oliviastella 14.01.2013, 22:38 Uhr 5 9

Durchbruch

Meine Geschichte über eine Zeit in meinem Leben, die als schmerzhafte, einseitige Liebesgeschichte beginnt und mit dem Erwachsenwerden endet.

Heute Abend hatte ich am Telefon eine Diskussion mit meinem Vater. Er meinte, ich würde keine Psychotherapie brauche, ich solle einfach darüber schreiben.

Ich erwiderte dass ich nicht schreiben könne.

Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann: ich solle mich nicht selber schlecht machen (das ist das Problem, in allem, dass ich mir ziemlich wenig zutraue). Ich fügte hinzu, das Buch müsse doch einen Aufbau haben, eine gute Geschichte reiche nicht aus.

Er: das stimme nicht, gute Geschichten bräuchten keinen Aufbau, ich solle einfach anfangen zu schreiben. Er würde es auch korrigieren.

Ich meinte, das würde er wahrscheinlich gar nie lesen wollen. Mit ein bisschen Zynismus.

Also gut: Psychotherapie. Für etwas gibt es so etwas, die sind ausgebildet um einem zu helfen. Franco hätte das nie in Anspruch genommen. Weil seine Generation glaubt, so etwas würde man nicht brauchen. Aber darum hatte ich auch all die Probleme mit ihm. Also eine gestörte Beziehung mit einem Mann, der glaubt, er hätte keine Probleme. Und ich verzweifelte daran. Na ja.

Gut, ich kann auch ein Buch schreiben, kostet weniger (beziehungsweise wie mein Vater meint: ich könnte auch noch reich werden – glaube ich momentan noch nicht gerade).

Franco. Mein Vater meint, ich sei eine selbstständige junge Frau (und Franco sei ein alter Mann), ich könne selber entscheiden, ob ich Kontakt möchte oder nicht. Ich bräuchte keinen Therapeuten dazu. Da sieht man, Franco und mein Vater gehörten einer ähnlichen Generation an. Wobei sie dann doch sehr viel unterscheidet.

Ich kann selber entscheiden. Das stimmt. Ich bin nicht fremdgesteuert. Ich kann Franco nie wieder anrufen und nie wieder auf seine Anrufe reagieren.

Wegziehen könnte ich auch. Aber das möchte ich nicht. Die Region gehört niemandem, wir haben beide das gleiche Recht hier zu leben. Ich möchte nicht weg. Zum ersten Mal fühle ich mich irgendwo zu Hause. Meine Wurzeln. Ich bin nicht die, die weg muss, nicht ich, nein.

Ich bin hierhin gekommen, zarte unreife 20 Jahre alt. Nach 17 Jahren ganz woanders. Ohne die Eltern zurück in die alte Heimat. Und plötzlich bin ich angekommen. Kurz nach meiner Ankunft habe ich Franco getroffen. Ein Abend, den ich nie wieder vergessen werde. Ich war so jung damals. Meine erste Woche im Restaurant, Servicemitarbeiterin. Noch nicht gewohnt, mit Erwachsenen intensiven Kontakt zu haben. Scheu. Und dann kam er.

Irgendwie wusste ich es an diesem Abend. Wie man so etwas eben am ersten Abend wissen kann. Da spielt viel Naturebene mit. Chemie. Und dann Sympathie. Gepaart mit Naivität. Und dem charmantesten Lächeln, welches ich je gesehen hatte. Ein Macho eben. Ein Macho mit Schwächen, und ich fiel rein in dieses Loch aus nichts und Melancholie. Er ass Salznüsschen. Kam hinter den Tresen, wollte das Papier in den falschen Abfall werfen, also da, wo das Altglas drin war. Ich nahm es ihm aus der Hand, er wusch sich die Hände und wollte wieder gehen. Da streckte ich ihm das Abtrocknungstuch hin. Und er lächelte mich an.

Diese Handlung ist wie ein Film gespeichert. In meinem Kopf, in meinem Herzen. Niedergeschrieben in meinem Tagebuch, x-mal gelesen. In der harten Zeit, bis er mich dann endlich auch sah. Und auch nachher. Um die Magie noch einmal zu spüren. Um mir klar zu machen, dass das Ganze passieren musste, dass es an diesem Abend klar war. Da hat das Schicksal mich erwischt. „Taschschsch“, und nichts war mehr wie es war. Sein Blick, da habe ich etwas gesehen, nach dem ich mich seitdem sehne. An diesem Abend ging ich schlafen, und ich träumt die ganze Nacht von ihm. Unruhige Träume, wurde wach, glaubte, er sei in meinem Zimmer, schlief wieder ein, träumte wieder von ihm. Dieser Abend und diese Nacht haben mein Leben geprägt. Wenn ich das damals gewusst hätte, vielleicht wäre ich besser nicht arbeiten gegangen. Oder gar nie zurück in die Region gegangen. Wäre an dem Ort geblieben, an dem ich aufgewachsen bin, ereignisloser aber zufriedener. Und ohne diese ergreifende, destruktive Sehnsucht.

Ich kann heute nicht mehr sagen, was anders geworden wäre, wenn ich ihm nicht begegnet wäre. Weil so viel sonst passierte, rundherum. Ich wurde erwachsen, und das wäre ich auch geworden, wenn er nicht gewesen wäre. Es passierte viel Gutes, das ich mit ihm verbunden habe, dabei wäre es vielleicht auch ohne ihn passiert. Er war wie ein Stachel, der fest in dieser Zeit steckte. Halt gab und schmerzte. Diese Phase durchdrang. Nicht mehr wegzudenken war.

Nach diesem Abend war alles anders. Mein Leben und mein Denken hat das Schicksal in Sehnsucht getränkt, und nichts war mehr wie zuvor. Franco durchdrang mein Leben. Die Gedankten an ihn waren allgegenwärtig. Dabei sah ich ihn zuerst über einen Monat nicht mehr. Warten. Hoffen. Träumen. Googeln.

Als ich ihn dann wieder sah, da war ich schon völlig verschossen. Und habe an diesem Tag gerade seinen Jahrgang erfahren. Ich wusste, dass er schon älter ist. Aber so alt, es hätte ein Schock sein müssen, aber irgendwie, ich konnte nicht mehr zurück. Es interessierte mich einfach nicht. War für mich schon normal geworden. 10 Jahre älter als mein Vater, 36 Jahre älter als ich. Das war eben einfach so.

Dann begann das, jedes Mal, wenn er ins Restaurant kam, war ich nervös, verlor den Boden unter den Füssen, wurde rot, meine Souveränität war weg. Scheue Blicke. Die manchmal erwidert wurden.

Ich weiss nicht, warum mir so etwas passiert ist. Diese Zeit. Warten. Warten. Warten. Ihn sehen, und doch nicht in Kontakt treten zu können. Dann wieder warten, warten, warten.

Mein Vater wusste es damals noch nicht. Zum Glück. Es ist wahrscheinlich schwierig für ihn. Ein Vater möchte so etwas nicht wissen, glaube ich. Ich habe es meinen Eltern trotzdem erzählt. Weil ich nicht wollte, dass sie aus einer wichtigen Phase meines Lebens ausgeschlossen werden. Ich weiss nicht, ob sie diesen Zug zu schätzen wussten.

Mein Vater meinte, ich brauche keinen Therapeuten. Ich sei eine erwachsene Frau, ich habe es selber in der Hand was ich tue und was nicht. Falls ich das Gefühl hätte, ich würde zu ihm zurück wollen, dann soll ich es tun. Und die Verantwortung dafür übernehmen.

Ich: manchmal sei es wie eine Abhängigkeit. Für den kurzen Rausch.

Er: Wenn es so sei, dann bräuchte ich vielleicht doch professionelle Hilfe.

Ich: Es sei nicht so, dass ich nicht frei entscheiden könne. Aber ich wisse nicht, warum ich manchmal das Gefühl bekomme, ich müsse zurück zu ihm, warum ich ohne ihn diese Leere verspüre. Dieses Reissen. Ob es eine Sucht ist, oder ob in meinem Kopf etwas anderes gespeichert ist. Wie: „Er ist es! Er ist der EINE!!!“

Mein Vater: Raucher können aufhören zu rauchen und Alkoholiker aufhören zu trinken.

Hmm, ja, ich könnte es. Aber eben, warum kommt nachts um elf dieses Gefühl, dieses „ihn-brauchen“? Warum habe ich das jetzt immer noch, obwohl ich die Geschichte gerade ausschlachten möchte?

Das Buch, falls es dann überhaupt etwas werden würde, da frage ich mich, was man da machen müsse. Damit er mich nicht verklagt. Die Frau nichts merkt. Und die Kinder. Pseudonym. Wäre sowieso ein Einzelwerk, würde für sich alleine stehen. Denn so eine Geschichte werde ich nicht noch einmal erleben. Hoffe ich.

Das habe ich einmal gelesen, dass Menschen, die sich in Beziehungen verarschen lassen, das unter Umständen immer wieder tun. Also dass es nicht reicht, mit dieser Person Schluss zu machen. Sondern dass ich herausfinden muss, warum ich mich so behandeln liess. Sonst würde ich mir wieder ähnlich Situationen suchen, mit dem nächsten Mann wieder solche Gefühle erleben, immer wieder nach meinem Muster.

Er hat mich damals, als es dann richtig begann, im fliegenden Wechsel ersetzt. Er hatte zuvor ein Verhältnis mit einer Frau, die war schön, zackig, gross, schlank, intelligent. Doch sie hatte Ansprüche. Er hat einen guten Tausch gemacht. Eine einfachere und genügsamere wie mich hätte er kaum finden können. Wenn ich sie sehe, dann hoffe ich, dass sie nichts weiss. Sie würde mich hassen, und das möchte ich nicht. Sie hat wieder einen Freund. Ich glaube, das ist einer, der ihr gut tut. Einer, um Zeit zu verbringen. So einer müsste ich auch finden.

Mit Franco kann man nicht richtig Zeit verbringen. Er ist vielbeschäftigt, immer irgendwie im Verzug und im Stress. Kaum ist er da, geht er schon wieder.

Als ich ihn damals im Restaurant angehimmelt habe, da hatte er noch das andere Verhältnis. Und ich war einfach ein kleines Mädchen. Das rot wurde, wenn er einen zweideutigen Spruch gemacht hat. Und von denen hat er viele gemacht.

Die andere Frau – sie war für mich das, was ich sein wollte. Ich dachte, so müsste ich sein, um ihm zu gefallen. Bis ich irgendwann merkte, dass er mich genau für die Andersartigkeit schätzte (plus natürlich dafür, dass ich so einfach bin – jugendliche Naivität).

Falls das ein Buch werden würde – da müsste man dann schon einiges ändern. Oder ich könnte noch zusätzliche Bonus-Materialien anhängen. Ich habe 68 Anrufbeantworter-Nachrichten. Belanglose, kurze Nachrichten. Und auch Tiefgründigere. Teilweise Wütende, Genervte. Und auch ganz Schöne, Liebevolle. Mit dem Aufnahme-Programm meines Laptops aufgezeichnet. Es zeigt etwas über meine naive, teilweise leicht besessene Liebe für ihn. Fixiert auf Festhalten und Sicherheit. Weil es alles andere war als das.

Jetzt frage ich mich, warum er mich nicht anruft, warum er mir nicht auf meinen Anrufbeantworter spricht. Etwas Schönes, Liebes. Dass er mich vermisst oder so. Ob er mich noch vermisst? Was er an mir vermisst?

In der Zeit, bevor er mich nach Hause genommen hat, da drehte sich ein innerer Leerlauf um ihn. Diese tiefe Sehnsucht nach einem Mann, den ich gar nicht kannte. Es war sonderbar. Eine gewisse Magie. Und auch riesiger Scheiss. Ein grosses Warten. Leben auf Sparflamme. Und diese Angst: was ist, wenn ich ihm nie näher kommen werde? Wenn ich heute an diese Gefühle denke, dann bin ich froh, dass ich dumm genug war um mich von ihm verführen zu lassen. Weil es einfach passieren musste, es war nicht anders möglich. Anderenfalls würde ich heute vielleicht immer noch sinnlos schwärmen.

Ich arbeitete und wartete. Schaute manchmal aus dem Fenster. Wenn ich sein Auto sah, dann schlug mein Herz so schnell, als wäre es ein junges Küken, welches man aus dem warmen Nest genommen hat. Vorfreude und Panik. Wenn ich aus der Küche oder dem Keller kam, und ihn an der Bar oder einem Tisch sitzen sah, nach Hause kommen oder in ein tiefes Loch fallen. Nicht mehr wissen, woher ich komme, wohin ich gehen muss. Und dann dieser Blick. Da versuchte ich, durch seine Schutzmauern aus Charme in seine Seele zu sehen. Sein Inneres zu erkennen. Oft ein lockeres Geplänkel. Aber manchmal diese Momente, in denen nur er und ich waren, nichts anderes.

Im Herbst ging ich alleine nach Venedig. Meine ersten Ferien seit meinem Umzug in meine alte Heimat, seit dem erlangen der Matur – und seit der Begegnung mit meiner ersten grossen Liebe. Einer Liebe, die für nichts war.

Venedig. Diese Stadt, sie hat etwas Erhabenes. Ich wäre gerne einmal mit ihm da hingefahren. Er wollte nie.

Ich war joggen. Sonntag. Alleine. Arbeitete gestern Abend im Restaurant. Meine Mitarbeiterin hat gesagt, ich sähe müde und ausgelaugt aus, ich müsste aufpassen. Ich dürfe mich nicht kaputt machen. Das hat mich erschreckt. Dass man es mir angesehen hat. Und ich fragte mich, was passieren könnte. Ob man plötzlich krank werden könnte, ob das passieren könnte, psychosomatisch. Was passieren könnte. Das macht mir Angst. Darum wollte ich mir heute einen Tag für mich machen. Zu mir schauen. Sage mir immer wieder die gleichen Sätze. „Du bist wundervoll“, „Du wirst glücklich“, „Dein Leben ist schön“. Immer wieder die gleichen Sätze, bis ich sie glauben könnte. Er hat mir nie gesagt, ich sei nichts Besonderes. Aber er hat mir auch nie gesagt, ich sei es. Ich joggte, konzentrierte mich auf die Schritte, die Natur. Und ich merkte: ich bin schön, wenn ich zufrieden bin. Es zählt nicht immer Leistung. Ich bin nicht so, und ich soll nicht so werden. Blieb stehen, atmete, dehnte, lief weiter.

Irgendwie habe ich in einem Spiegel meine eigene Melancholie gesucht. Er hat diese Leere gehabt, diese Sehnsucht, dieses Loch. Ich erkannte meine Gefühle in seinen, und gemeinsam stürzten wir in die Tiefe. Ins Nichts.

Vielleicht sucht man besser nach seinem Gegenstück, als nach jemandem, der noch mehr Defizite hat. Wir hätten gemeinsam wachsen können. Aber dazu fehlte ihm die soziale Intelligenz, die emotionalen Voraussetzungen, sich auf jemanden einlassen zu können. Oder so. Vielleicht wollte er auch einfach nicht. Weil er mit seinem Leben zufrieden war so wie es war.

Er ist in einer sehr armen Familie aufgewachsen. Das meiste, was ich darüber weiss, hat nicht er mir erzählt. Sein Vater war ein Italiener, hier aufgewachsen, hatte aber wenig. Arbeitete auf dem Bau. Trank. Seine Mutter war, glaube ich, eine liebe Person. Später, da war ich wohl schon auf der Welt, sass sie hin und wieder mit meiner Urgrossmutter auf einem Bänkchen beim Minigolf. Generationenkluft. Seine Mutter kam aus Italien, war jung und naiv, so wie ich jetzt. Heiratete. Der Mann trank, schlug sie, später auch die Kinder. Franco wurde in der Schule von den Lehrern schlecht behandelt. Die katholischen Italiener waren die Dummen. Aus ihm würde nichts werden. Später hat er die Matura nachgeholt, hat studiert und doktoriert. Und ist doch in die Region zurück gekehrt. Obwohl er in der Stadt eine Freundin hatte, die nicht mitwollte, und die er vielleicht geliebt hat. Irgendwann mal war er dann noch Regionalpräsident. Er musste es allen zeigen. Hat Geld und Häuser und Autos. Eine Frau, mit der es nicht gut gelaufen ist. Immer wieder Geliebte. Das Glück, das grosse Glück, das hat er nicht gefunden. Denke ich auf alle Fälle.

Das kleine Glück wollte ich für ihn sein. Ich fand viele Gründe, um sein Verhalten zu entschuldigen. Schlussendlich war es doch nie richtig. Weil ich immer für ihn da war. Immer. Und ich war noch so jung.

Wut, manchmal wirklich Wut. Ich wollte so lang so fest in seine Nähe. Wollte das so unbedingt. Irgendwo bin ich manchmal wirklich wütend auf mich selber. Ich habe mich selber in diese Situation rein geschlittert. Und ich tat alles, um so lange wie möglich da drin zu stecken.

Und doch bin ich auch wieder froh, dass es kam, wie es kam. Vielleicht musste es passieren. Gehörte zu meinem Leben. Was wäre aus dieser Sehnsucht geworden, wenn er sie nie mit seiner banalen Anwesenheit gestillt, später relativiert und irgendwann lächerlich gemacht hätte? Wäre sie ins Unermessliche gewachsen? Wo wäre ich dabei geblieben? In meinen Träumen ertrunken?

Irgendwann fing ich an, abends noch spazieren zu gehen. Er arbeitete oft bis nach Mitternacht. Ich schaute in sein Büro rein, war draussen, alleine, Sehnsucht und Einsamkeit und Unverständnis. Einmal ging ich danach noch in den Ausgang. Ging an seinem Büro vorbei, er, und dann rein in die Nacht. Mir war übel, ich hatte das Gefühl, ich hätte braunen Matsch in meinem Bauch. Am liebsten hätte ich gekotzt. Hätte das Bewusstsein verloren. Viel, viel getrunken. Nicht mehr spüren, dass er nicht da ist, nicht bei mir ist. So war es damals. Diese Zeit ohne ihn.

Jetzt kam gerade der Bericht, er hat mein letztes SMS endlich bekommen. In dem ich ihm geschrieben habe, ich würde nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, er solle nicht mehr ins Restaurant kommen. Der Bericht, nun weiss ich, dass er erreichbar ist. Das reissen, ihn sehen wollen, ihn spüren wollen, ihn riechen wollen. Ihn küssen können.

Daran hat sich nicht viel geändert seit damals, als dieser Wunsch aufkeimte. Ausser dass ich jetzt weiss, dass er etwas Besonderes ist, dass er sich atemberaubend anfühlt, dass er gut riecht.

Und dass es mir gefallen hat, seine Geliebte zu sein. Diese Rolle, dieses Drama, darin bin ich aufgegangen. Und das wollte ich lange nicht verlieren. Ich wollte nicht die Langweilige sein, die keine Beziehung hatte und abends zu Hause vor dem Fernseher von mehr träumt. Es gefiel mir, die zu sein, die ein Abenteuer lebte. Lieber ging es mir schlecht, als dass gar nichts gegangen wäre. Ich wollte nicht mehr zurück. Und den Weg nach vorne habe ich noch nicht gefunden.

Was ich mir damals gewünscht habe, nachdem ich ihn vielleicht fünf Mal gesehen habe: dass ich ihm am Abend begegnen würde. Auf dem Platz vor dem Restaurant. Es wäre eisig kalt. Der Schnee würde im Schein einer Strassenlaterne glitzern. Bei jedem Schritt würde es knirschen. Und ich hätte mich an ihn geschmiegt. Er hätte mich fest gehalten. Und irgendwie habe ich mir damals gedacht, dass mein Herz brechen würde, wenn ich ihn wieder verlassen müsste. Es wäre so gewesen, als hätte jemand mir das Herz aus der Brust gerissen. Der Schnee hätte sich rot gefärbt und ich wäre gefallen. Das habe ich mir damals gedacht.

Einmal, letzen Winter, waren wir auf einem Parkplatz, es hatte ein bisschen Schnee. Klarer Sternenhimmel. Ich fragte ihn, ob wir ein bisschen spazieren sollten. Wir gingen ein paar Schritte, dann drehte er um, zurück zum Auto, schaute sich nur kurz die Sterne an, dann liess er mich stehen. Ich: er solle warten. Er drehte sich um. Ich ging auf ihn zu, küsste ihn. Er küsste kurz zurück, wandte sich ab und ging zum Auto. Ich glaube, mein Herz konnte da nicht mehr brechen, das war schon lange passiert. Es war nie so romantisch, wie ich es mir vorher erhofft habe. Es gab Momente, da stimmte alles rundherum. Schnee, Mond, klare Sternenhimmel, laue Nächte. Aber es ergab sich nie das absolute Zusammentreffen von Zeit, Raum und unseren Seelen. Es gab Momente, aber sie rissen ein, zergingen, verpufften. Wir hatten nie genug Zeit, und in der wenigen vorhandenen Zeit waren wir überfordert.

Wenn ich mir Gedanken um die Welt mache, um alles, was sich auf diesem Planeten abspielt, und dann weiter, all die Planeten, die Sonne, welche so weit von uns entfernt ist, unsere Milchstrasse, und dann das, was ausserhalb sein könnte, das Unendliche, Weite; und dann diese beängstigende Möglichkeit, dass das alles zu Ende gehen könnte, ein Knall, eine Ex- oder Implosion – und alles würde ins Nichts versinken. Diese Melancholie in mir, manchmal Weltschmerz, teilweise eine gewisse Angst vor all dem Grossen, Unfassbaren. Adriano Celentano, „La situazione non è buona“, die Situation ist nicht gut, diese raue, melancholische Stimme. Irgendwie suche ich dieses Gefühl in einem Mann. Bei Franco habe ich das gefunden. Die Melancholie, gepaart mit einer Portion Lebensuntauglichkeit. Oder vielleicht Lebenstauglichkeit im Sinne von Überlebensinstinkt. Aber ohne das Vermögen, das Gute, das Schöne, das Sprühende zu sehen und zu leben. Ich glaube heute, diese schmerzende Melancholie gehört zu einer Eigenschaft, die in einer Liebensbeziehung nicht kumuliert werden soll. Wahrscheinlich brauche ich einen Mann, der eine bejahende Tiefe hat. Ein unzerstörbarer Glaube an das unschuldige Gute.

War wieder joggen. Da ist mir etwas anderes aufgefallen: GPS-Track, Zeitmessung, Kilometer zählen usw., mein ganzes Leben könnte ich messen, vergleichen, in Leistung umwandeln. Heute war ich besser als gestern, aber schlechter als letzte Woche. Und Person X rennt langsamer als ich, aber macht mehr Kilometer am Stück. Diese Zahlen, diese Leistungsorientierung. Ich möchte laufen, weil es mir Freude bereitet, mich zufrieden macht. Laufen, manchmal anhalten, eine Stunde, mal mehr, mal weniger. Ich möchte nicht alles tabellarisch festhalten, vergleichen, messen.

Zahlen. Anfangs, als das mit Franco begann, da habe ich versucht, die Kontrolle mit dem Zählen zu behalten. Ich zählte alles. Wie oft er mich pro Woche anrief, wie viel Mal wir uns pro Monat getroffen haben, und sogar wie viele Orgasmen ich hatte. Ich zählte, verglich, hoffte auf eine positive Tendenz. Bis ich merkte, dass es nicht um Quantität geht. Dass ich die Beziehung nicht so einordnen kann. Schlussendlich war unsere Tendenz negativ. Nicht zahlenmässig, und auch nicht effektiv. Aber meine Toleranz, meine Gutmütigkeit, meine Naivität nahmen ab.

Beim Joggen habe ich eine Kuh gesehen. Ich mag diese Tiere. Und es macht mich zufrieden und friedlich, wenn ich eine Kuh auf einer Weide sehe. Der Gedanke, dass tausende von diesen schönen, ruhigen Tieren tagelang in einem Stall angebunden sind, steife Muskeln, keine Bewegungsfreiheit, keine soziale Interaktion. Manchmal denke ich, dass ich Ähnlichkeiten mit einer Kuh habe. Und momentan bin ich angebunden, an einem straffen Strick. In einem Stall, stehe im Mist, den ich mir selber eingebrockt habe. Würde ich wie die Kuh auf der Weide wirklich frei sein, dann wäre das etwas sehr Schönes. Kühe, schöne Tiere, mit grossen, tiefen Augen. Solche habe ich übrigens auch.

Es ist schwierig, der Gedanke, dass es fertig ist. Es geht schon besser, aber da wird ein grosses Loch sein. Vielleicht ein glückliches Loch, das Raum lässt für Neues. Aber es ist ein Loch. Ich habe ihn sehr gern gehabt. Und dann das zweite Problem: lange habe ich mich über diese Affäre definiert. Ich war die, mit dem älteren Liebhaber, meine Freunde haben es gewusst, es hatte etwas Explosives, Exklusives, Extremes. Das hat mir gefallen. Ich war die, die das alles hatte. Vielleicht habe ich mich in der Zwischenzeit ein bisschen vergessen, habe meine Person in den Hintergrund gerückt. Das muss ich ändern. Und mein drittes Problem ist das: solange ich mit ihm zusammen bin, nimmt er keine andere. Ihn gehen zu lassen, und zuzulassen, dass da wieder eine sein könnte, das tut weh. Obwohl er mir gesagt hat, er würde keine Beziehung mehr wollen, dafür sei er zu alt. Vielleicht versucht er, die Beziehung mit seiner Frau wieder ein bisschen aufleben zu lassen. Es ist der Lauf der Dinge, ich werde auch weiter gehen, ich werde noch viel mehr machen in meinem Leben. Das wird ihm vielleicht auch weh tun. Ich kann ihn gehen lassen und dafür etwas viel Besseres bekommen. Wahrscheinlich nahm es mir keine seiner ex-Geliebten übel, dass ich ihn bekommen habe. Weiter gehen heisst oft: es öffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Man kann jemanden finden, der näher an die Seele kommt. Mit dem viel mehr möglich wird. Ich sehe seine ex-Geliebte manchmal mit dem neuen Freund. Und beneide sie, mehr fast noch als ich sie damals beneidete.

Leute die sich trennen fragen sich, glaube ich, manchmal, was passiert, wenn sie sich in ein paar Jahren wieder treffen würden. Bei uns ist das speziell. Was ist, wenn ich 45 bin, vielleicht unglücklich verheiratet oder geschieden. Meine erste grosse Liebe sehen möchte. Und dann er, 81. So alt wie mein Grossvater jetzt gerade ist. Was für eine Vorstellung. Wir hatten nur jetzt eine gemeinsame Zeit. Jetzt ging es, jetzt konnten wir eine Brücke schlagen über all die Jahre. Wir haben ein Zeitfenster, später wird das nicht mehr möglich sein. Der Altersunterschied war nicht unser Problem. Unser Problem war, dass er nicht fähig ist, eine Beziehung zu führen. Was aber schlussendlich mein Glück ist. Hätte es geklappt, was würde dann aus meinem Leben werden? Ich hätte doch nicht einen alten Mann heiraten können, der das Leben langsam loslassen wird, immer weniger kann, und irgendwann ein Pflegefall werden würde. Das wäre doch nichts geworden.

Ich wollte Liebe ohne Bedingung. Er wollte Sex ohne Hemmung. Ich dachte immer, durch die sexuelle Nähe würde die Liebe gelebt werden. Für mich war die Form gut, diese Form, von Nähe und Verbindung. Für ihn war die Form Spass, Unterhaltung, Befriedigung. Liebe ein viel zu grosses Wort.

Liebe. Liebe kann ein bewusster Entscheid sein. Aber manchmal ergibt sie sich auch einfach. Eigentlich habe ich ihn schon geliebt, als ich nur seinen Namen, Fetzten seiner Geschichte und diesen eindringlichen Blick kannte. Das kann passieren. Erklären kann man das nie. Das war Liebe, ohne Bewusstsein über die grossen Folgen. Diese Liebe ist mir zugefallen, hat mich erschlagen und unter sich begraben. Aber ich kann auch erahnen, dass es intensivere Formen von Liebe gibt. Die einem nicht erdrücken, sondern anheben und beschwingen.

Gerade hat er mich wieder angerufen. Diese warme Stimme. Charmant wie immer. Ihn noch einmal treffen. Schauen, was bleibt. Eine Sehnsucht, die gelebt wurde, verlebt, kaputtgelebt. Es ist besser, als eine Sehnsucht, die nie möglich war.

Möchte ich wirklich aufhören? Ich weiss, dass ich ihn heute noch einmal sehen möchte. Noch einmal diese Nähe, noch einmal dieses Gefühl, angekommen zu sein. Vielleicht gibt es nicht nur eine Liebe im Leben. Verschiedene Lieben, und gerade bin ich in dieser einen ersten. Verschiedene Phasen im Leben. Zwei Jahre habe ich auf ihn gewartet. Drei Jahre lang sind wir uns begegnet, gekreuzt, abgenutzt. Und irgendwie bin ich wieder ein bisschen drin.

Manchmal frage ich mich, wessen Stolz kleiner ist. Oder wer triebgesteuerter ist. Keiner lässt los, beide haben sich festgebissen.

Was ich gar nicht mag: wenn man es so hinstellt, als hätte er nie Gefühle für mich gehabt. So Sätze wie: „Warte nur bis er eine 18-jährige hat, dann lässt er dich fallen!“ So, als wäre es ihm nur um das Alter gegangen. Einmal hat er zu mir gesagt, es wäre besser, wenn ich 40 wäre. Wir hätten mehr Möglichkeiten. Ich glaube, bei 36 Jahren Unterschied sind die Probleme grösser als der Anreiz.

Er war gestern wieder bei mir. Es war schön. Vertraut. Vielleicht kontraproduktiv. Aber eben doch: etwas Besonderes.

Als er vor mir stand, da war nichts anderes möglich. Es ist immer noch so, dass ich ihn will, ihn begehre. Körperlich, geistig, seelisch.

Vielleicht hätte ich doch besser irgendeine Therapie begonnen. Mit jemandem über alles gesprochen, von vorne bis hinten. Gründe suchen, Vorsätze fassen, ergründen, zerwälzen.

Ich war übers Wochenende bei meinen Eltern. Abstand von meinem Alltag tat gut. Wenn ich da bin, kommen mir immer viel Erinnerung an meine Kindheit und Jugend. Das ist manchmal komisch. Es sind nicht nur gute Erinnerungen. Aber es ist auch schön, ich merke, dass ich heute nicht mehr dieselbe bin. Ich bin stärker geworden, ausgeprägter, glücklicher. Mehr ich selber. In diesen Momenten scheint es mir, als könnte ich alles erreichen. Ich denke an die Kämpfe meiner Vergangenheit. Und fühle mich stark. Wenn ich dann wieder in der Region bin, dann scheint mir meine jetzige Situation schwer, anstrengend, kräftezehrend.

Mein Computer ist abgestürzt. Ich war gerade auf Facebook, wollte ein Lied hochladen, und plötzlich ist alles eingefroren. Zuerst dachte ich, das sei einfach nur vorübergehend, passiert manchmal, der würde wieder kommen. Kam er aber nicht. Im PC-Shop waren sie ziemlich überfordert. Zogen den IT-Spezialisten hinzu. Auch er kam nicht weit. Sagte, man müsse meinen Laptop einschicken. Zwei Wochen später bekam ich den negativen Bescheid: nicht mehr zu retten. Das könne passieren, diese Dinger halten eben nicht zehn Jahre.

Scheisse. Alles verloren, alles weg. Musik, Fotos, Dokumente. ALLES WEG.

Als ich den neuen Laptop kaufte, da riet mir der Verkäufer, Sicherheitskopien mit einer externen Festplatte zu machen. In diesem Moment kam mir in den Sinn, dass ich das mit dem alten Laptop auch einmal gemacht habe. Dass ich dies einfach vergessen konnte... Im Bücherregal unter alten DVDs und schlechten Büchern fand ich die verstaubte Festplatte.

Und so habe ich diese Notizen wieder gefunden. Hab sie durchgelesen und musste grinsen.

Es ist viel passiert in den letzten Wochen. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, ich bin gestürzt und aufgestanden – und irgendwann war es einfach VORBEI.

Und dann sah ich ihn. Auf der anderen Strassenseite, kam gerade aus einem Café. Ich erkannte ihn sofort. Das hört sich an wie ein Klischee, aber es war der perfekte Tag um ihm zu begegnen. Ich war gut angezogen, elegant aber doch sexy. Und ich sprühte. Alles an mir sagte: das hattest du, und nun hast du es nicht mehr. Er hob die Hand zum Gruss. Ich nickte ihm zu, lächelte, verlangsamte meinen Schritt aber nicht. Kurz später klingelte mein Mobiltelefon.

Franco: Hallo! Schon lange nicht mehr gesehen. Gut siehst du aus!

Ja, es geht mir auch gut.

Vielleicht sehen wir uns mal?

Ich musste grinsen. Dachte an all die Kämpfe aus der Vergangenheit. Plötzlich war es so einfach.

Bestimmt nicht. Aber ganz, ganz bestimmt nicht. Ich war erstaunt, wie sicher ich mir dabei plötzlich war. Da war kein Hass, keine Wut, keine Verbitterung. Nur die Gewissheit dass es vorbei war.

Ich drückte die rote Taste und ging mit grossen Schritten in den Abend hinein.

Übrigens: in der Psychologie nennt man das Durchbruch. Ich habe mich in den Durchbruch geschrieben.

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5 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wow, echt stark. Dein Vater hatte Recht.

    08.02.2013, 13:03 von Mann_vom_Meer
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  • 0

    Danke! Ist ein älterer Text, teilweise ein bisschen lang, aber für mich vor allem auch eine Erinnerung an eine ... spezielle... Zeit.

    15.01.2013, 12:27 von oliviastella
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Ich habe den Text jetzt wirklich in einem durchgelesen, ohne eine Unterbrechung.

    Vielen Danke für diesen sehr tiefen Einblick in die Psychologie eines Menschen! Der Text ist wirklich großartig und ehrlich geschrieben. Ich hatte das Gefühl, du würdest vor mir auf einer Couch sitzen und ich wäre der Therapeut, der dich aufgefordert hat, deine Geschichte zu erzählen. Wirklich toll!

    15.01.2013, 10:22 von See_Emm_Why_Kay
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  • 2

    Hat dein Vater doch Recht - du kannst schreiben!

    15.01.2013, 00:57 von SteveStitches
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