Du und ich- heute
Was das mit uns war, kann ich bis heute nicht verstehen. Bis zur letzten Folge, die die Fernsehserie auflöst.
Alles fing an wie in einer schlechten Fernsehserie. Ich war ein junges Mädchen, verspielt, naiv und unschuldig. Du warst, du bist, fünf Jahre älter als ich. Du wolltest zeigen, dass du stärker bist. Und es immer schon warst. Ich war 13 damals. Ein bisschen frühreif und doch unerfahren. Du warst 18, neugierig, hattest erst einmal geküsst. Ich bin auf deinem Schoß gesessen, mehr zufällig als absichtlich, weil es keinen Platz gab und du dich angeboten hattest. Ich spüre noch heute, wie du mich vorsichtig auf der Schulter gestreichelt hast, den Träger meines roten Shirts bewegt hast. Ich war aufgeregt, es war das erste Mal. Aber gewusst habe ich es nicht.
Und doch habe ich deinen Freund geküsst in diesem Sommer. Und erst Jahre später gemerkt, dass dich das zerrissen hat.
Ich war 14, du warst 19. Dein Freund hatte ein anderes Mädchen kennen gelernt und wir waren jetzt zu viert. Ich hatte Angst, du wolltest Nähe. Eines Abends hast du gesagt "ich will dich" und ich hab mich gefürchtet. Ich bin weggelaufen ohne etwas zu sagen. Am nächsten Tag war alles so wie immer. Auf dem Steinboden sind wir gesessen und haben Musik gehört, du hast den Soundtrack meines Lebens begründet. Ich war unsicher. Und du hast nur gesungen.
Ich war 15 und bereit es zu tun. Ein ganzes Jahr hatte ich darauf gewartet. Wir haben uns geküsst am Strand und es war ganz grauenhaft. Du warst so anders geworden, du wolltest nicht mich, du wolltest Sex. Du warst 20, gierig, deine Freunde hatten dir davon erzählt, vielleicht hattest du es auch schon getan. Du hast mich nie gezwungen, aber als ich nicht wollte, warst du böse. Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben. Wir haben uns gestritten, ich habe gesagt Ich liebe dich und du hast gelacht. Ich bin nach Hause gefahren und auch im nächsten Sommer nicht wiedergekommen.
Ich war 17, du warst 22. Ich war bereiter denn je mich diesmal nicht von dir unterkriegen zu lassen. Der Kampf begann am ersten Abend. Ja, es war ein Kampf geworden und bis heute frage ich mich, wann wir den Punkt erreichten, an dem das Aufregende und Zärtliche zu einem Spiel um Macht und Stärke geworden war. Du erzähltest deinem Freund von deiner großen Liebe, die dich verlassen hatte. Aber eigentlich hast du es mir erzählt, du warst so laut, dass ich dich hören konnte, hören musste. Wir kamen uns nah. Du wolltest Sex, ich konnte nicht. Jeden Abend fragtest du mich und ich verweigerte mich dir. Dann hörtest du auf zu mir zu kommen. Plötzlich war mein letzter Tag gekommen, ich habe gesagt Ich liebe dich und du hast gelacht. Viel später habe ich dich gefragt, warum du aufgehört hast, mich zu besuchen. "Unsere Beziehung hat sich nicht weiterentwickelt" hast du gesagt.
Ich war 19, du warst 24. Diesmal wollte ich es dir zeigen, ich kam nicht alleine. Du hattest gesagt du freust dich auf mich, ich hätte dir gefehlt. Ich wollte dir wehtun, einmal gewinnen. Als ich bei dir ankam, ihn im Schlepptau, stand sie in deiner Tür. Du sahst mich an. Für mich hattest du sie geholt, für dich hatte ich ihn geholt. Im Endeffekt waren wir beide sauer. Nachher hast du zu mir gesagt "du hättest das nicht tun dürfen".
Ich war 21, du 26. Ich bin älter geworden und doch habe ich nie aufgehört an dich zu denken. Du warst beim Heer, hast mir geschrieben. Du nimmst dir frei, kommst zu mir. Ich fehle dir und du willst mich. Ich war verliebt, er machte mich glücklich. Und du warst trotzdem immer da. Ich war dort, nur für ein Wochenende. Ich wollte es dir nicht sagen, tat es dann aber doch. Schon warst du da, auf einmal und wie aus dem nichts, hattest Angst, hast einen Freund mitgenommen. Wir haben getrunken, geraucht, geredet und du hast gesungen. Der Soundtrack erweiterte sich. Du warst erstaunt über das, was ich bin.
Wir haben es die ganze Nacht getan. Du hattest das erste Mal Respekt vor mir. Du warst das erste Mal nicht der Stärkere. Ob ich kein schlechtes Gewissen habe, hast du mich gefragt. Ich habe gelacht.
Egal wie man es dreht und wendet, so kreisen wir umeinander. Seit 10 Jahren. Und auch, wenn du und ich niemals zusammen sein können, dürfen und werden, so ist eines sicher: Ich werde nie irgendeine für dich sein. Ich werde immer das 13jährige Mädchen mit dem roten Shirt auf deinem Schoß sein, das irgendwann aufsteht und das Licht ausschaltet- wie eben schlechte Fernsehserien enden.


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Kommentare
Es ist Fluch und Segen zugleich...
29.09.2010, 10:20 von pantyNie "Irgendeine" zu sein ist manchmal das einzige was zählt. Das was bleibt wenn nichts anderes geht.
20.09.2010, 14:09 von MissKellyMojo