Du siehst wunderschön aus, wenn du wie ein Hund Wasser aus der Dusche säufst.
Gemeinsames Duschen kann fast schon therapeutisch wirken
Ich verstecke mich unter der sicheren Froteeschicht des Handtuchs. Es ist hässlich - braun gestreift, aber es schützt mich vor deinen bewundernden Blicken. Ich bin dünn, so ist es ja nicht. Aber die starke Abneigung gegen Sport hat sich in meine Haut gegraben und hat meinen Bauch ganz weich gemacht, wohingegen meine Brüste eher ein bisschen unweich sind. Und so groß meine Klappe auch ist: dahinter liege ich und ich bin klein und eigentlich ganz still.
Du bist völlig anders. Komplett nackt stehst du vor der Dusche und testest das Wasser aus, versuchst eine Temperatur herbeizuzaubern, die für mich, deiner Meinung nach, so zartes Pflänzchen angenehm ist. Du drehst dich zu mir um und siehst, wie ich beschämt die Zehen mit den blaulackierten Nägeln wackeln lasse. Ein unsicheres Grinsen huscht über dein schönes Gesicht, das irgendwie falsch proportioniert ist.
„Zu kalt?“
Deine Stimme wird vom lauten Rauschen des Wassers geschluckt, das ununterbrochen auf den hellbraunen Duschboden prasselt. „Zu hell“, erwidere ich und kneife die Augen zusammen, um das Ganze damit noch zu unterstreichen.
Du huschst über den Boden. Deine Füße patschen. Du knipst das Licht aus, schaltest dafür den Alibert ein. Immer noch zu hell, das siehst du an meinem verkniffenen Gesicht und an der Art, wie ich das Handtuch fest gegen meine blasse Haut drücke.
Ein Geistesblitz durchfährt dich, du eilst völlig nackt am Fenster vorbei, was ein wenig unangenehm werden könnte, denn du wohnst im Erdgeschoss und hast ziemlich neugierige Nachbarn. Aber solche Lappalien waren dir schon immer egal. Mit einer winzigen Stehlampe kommst du zu mir. Sie spendet gerade genug Licht, dass wir Umrisse und ganz wenig des Gesichts des Anderen sehen.
Dein Lächeln strahlt sogar im Fast-Ganz-Dunkel.
„Ich schau sogar nicht mal hin“, meinst du und steigst unter die Dusche.
Ich schlucke drei-, vier-, fünfmal, lasse das Handtuch fallen und binde mir das lange Haar zu einem Knoten im Hinterkopf.
Das Wasser hast du genau richtig temperiert. Vielleicht könnte es sogar noch ein Quantum heißer sein. Vorsichtig ziehst du den Duschvorhang um uns, sodass es noch um einiges dunkler wird und ich bin froh, dass ich so nahe bei dir stehe und dich noch sehen kann. Der Vorhang klebt an meinem Hintern, presst sich gegen meinen Rücken und bedrängt mich, als wäre er ein nimmersatter Liebhaber. Ungeschickt winde ich mich heraus und blicke dich an.
Ich bewundere deine breite Brust, deine muskeldicken Arme, streiche lachend über deine haarigen Beine und bemerke, dass du an der Hüfte außerordentlich kitzlig bist. Beim Lachen rutschst du aus und dein Kopf knallt gegen die Wandfliesen. Dafür bekomme ich einen Schubs, der mich unter das Wasser befördert. Ich packe dich am Haarschopf und ziehe dich mit mir.
„Jetzt sind meine Haare nass, obwohl ich das nicht wollte!“, schimpfe ich mit dir. Du ignorierst den Ausbruch und ziehst das Band aus meinen Haaren, verteilst die nassen Strähnen, formst mir eine Frisur, die dir gefällt.
„Gut. Der Dutt sah eh scheiße aus.“
Wütend gieße ich reichlich Duschgel über dich und hoffe, dass du etwas in die Augen bekommst. Stattdessen reibst du dich damit ein, schäumst nach einer Weile und grinst: „Magst du mich ablösen?“
Wortlos lege ich meine Hände auf deine glatte, bemalte Haut und bewege sie darüber. Ich gestehe, dass ich feige bin und nur deinen Oberkörper massiere, denn ab der Hüfte scheint sich ein Stoppschild für meine Hände positioniert zu haben, das meine weitere Körperreise aufhält.
Wenn du mich so ansiehst, dabei ganz nahe vor meinem Gesicht bist und ernst wirken willst, gefühlvoll wirken willst, dann schielst du immer ein bisschen. Das sieht besonders witzig aus, weil deine Augen so dunkel sind und dadurch dein Blick dem eines treudoofen Dackels ähnelt. So was sage ich dir natürlich nicht, denn du bist selbstverständlich kein treudoofer Dackel, sondern ein stolzer Soldat.
Du küsst mich. Unsere Lippen gleiten übereinander hinweg, vollkommen ohne Widerstand. Das Wasser hat sie glatt und gefügig gemacht. Wir umschlingen einander, bis ich keine Luft mehr bekomme und auftauche, mich erhebe aus dem Chaos in meinem Kopf, das mich immer heimsucht, wenn wir uns küssen. So viele Gedanken und dann auch noch der Zwang, meine Gefühle für dich einordnen zu müssen.
Du bist ein Kindheitsfreund, warst meine erste Liebe (mit 4), warst mein Opfer, als wir noch Kinder waren, bist jemand, über den ich mich heimlich lustig mache, jemand, der mich beruhigt und aufwirbelt. Du bist ein Soldat und ein Faulenzer, ein gelernter Bäcker, ein schmutziger Ordnungsfanatiker, ein Fan von Jacky Cola, ein Body Builder, was mir eigentlich gar nicht gefällt.
Ich streiche dir das Haar nach hinten. Es ist sehr lang geworden. Mit einem breiten Grinsen sagst du mir, dass du Durst hast, streckst deinen starken Körper und öffnest den Mund unter dem Wasserstrahl, schluckst. Dein Kiefer hebt sich markant hervor, dein Haar tropft und Kristallwasserperlen streicheln dich.
Du siehst wunderschön aus, wenn du wie ein Hund Wasser aus der Dusche säufst. Und ganz plötzlich weiß ich, was du bist, wo ich dich einordnen soll: Ich liebe dich.
Die Fliesen schieben sich hart in meinen Rücken, als die Erkenntnis mich packt, durchfährt, schüttelt und nach hinten wirft. Das Wasser berührt mich nicht mehr, mein Pflaster löst sich vom Fuß und schwimmt dir entgegen. Leicht angewidert schiebst du es beiseite und hebst die Augenbrauen. Ich gluckse. Du siehst mich an und legst den Kopf schief. „Was ist?“ Ich lache und will dir ganz dringend sagen, wie ich für dich fühle, wer du für mich bist. Stattdessen sage ich „Elender Köter“ und küsse dich erneut.





Kommentare
Maaaag ich :)
02.07.2012, 18:18 von AnisbonbonTropft nur so vor "schnulzig" und daher gut bekömmlich.
ich kann nichts dagegen tun... aber ich liebe diese ultra schnulzigen Texte :D schrecklich :D
20.06.2012, 00:06 von JadeJadeSchön gemacht :)
What happens in the shower, stays in the shower, sagen weise Menschen ja :D
16.06.2012, 15:37 von Nanistaes sei denn die stusche ist direkt ans fenster gebaut, das ja auch mal geöffnet wird. sachen könnte ich erzählen!
22.06.2012, 11:08 von IcecubeUnd ich mag all die Sachen hören, Icecube :D
22.06.2012, 19:06 von Nanistaich liebe dich auch. also,ähm, deinen text.
15.06.2012, 19:25 von cherry-muffinWörter die wirken wie perlendes Wasser. Grenzgenial-schön!
15.06.2012, 15:46 von MRquergedachteieiei ich glaub, ich liebe ihn auch.
15.06.2012, 11:38 von BlondBlauBloed1. Du darfst.
16.06.2012, 15:34 von Nanista2. Ich sag's ihm, dann ist er stolz! :D Oder lieber nicht, sonst kriegt er noch 'nen Höhenflug :O
1. Danke, und 2. geht in ordnung :D
19.06.2012, 23:07 von BlondBlauBloedIch breche bei vielen Texten nach ein paar Sätzen ab, bin sehr wählerisch.
Da bin ich stolz! :)
16.06.2012, 15:33 von NanistaDas Gleiche gilt wohl auch für mich. Sehr schöner Text :)
02.07.2012, 20:09 von ExpertEnoughLiebe!!!
14.06.2012, 21:23 von LydiaDowneyJr.Wunderprächtig.
14.06.2012, 13:28 von Miss_Coco_Bijouunfassbar toll. wunderschön beschrieben! ♥
13.06.2012, 21:00 von Bambina1987