GoettinUndHeldin 12.02.2013, 14:32 Uhr 8 41

Du warst nicht zu spät

Für M. Numero 11

Ich habe auf dich gewartet, an der Bushaltestelle beim See.
15:00, hatten wir ausgemacht. 
Ich stand an der Bushaltestelle, war, wie immer, einen Tick zu spät dran. Und, wie immer, hättest du noch einen Tick später dran sein müssen als ich. 

Aber du kamst nicht. 

Ich habe gewartet. Und du warst nicht da. Und kamst einfach nicht.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort stand und auf dich wartete.
Ich versuchte, dich anzurufen. Keine Reaktion. 
Noch nie warst du so spät gekommen. Es passte einfach nicht zu dir. 

Ich weiß noch, dass ich mir im Kopf alle möglichen Erklärungen dafür zurechtlegte. Dass du mich vielleicht vergessen hattest, den Bus verpasst hattest, sowas. 

Aber zugleich hatte ich Angst. Angst, dass vielleicht etwas Schlimmes passiert war.
Warum hättest du mich auch vergessen sollen? Und wenn du den Bus verpasst hättest, hättest du dich  doch bestimmt gemeldet.

Ein Bus nach dem anderen hielt an der Haltestelle, Menschen stiegen aus. Ich schaute nur nach dir. Aber kein Marvin weit und breit.

Meine Angst wurde größer. Was, wenn dir etwas passiert war? 
Ich hielt es irgendwann nicht mehr aus, hatte dir inzwischen die zehnte SMS geschrieben.
Ich beschloss, bei dir Zuhause vorbeizugehen. Vielleicht hattest du dich ja in der Zeit geirrt, schlug mein rationales Denken vor.

Ich lief schneller. Wenn du Zuhause warst, war alles gut. Nur, wenn nicht...

Ich klingelte. Deine kleine Schwester öffnete, schaute mich mit ihren großen Augen an, die deinen noch heute so ähnlich sind. "Ist Marvin da?" habe ich sie gefragt. Sie schaute mich weiter nur an. Ich schaute zurück, wiederholte meine frage. Sie schüttelte den Kopf. "Mama!" sagte sie und zeigte in den Flur.
Ich nickte. Deine Mutter stand neben eurem Familienkalender, ein Feld für jeden. Sie telefonierte, sah bleich aus.

Sie schien mich gar nicht wahrzunehmen.
Deine Schwester nahm meine Hand. Bis heute weiß ich nicht, warum. Vielleicht aber, weil Kinder mehr verstehen, als wir glauben.

Wir blieben so stehen.
Deine Mutter sagte abwechselnd Ja und Nein in den Telefonhörer, dann "Ja, ich komme!"

Sie legte auf.
Es war das einzige Mal, dass ich deine Mutter je weinen sah.
Ich war überfordert, wusste nicht, was ich tun sollte, fühlte mich fehl am Platz. Es fühlte sich falsch an, sie weinen zu sehen und nichts tun zu können.

Deine Schwester  ließ meine Hand los, umarmte das Bein deiner Mutter. Es war ein schrecklicher Moment: Deine Schwester zu klein, sie richtig zu umarmen und ich zu weit weg.

Endlich sagte sie etwas. "Wir müssen ins Krankenhaus."

Ich hatte das Gefühl, mein Herz würde aussetzen, als mir klar wurde, was das hieß.
Ins Krankenhaus. Zu dir. Es war das erste Mal, dass du nach der Diagnose im Krankenhaus warst, das erste Mal, das mir klar wurde, was das alles für dein Leben, für unser Leben, bedeutete, welche Dimension Krankheit hat.

Du warst nicht zu spät, du warst im Krankenhaus.
Als wäre das selbstverständlich, war klar, dass ich mitkommen würde.
Als wir im Auto saßen, wirbelten in meinem Kopf Tausende von Gedanken durcheinander. Ich wusste nicht, was genau los war, was passiert war, wie schlimm es war, wie es dir ging. Aber aus Angst vor der Realität und vielleicht auch aus Respekt, traute ich mich nicht, deine Mutter zu fragen.

Nie kam mir eine Autofahrt länger vor.
Schließlich standen wir vor in Weiß gekleideten Menschen, die versuchten, zu erklären, was mit dir war. 
Ich verstand nicht, Immunsystem, Abwehrkräfte in Mitleidenschaft gezogen, Fieber, Lymphknotenschwellung, hörte nur: gefährlich, muss sich schonen.

Deine Mutter war stark.
Ich ließ sie zu dir gehen, wartete draußen. Traute mich nicht, hatte Angst. Wusste nicht, ob ich das ertrage. Ob du das erträgst, wenn ich da bin. Ob du das willst.

Ich saß im Krankenhausflur und es roch, wie es in Krankenhäusern riecht. Steril. Einsam.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß, bis deine Mutter vor mir stand und sagte "Er will dich sehen", als hätte sie gewusst, was mich abhielt. 

Sie drückte kurz meinen Arm, fasste sich.

Du lagst in diesem Krankenhausbett. Soweit ich sehen konnte, war alles in Ordnung. Nur dein Gesicht war beinahe weiß, deine Hände verkrampft über der Bettdecke, als hättest du Schmerzen.
Es tat weh.

"Hey", sagte ich.
"Hey", sagtest du, langsam. "Tut mir leid, dass ich zu spät war."

Wir mussten beide lachen und ich dachte, dass alles gut werden würde, solange wir nur das Lachen nicht verlernten.

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8 Antworten

Kommentare

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    gefällt !

    17.02.2013, 09:40 von Cold_Coffee
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      Ich lebe. Und habe das Lachen nicht verlernt!


      17.02.2013, 18:35 von GoettinUndHeldin
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Ich meine damit, dass es mir hilft, loszulassen, dass ich es aufschreibe. 

      19.02.2013, 17:33 von GoettinUndHeldin
  • 1

    Gute Texte schreibst du :).

    14.02.2013, 12:05 von LookingforAlaska
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  • 5

    solange wir nur das Lachen nicht verlernten
    !

    14.02.2013, 00:44 von ABC101
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  • 3

    Gänsehaut pur.

    13.02.2013, 22:15 von SerENDipity_
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