frl_smilla 08.01.2009, 21:10 Uhr 12 19

"Du bist krass."

Sagt er zu mir. Weil ich keine Träume habe. Eine kleine Liebesgeschichte.

Ich gebe in einer Disconacht seinem kleinen Bruder Papers und er bedankt sich dafür. Circa drei Stunden später haben wir gefühlte vierzig Zigaretten zusammen geraucht und zu tausend Songs getanzt. Uns dabei nie mehr als einige Meter voneinander entfernt. Er fragt nicht, warum ich allein unterwegs bin.
Als wir uns zu später Stunde mit nur noch einer Handvoll Zapplern die Tanzfläche teilen, tauschen wir unsere 500 km auseinanderliegenden Telefonnummern. Mit Zettel und Stift.

Ich hasse Kaffee-Dates. Wir nehmen die Becher in die Hand und gehen durch die Stadt. Er stellt Fragen, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt.
"Warum hast du zugesagt?" fragt er mich.
"Bitte?"
"Warum du zugesagt hast. Hier. Jetzt. Dem Kaffee. Ich hatte nicht damit gerechnet."
Ich schaue ihn stumm an, bevor ich verstehe was er meint und ich eine Antwort parat habe: "Warum denn bitte nicht? Ich denke über sowas nicht nach."
"Bitte?"
"Ich mache, worauf ich Lust habe. Ich denke nicht darüber nach. Ich wäge die Entscheidung nicht ab. Ich mach's einfach."
Wir schauen uns stumm an, und ich erkäre mich weiter, obwohl es nicht nötig ist und ich aber genau in diesem Moment von der Angst gepackt werde, absolut falsch verstanden zu werden: "Ich mache, wozu ich Lust habe. Deshalb habe ich auch keine Träume. Was mir in den Sinn kommt, das mache ich. Über alles andere denke ich nicht nach."
Er schaut mich an.
"Du bist krass."
Und dann gehen wir für zwei Wochen auseinander.

Für den üblichen zweistündigen Heimweg nach Weihnachten zurück brauche ich fünf Stunden, weil ich irgendwo unterwegs abfahre und wir uns an einem Ort treffen, den wir beide nicht kennen.
"Ich war das letzte Mal nicht ehrlich zu dir." begrüßt er mich und erklärt.
Legt einen Brocken von der Größe eines Planeten zwischen uns.
Und ich spüre, dass ich meinen Brocken auch zwischen uns legen muss, aber ich kann nicht. Will nicht. Noch nicht.
Als der Kaffee leer ist und die frische Luft von den Schneeflocken aufgefressen wird, fahren wir weiter und gehen auf einen Berg.
Und dort oben weiß ich, dass sich in unseren Köpfen das gleiche abspielt, und als seine Hände auf meinen Schultern liegen, zerreißt es mich. Ich möchte überall sein in diesem Moment, nur nicht dort wo ich gerade stehe und gleichzeitig merke ich, wie der Planet sich für dreißig Sekunden aufhört zu drehen.
Bevor wir getrennt den Berg verlassen, zögere ich zu lange, als ich einem nächsten Mal zustimme. Und damit gibt es kein zurück: Ich muss meinen Brocken auspacken und zwischen uns legen.

Wir telefonieren über eine Stunde. Ich erzähle alles. Dass mir die Liebe von dem genommen wurde, der sie mir nie gegeben hat. Dass ich deshalb fast ein Jahr lang Mühe hatte, aufrecht zu gehen. Dass ich nicht mit Männern schlafe, mit denen ich rede. Und umgekehrt.
Und damit zerstöre ich jede Spur des Zaubers der so offensichtlich um uns herum schwebte, den wir wortlos haben schweben lassen. Ich will keine Forderungen von ihm hören, ich will nur das Jetzt und Hier. Und brutal und grausam wie ich bin stecke ich die Grenzen ab mit dem, was mir geblieben ist: entwaffnende Ehrlichkeit. Und es ist alles andere charmant gemeint. Ich nehme ihm im Voraus alle Waffen ab, bevor ihm überhaupt einfällt, dass er auf einem Schlachtfeld steht.

Und dann treffen wir uns ein letzte Mal auf Kaffee, frische Luft, Reden und Rauchen.
Ich merke, dass meine Entwaffnungsmaßnahme nicht zerstört hat. Ich habe den Zauber nur isoliert. Damit er für lange Zeit das bleibt, was er in diesem Moment war.
Ich weiß, wir passen nicht zueinander.
Ich weiß, ich will nicht.
Unserer gemeinsamer Nenner hört an dem Punkt auf, an dem wir uns verabschieden werden. Und bis dahin klären wir noch die letzten uns wichtigen offenen Fragen, die Puzzleteile, die wir noch gerne vom anderen hätten tauschen wir bereitwillig aus und dann ist es vorbei.
Ein schnelle Umarmung eine gekritzelte Email-Adresse und ein "Bis nächstes Jahr!". Mehr nicht.
Und das Lächeln, dass ich beim Aussteigen auf den Lippen habe, kehrt auch im neuen Jahr bis jetzt immer wieder in mein Gesicht zurück.
Danke dafür.

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12 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Das Gute an deinen Texten ist, finde ich, dass man sie liest, gut findet, nach Wochen noch mal liest, noch besser findet, evt. das Gleiche nochmal, und anstatt, dass man denkt, kenn ich, hab ich schon mal gelesen, stellt man fest, der Text gefällt einem immer mehr, oder man erkennt was, was einem beim ersten Lesen gar nicht auffiel. Deswegen jetzt: Empfehlung!

    03.04.2011, 13:37 von topfbluemchen
    • 0

      @topfbluemchen Ich schließe mich den Worten meiner vorrednerin an...

      03.04.2011, 14:26 von sailor
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  • 0

    nice.

    21.05.2010, 02:29 von AluRockt
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich sollte echt mal alle Texte von Dir durchackern.

    08.06.2009, 00:05 von Steifschulz
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  • 0

    Schöner Text...schön geschrieben!

    24.04.2009, 15:00 von schickschick
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  • 0

    Auch dieser Text gefällt mir sehr gut. Form (die kurzen, abgebrochenen Sätze, Worte und Phrasen) passt perfekt zum Klima des Inhalts. Alles ist rund. Situativ. Die Momentaufnahme eines Stimmungsbildes, das am Ende die Wendung eines einfachen, aber ehrlichen Dankes nimmt.

    /analytics off

    2:0

    27.03.2009, 00:30 von DarenBRens
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  • 0

    für mache ist es traurig andere ist es ein universum voller glücksgefühle

    24.03.2009, 22:06 von Spice
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  • 0

    "ich schlafe nicht mit männern, mit denen ich rede."

    das find ich gut.

    "..das Lächeln, das ich beim Aussteigen..."

    24.03.2009, 07:48 von Surecamp
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  • 0

    Du schreibst schön. :) Die Geschichte ist weniger schön, die Einstellung klingt nach einem fröhlichen Pessimisten. Kopf hoch, das Leben geht weiter du fröhlicher Pessimist. ;-)

    23.03.2009, 22:32 von precious_
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  • 0

    toll. gefällt mir gut. also der text und die einstellung.

    ich muss immer auf alles vorbereitet sein - aber in letzter zeit versuch ich auch immer öfter nur das zu machen, auf das ich grad lust hab.

    auf den liebeschmarrn geh ich jetzt nicht ein, da hat jeder eine jammergeschichte.

    19.03.2009, 14:47 von MrKartoffelkopf
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