bunteschaos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

Du brichst mir die Rippen.

Von dem Moment, in dem dir jemand von Oreokeksen erzählt und dein Körper darauf mit Krieg reagiert.

Es war einmal eine große, weite Landkarte und zwei kleine Punkte. Ein Punkt A und ein Punkt B. Um ein Jahr zeitversetzt haben diese beiden Punkte begonnen, sich zu bewegen. Wir sind um unsere eigenen Achsen gekreist, haben uns dann in eine Umlaufbahn begeben. Wir haben mit der Menge getanzt und aus der Reihe. Ich schließe die Augen und sehe wie diese Punkte Loopings drehen, Schleifen laufen und schließlich, nach einiger Zeit, sich aufeinander zu bewegen.

Was ich auch sehe ist der Kollateralschaden, der sich im Gefüge aus Raum und Zeit aufbaut und der unmittelbar nach der Begegnung dieser beiden Punkte eintreten wird. Aber wir bewegen uns unaufhaltsam aufeinander zu, und selbst wenn wir wollten, glaube ich manchmal, gab es gar keinen anderen Kurs. Es gab Kräfte, vielleicht waren sie magnetischer Natur, vielleicht spiritueller, vielleicht waren sie Töchter des Chaos - aber diese Kräfte haben sich zwischen Punkt A und Punkt B aufgebaut und beide Punkte angezogen. 

Erschöpft von einer langen Reise sind sich Punkt A und Punkt B in die Arme gefallen und haben eine zeitlang dieselbe Route geteilt. Eine Magie begann, sich um die Geschichte von A und B zu weben. Eine Faszination, eine Spannung und das schillerndbunte Spektrum jeder fühlbaren Emotion in einer überwältigenden, unerklärlichen Tiefe. Jedoch muss man sich Punkt A und B immer noch als separate Punkte auf dieser Landkarte vorstellen. Es liegt immer noch eine ganze Karte zwischen ihnen. 

Den Kollateralschaden haben wir überlebt. Und ich kann nur für Punkt B sprechen, aber wir haben unsere Monster davon getragen. Körperlich intakt, doch in unserem Kopf, ist Krieg. Punkt B hat sich irgendwann mit der Dunkelheit angefreundet und sich darin ein Zuhause gebaut. Eine Dunkelheit, die an guten Tagen allenfalls stumm ist. So stumm, dass Punkt B sich in Sicherheit wagt. Doch wann immer Punkt B mit emotional schwierigen Situationen konfrontiert ist, zeigt sich die wunderbar unintakt zerfetzte Struktur, die ihm inne wohnt.

Die Sache ist, dass sich Punkt A und Punkt B nach diesem Kollateralschaden gleichzeitig voneinander weg und zueinander hin bewegt haben. Wir waren das gelebte Paradoxon und der Beweis dafür, dass die Welt manchmal wider ihrer eigenen Gesetze lebt. 

Ich schaue auf meine Karte. Statt den beiden Punkten dabei zuzusehen, wie sie sich wieder von einander entfernen, eröffnen sich mir plötzlich weitere Versionen ihrer Laufbahnen. Wissenshungrig folge ich ihnen mit meinen Augen. Tausend ungelebte Leben, die verrottend und weggeworfen im Müll liegen. 

Und ich denke mir, sie hätten glänzen können. Sie hätten wahnsinnig glänzen können. Stattdessen fristen sie ein Dasein in einem Zustand, der weder Tod noch Leben zugleich ist. Denn sie existieren, in einer Paralleldimension, in die wir uns nicht begeben können.

Punkt A und Punkt B werden sich nie vollständig verlieren, ihre Ellipsen werden sich immer streifen, sie werden immer wieder auf einander zurasen. Und in ihren unzähligen ungelebten Varianten eine völlig andere Geschichte leben. 

Und dann kommt der Moment, in dem dir jemand von Oreokeksen erzählt. Und dabei lächelt. Und du gibst dir die beste Mühe, den in dir aufkeimenden Nervenzusammenbruch zurückzuhalten. Du drehst die Musik auf deinen Ohren so laut, dass es schmerzt. Du lächelst es einfach davon. Ein Lächeln, das jeden Gesichtsmuskel schmerzt. Und du weißt, dass du gerade eine Person verletzt, die dir wichtig ist. Weil du es nicht ertragen kannst, weil in dir eine chemische Reaktion abläuft, die dir die Finger bricht. Die du nicht fähig bist, zu kontrollieren. In dir ist Krieg und Chaos und ein Wirbelwind, und du hast keine Ahnung wie du jetzt aufstehen oder sprechen sollst, du scheinst festgewachsen zu sein, in diesem Moment. Und alles erinnert dich. Alles schlägt laut und bunt auf deinen Kopf ein, Gerüche, Worte, Töne, und dir wird schlecht und schwarz vor Augen, aber du rufst dir in den Kopf, dich auf deinen Atem zu konzentrieren.
Und ein.
Und aus.
Dein Herz schlägt panisch um sich und rennt gegen Mauern.
Und rennt gegen Mauern.
Und rennt gegen Mauern.
Setzt sich dann lachend auf den Boden und begutachtet die aufgeplatzte Haut auf der Stirn. Und das Blut, und das Blut, und das Blut.

Ein Kollateralschaden bleibt ein Kollateralschaden. Auch wenn man denkt, dass man kein Trauma davon getragen hat. 

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