewig in Frage stellt. Du bist mein Durchschnittsmensch.  

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