einmaleins 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 71

Du. Schon wieder.

Wie du da vor mir stehst. Wir sind irgendwo gestrandet. Und niemand von uns hat den Mut das zu ändern.



Es herrscht Kälte zwischen uns, aber jetzt stehe ich wieder hier. Loslassen können wir beide nicht. Weil noch so viel im Raum steht. Weil so viel unter der Fassade, die wir uns beide zugelegt haben, brodelt. Die wahren Gefühle irgendwo ganz tief vergraben und mir fehlt das Werkzeug, um sie aus ihrem Versteck zu holen.

Ich hab einen Kloß im Hals. Wir umarmen uns kurz. Unbeholfen. Du lächelst mich an. Ich ziehe meine Schuhe aus, wo ich sie immer ausziehe.

So gerne würde ich dir in die Arme springen, dich küssen, dir durch die Haare fahren, weinen, dein Gesicht unter meinen Händen spüren, dich stundenlang an mich drücken und dir die Wahrheit sagen. Alles rausschreien. Und dich schütteln. Mal menschlich sein.

Ich komme jetzt in deiner Boxershorts aus dem Bad und lege mich neben dich. Ich lege meinen Kopf auf deine Schulter. Von dem Film bekomme ich nichts mit, obwohl ich hinschaue.

Nachts hältst du mich durchgehend fest in deinen Armen. Das Einzige, was du nicht zögerlich machst. Auch wenn ich mich wegdrehe, drehst du dich mit und legst wieder deine Arme um mich. Entschlossen. Wir schweigen, aber ich weiß, dass auch du nicht schläfst. Manchmal berühren sich unsere Hände. Und manchmal kann ich es einfach nicht mehr aushalten und greife nach deiner Hand. Du reagierst sofort und schließt deine Finger fest um meine. Ich schaue zur Wand und spüre deinen Atem im Nacken. Und so liegen wir dann so nah beieinander. Hellwach, mit klopfendem Herzen in deinem dunklem Zimmer. Unfähig irgendwas zu sagen. Unfähig uns weiter zu bewegen. Mit feuchten Augen. Das große Fragezeichen zwischen uns ist jetzt gerade größer denn je, aber so nah bei dir in der Dunkelheit kann ich damit leben. Kann wenigstens mal weinen. Stille, heiße Tränen weinen, die ganz unbemerkt in deiner Bettwäsche versickern, während du weiter meine Hand gedrückt hältst. Du tröstest mich ohne es zu wissen und irgendwie weißt du es ja doch. So liegen wir da und trösten uns gegenseitig. Und warten insgeheim darauf, dass der andere was sagt. Und so vergeht Stunde um Stunde bis ich morgens aufstehe und losmuss.

Unsere Fassade, die nachts ein paar Risse bekommen hat, ist wieder intakt. Angezogen stehe ich in deiner Tür. Du schaust mich nur an, aber wie immer bleiben die Worte, die ich irgendwie in deinen Augen sehe, unausgesprochen. Ich schließe die Tür hinter mir.





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9 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Sehr schön geschrieben. Ich liebe deinen Text!

    23.10.2016, 22:30 von Eintagsliebe
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  • 0

    "...aber
    wie immer bleiben die Worte, die ich irgendwie in deinen Augen sehe,
    unausgesprochen"

    Worte sind so beschränkt, dass oft nicht die richtigen finedt. Ihr habt viel mehr als leere Worte..

    Bin grade in der gleichen Situation.. Leid und Glück liegen da irgendwie Arm in Arm.

    Ach, und natürlich wunderschön geschrieben! Danke dafür..

    21.07.2015, 14:32 von Honigseufzer
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  • 0

    Das ist doch auch schon sehr viel.!!!!

    26.06.2015, 22:21 von yuhi
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  • 0

    Kennt man. Schön geschrieben, so klar auf den Punkt. Gefällt mir :) 

    26.06.2015, 19:08 von dieweltannalysieren
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  • 1

    wundervoll geschrieben! Kann, glaube ich, sehr gut nachvollziehen, wie du dich fühlen musst.

    23.06.2015, 14:28 von annaxlin
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  • 2

    Ich bin absolut bei dir und kenne diese Situation nur zu gut...nicht nur 1x, nicht nur 2x...unzählige Male mit der gleichen Person...
    Sehr schön und einfach so wie es ist geschrieben...danke dafür!

    23.06.2015, 09:41 von Irgendwannwirdallesgut
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  • 0

    Ja, bewegend geschrieben!

    23.06.2015, 09:31 von SabineS
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  • 0

    irgendwie rührend ... :´)

    15.06.2015, 17:03 von einfachMarie
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