Niwo22 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 12

Du.

Gefühlsbilliard.

Du bist seit einer Ewigkeit weg, vielleicht auch seit zwei oder drei Ewigkeiten. So genau weiß ich es selber nicht, doch irgendwie zu lang um noch zu trauern, aber irgendwie auch zu kurz um in ruhigere Gewässer zu segeln.

Wenn Loslassen so einfach ist, wieso greift dann jeder nach dem letzten Strohhalm? Und wenn Fortgehen so einfach ist, wieso geht dann niemand so ganz?

Manchmal warst du wie einer dieser Tage im November. Wie einer dieser Tage, an denen man morgens lieber liegen geblieben wäre, die Heizung nochmal von zwei auf drei stellt und fünf Minuten weiterschläft, während der Wind die Fensterläden klappern lässt.

Du warst so kalt und stürmisch und erbarmungslos.

Eine Gewitterfront, die auch vor den ältesten Bäumen nicht halt macht, spielerisch ihre Wurzeln knickt, Äste wie Federn im Wind wirken lässt und Regen bringt, aus dem Urzeitströme zu entspringen scheinen.

Und im Endeffekt hält kein Regenschirm das, was er verspricht: Den Regen fern.

Wie oft hast du gesagt du würdest mich da rausholen und mir die Sonne zeigen, damit meine Sachen trocknen und irgendwie auch mein Herz. Und wie oft war ich danach wieder nass, allein, im Regen, ohne dich.

Irgendwie hast du es immer geschafft dir grade das anzuziehen was dir am besten passt und mich in den größten Schuhen stehenlassen.

Und das, obwohl ich kein Riese bin. Aber vielleicht, vielleicht wusstest du das nicht.

Und manchmal warst du wie einer dieser Tage im Juli, der die Sonne bringt. Sie malerisch an den höchsten Punkt setzt, wie ein Kunstwerk, damit sie dort verweilen kann bis sie am Abend dem Mond weicht, auch wenn sie vorher in einem Schauspiel aus Farben ein expressionistisches Bild in den Horizont gemeißelt hat.

Du warst mein stiller Begleiter. Im Gepäck hattest du Sommernachtsträume, die auch im Winter irgendwie wie Sommer waren.

Du hast mich auf Blumenwiesen tanzen lassen, obwohl ich nicht tanzen kann, mich Berge versetzen lassen, wo nur Wüste ist und mich fliegen lassen, obwohl ich kein Vogel bin. Hast mich aufgefangen wenn ich nicht mehr wusste wohin und nahmst mir den Wind aus den Segeln, wenn ich zu stürmisch war.

Du hast eine Prise Liebe genommen und damit mein Leben gewürzt.

Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich in die Vergangenheit reise, alte Bilder zum Leben erwecke, jeden Stock und jeden Stein umdrehe, spröde Mauern einreiße und verschlossene Türen öffne. Da liegt er nun, der Scherbenhaufen unserer Beziehung: leise wimmernd und mit Staub bedeckt, in vollkommener Dunkelheit.

Ich greife mir die größte Scherbe um alte Wunden und Narben wieder sichtbar zu machen. Paradoxerweise liebe ich diesen Schmerz. Trennten uns in der einen Sekunde noch Welten, fühle ich mich dir in der nächsten nah.

Ich meine nicht diese Nähe wie man sie immer auf Kinoleinewänden in Hollywoodschnulzen sieht, die uns völlig falsche Vorstellungen von der Liebe einbläuen und man davon träumt, dass einem das Leben denselben Streich spielt. Ich meine echte Nähe, bei der wir dem Leben einen Streich spielen. Du Max bist und ich Moritz, du so sein kannst wie du willst und ich so sein kann - wie ich will. Was aber auch heißt, dass wir beide mal keinen Bock aufeinander haben dürfen, dass du mir sagen darfst wenn ich nerve und ich dir sagen darf - wenn du das tust.

Der Traum ist die einzige Realität in der wir Realität träumen. Es sind flüchtige Momente, die uns, wenn wir aufwachen, aus den Fingern gleiten und am Abend meist schon unauffindbar sind.

Und dennoch träume ich zu oft.

Ich weiß selber nicht genau wie du mich in deinen Bann gezogen hast. Es muss wie eine Art Beat gewesen sein, zu dem mein Körper sich, ob rhythmisch oder nicht, unbedingt bewegen wollte und mich so in einen Tanz entführt hat, der nie zu enden schien. Einen Tanz, der allmählich unserer Melodie folgte und uns auf die Weise gleichzeitig als Komponisten und Tänzer ausgezeichnet hat.

Letztendlich waren wir Weltenbummler, die von Realität zu Traum und von Traum zu Realität gehüpft sind. Nur du warst irgendwie immer auf der Flucht.

Doch Flucht ohne Zuflucht ist wie Ebbe ohne Flut, wie Leben ohne Liebe. Du bist lieber in Siebenmeilenstiefeln davongelaufen, als dich jemals zu Hause zu fühlen. Hattest du dich in der einen Sekunde verliebt, warst du bereits in der nächsten - entliebt.

Mittlerweile ist es ruhig um uns geworden, von den einstiegen Wanderern, die zwischen den Welten gereist sind und sich Skylla und Charybdis ausgesetzt sahen, ist nicht viel mehr geblieben als ein Funkenregen, der hin und wieder, wenn ein laues Lüftchen weht, aufglüht, aber nie das alte Feuer entfachen wird.

Irgendwann endet vielleicht jede Odyssee. Oder auch nicht.

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6 Antworten

Kommentare

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  • 0

    recht herzlichen Dank.

    26.11.2012, 19:26 von Niwo22
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  • 1

    So ist das mit dem Lieben und dem Entlieben. Ein einziges Karussell aus Gewohnheiten, Abhängigkeiten, Gefälligkeiten und noch vielen anderen, kleinen ...keiten.

    25.11.2012, 16:23 von marco_frohberger
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  • 0

    unglaublich.

    25.11.2012, 13:34 von tototoni
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich liebe deine Metaphern!

    24.11.2012, 20:48 von Prinzessin
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  • 0

    sehr ehrlicher und nachvollziehbarer text...
    spiegelt auch mich wieder

    23.11.2012, 14:18 von sonnentanz
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  • Fabelhafte Fundstücke

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