Miss-Aufziehvogel 26.11.2006, 12:17 Uhr 4 2

Du, ich und ich

Von Schmetterlingen, Käfern und einem Stück blauen Himmel

Es könnte so schön sein. Wenn ich nicht so wäre, wie ich bin.

Wenn ich nicht so wäre, wie ich bin, könnte ich in deine Augen sehen und glücklich sein. Die Schmetterlinge in meinem Bauch fühlen, idiotisch grinsen und die Welt in rosa Zuckerwatte verpacken. Ich könnte deine Lippen auf meinem Mund fühlen, deinem Atem lauschen, meinen Kopf an deine Brust legen, um deinem Herzschlag zuzuhören. Ich könnte, deine Hand in meiner, durch die Straßen laufen, lachen, atmen, dumme Dinge sagen, kluge Dinge sagen, dir zuhören, lächeln über dich, lächeln über die Welt. Lächeln über die Zuckerwatte um mich herum, mich von den Schmetterlingen über Wolken tragen lassen, spüren, wie mein Herz kleine Sprünge macht, wenn du lachst, wenn du über meine Wange streichelst. Ich könnte Luftschlösser bauen mit dir, mich wegträumen, eintauchen in deine Welt, mit dir die Spiegelungen der Stadtlichter auf dem Rhein betrachten.

Ich könnte verliebt sein, verliebt in dich, in deine Stimme, deine Augen, deinen Mund, deine Gedanken, deine Gegenwart, in unsere Welt. Ich könnte unsere Zweisamkeit genießen.
Ich könnte glücklich sein.

Weil ich so bin, wie ich bin, sehe ich in deine Augen und fürchte deinen Blick, deine Nähe. Ich beobachte die Schmetterlinge und warte darauf, dass sie sich in kleine, widerwärtige Käfer verwandeln, die von innen heraus an mir fressen, mich zernagen. Mein Lächeln vereist auf meinen Lippen, erstarrt allein im Reflex zur Maske, wird blind und taub, lächelt Gedanken weg.
Meine Zuckerwattenwunderwelt weicht graubraunen Mauern, die sich türmen, wachsen und stürzen wollen auf mich.
Du küsst mich, ich höre deine Atem, dein Herz und ertappe mich bei dem Wunsch, dir nie begegnet zu sein, nie gelernt zu haben, wie deine Küsse schmecken. Ich spüre deine Arme um meinen Körper und wie mein Herz schlägt, immer schneller und härter, wie die Angst hochkriecht, die Angst vor dir, vor deinen Armen, deiner Umarmung, davor, wie klein ich bin in deinen Armen, wie zerbrechlich.
Ich laufe mit dir durch die Straßen, den Blick auf einen fernen Punkt gerichtet, rede, ohne zu wissen, was ich eigentlich gerade sage, den Kopf in den Wolken, in grauen Stahlwollewolken, die die Welt dämpfen und mein Gesicht blutigrot scheuern.
Ich höre deine Stimme, versuche, mich zu konzentrieren, versuche, Zusammenhänge zu finden, versuche, zu verstehen. Aber das Blut rauscht in den Ohren, pocht so laut, ich verstehe dich nicht.
Ich sehe die Mauern um mich, fühle ihr Stürzen, fühle, wie der Herzschlag stockt, wie es nagt in mir, an mir, die Angstkäfer krabbeln, beißen.
Einen Kerker baue ich, Gitter um mich herum, ein Gefängnis für mein Herz. Stählerne Stäbe zwischen dir und mir, mir und der Welt, nur Platz für mich, mich und die Angst hier drin, die wütet.

Du siehst mich an, mit diesem Blick, diesem suchenden Blick. So fragend, so bittend. So warm, so sanft.
Ich sehe auf die Mauern um mich, diese Türme, grau und grau, so hoch, so drohend. Und trete gegen sie. Wieder und wieder. Bis sich ein Stein löst, einer, und noch einer.
Nehme deine Hand und zeige dir die stürzenden Wände, öffne dir eine Tür, öffne mir eine Tür, trete auf einen Weg, der vielleicht heraus führt. Ich zeige auf die Steine, zeige die Wolken, die Käfer, die wütend krabbeln, weil sie den Boden verlieren. Ich lege deine Hand auf mein Herz, teile sein Pochen mit dir, sein Schreien.

Du siehst mich an, mit dieser leisen Trauer. Und einem Lächeln. Du streichst durch mein Haar, legst deine Stirn an meine. Siehst mich an, aus diesen unergründlichen Augen, siehst mich an, mit Wärme im Blick.
Löst dich von mir, einen kurzen Moment, blickst auf den Boden und trittst auf einen Käfer. Er knirscht unter deinem Fuß. Der nächste auch und der danach. Und sie rennen, fliehen, hören auf zu nagen.

Und du lächelst. Nimmst meine Hand, gehst ein paar Schritte. Deutest nach oben. Und zwischen den Wolken, den grauen, blitzt ein Stück Himmel, ein wenig blau.
Ich lächle. Vielleicht können die Wolken weiterziehen. Vielleicht wird der Himmel blauer. Vielleicht fliegen eines Tages Vögel unter ihm.
Wenn du mir hilfst.

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    oh mein gott wie schön geschrieben.
    wahrheit oder fiktion?

    07.03.2007, 17:44 von herz.
    • 0

      @herz. Ein kurzer Moment Realität, Hoffnung und Wunsch, der sich allzu schnell in Nichts auflöste...

      08.03.2007, 22:16 von Miss-Aufziehvogel
    • 0

      @Miss-Aufziehvogel Du schreibst sehr schön - ich wünschte nur, ich hätte das schon früher merken können.

      22.06.2007, 01:44 von HighKnee
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  • 0

    oh, hatte ich schon gelesen... schöner text aber...

    07.02.2007, 20:08 von PDK
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    schön geschrieben, Kompliment

    26.11.2006, 12:56 von winterabend
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