sandra0711 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 0

Du bist eine wundervolle Person…

… oder die Suche nach Antworten, die es nicht gibt!

Und da ist sie wieder. Ja, sie ist da. Diese einfache, aber dann doch komplizierte und nicht zu beantwortende Frage: „Warum?“ - Ganz simple, ganz schlicht und doch so vielseitig erweiterbar: Warum ich? Warum jetzt? Warum hier? Warum er?

Herrlich, oder? Nein, nicht wirklich. Wer stellt sich nicht diese immer wiederkehrende warum-Frage, wenn man einen Menschen mag, sich auf welche Art und Weise auch immer – wahrscheinlich auf die blödeste und umständlichste Weise – verliebt, ihn täglich sieht und dann doch weiß: „Mädchen, das wird nie!“.

Man denkt immer, man steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden, ab einem gewissen Alter hat man schon einiges erlebt, Erfahrungen gesammelt, aus Verletzungen gelernt, Gefühle entwickelt, bei denen man dachte, sie nie zu fühlen, Wolke 7 hier, Herzschmerz da, aber es dreht sich alles weiter, es gibt kein zurück – so geht’s mir. Alles ist irgendwie ertragbar, alles irgendwie machbar, alles fühlt sich irgendwie schön an und irgendwie geht’s einem doch gut – alles irgendwie.

Ich habe Abitur, ich habe eine Ausbildung hinter mir, ich habe einen Job, ich bilde mich weiter – fein. Aber wer hat mir beigebracht, mit Gefühlen umzugehen? Wer sagt mir, wieso ich plötzlich diesen einen Menschen gutfinde und erklärt mir, wie ich dem ganzen Chaos um mich herum aus dem Weg gehen kann? Kann man Gefühle beschränken? Kann man Schmetterlinge im Bauch wieder rauslassen? Kann man Freude, die man empfindet, in Wut umwandeln? Kann man verdrängen und vergessen, wenn man sich auf jemand anderen einlässt, der nicht mal halb so viel in einem bewirkt, wie der andere, den man plötzlich so sehr mag. Gibt es überhaupt Erklärungen?

Ich stelle mir ständig solche Fragen, immer und immer wieder, und immer wieder lande ich bei dem warum. Ja, es ist so.

Wenn ich mich zurückerinnere, habe ich mir mit meinem jugendlichen Leichtsinn immer vorgestellt, wenn ich mich verliebe, dann muss es peng machen, mich muss der Blitz treffen, ich muss von Anfang an gefangen sein in allem, was um mich herum passiert, es muss von der ersten Minute an kribbeln, es muss besonders sein – wie auch sonst? Heute weiß ich, dass es ein Prozess sein kann, der lange dauert, dass sich Gefühle, Respekt und Achtung voreinander entwickeln, dass man über Dinge hinwegsehen kann, dass man sich selbst zurücknehmen kann, dass eben nicht alles perfekt sein muss, um zu lieben.

Über ein Jahr habe ich IHN als einen arroganten Schnösel, als einen studierten und eingebildeten Idioten gesehen, der von seinem hohen Ross auf mich heruntergesehen hat, der mich aus einem Blickwinkel des Missachtens betrachtet hat – ich weiß nicht wie viele Kraftausdrücke ich benutzt habe, um ihn bei anderen schlecht dastehen zu lassen, um anderen zu erklären, wie schlimm es ist, ihn zu sehen, mit ihm zu sprechen, seinen nervtötenden Fragen zuzuhören und das jede Woche, 5 Tage, Minimum 40 Stunden – ja, meine neuer Kollege war ein Arsch. Bei jedem Gespräch zischte ich wie eine Schlange, bei seinen Witzen setzte ich das gespielteste Grinsen auf, das es gab, sobald er den Raum betrat, wandte ich mich demonstrativ ab, ich war froh um jeden Tag, an dem er nicht da war – ich war ein Biest. Und dann noch sein Gelaber über seine Freundin (ja, er hat eine!), die einen gaaanz tollen Beruf hat und seine „Freunde“, die dies und jenes haben und sowieso und überhaupt. Wen interessiert’s? Ich bin nicht so. Was kann ich damit anfangen, dass einer Dipl.-Irgendwas ist, aber man sich nicht über alltägliche Dinge unterhalten kann, nicht lachen kann?

Wenn ich eine genaue Antwort geben müsste, was sich änderte, ich hätte keine. Plötzlich war es anders. Ich hatte eine wirklich schwierige Phase – beruflich und privat. Er hat es gemerkt, er fragte wie es mir geht, gab mir Zeit zum Reden, zum Weinen, zum Einfachnurdasitzen, er sprach mir Mut zu, analysierte, kritisierte – er war da. Über Tage, Wochen, Monate entwickelte sich ein Verhältnis, das ich nicht wieder hergeben möchte.

Ich bin ein sturer Kopf, mich kann man nicht so leicht verbiegen. Dass ich bei ihm über meinen Schatten gesprungen bin, ist das Beste und Klügste, was ich machen konnte. War es das?

Es war toll, ich hatte jemanden, mit dem ich mich gut verstand, zu dem ich gehen konnte, wenn es mir Scheiße ging. Es gab jemanden, der mich zum Lachen brachte, auch wenn mir nach Weinen war. Wir ergänzten uns, tauschten uns aus, alles war ganz einfach. Kollege?

Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, ich lernte ihn näher kennen, er mich. Alles doch ganz normal. Er war nicht der oberflächliche Typ, für den ich ihn gehalten habe. Unter dem Mantel des Überheblichen steckte ein unschätzbar wertvoller Kern. Freundschaft?

Alle um mich herum merkten es vor mir oder meinten es zu merken. Ich strahlte angeblich über das ganze Gesicht, nichts hat mir die Laune verdorben, leise pfiff ich irgendwelche Melodien, ich war beflügelt und blablabla.

Dann erkannte ich es selber. Ich wachte früh auf und wollte schnell ins Büro und das nicht, weil ich mich so sehr auf die Arbeit freute. Ich freute mich auf ihn. Ich merkte wie ich nervös wurde, wenn ich ihn an der Eingangstür hörte. Ich merkte, wie ich anfing zu lächeln, wenn er den Raum betrat. Ich merkte, wie ich meine Augen nicht von ihm lassen konnte. Ich merkte, wie ich den kleinsten Vorwand suchte, um bei ihm zu sein. Alles so schön. Alles so wundervoll. Mein Herz. Mein Bauch. Alles drehte sich. Verliebt?

Und dann schaltete sich mein Kopf ein. Der Verstand, das Gewissen? Natürlich, denn es gibt ja diese tolle Frau an seiner Seite. Aber warum schaltete sich bei mir der Verstand ein? Bin ich nicht ein ungebundener, offener, für alles bereiter Single? Und zack dache ich: alles nur Einbildung. Es ging mir ja nach meinen Tiefschlägen wieder besser, da bewertet man wohl gewisse Dinge über. Ich habe ein Person gefunden, die man gut und gerne als Freund bezeichnen kann, also jemand auf den man sich verlassen kann, mehr nicht. Und ich dachte: Mach’ einfach ganz normal weiter.

Normal? Nichts ist normal, wenn man versucht zu verdrängen, wenn man Zeichen versucht zu ignorieren, wenn man Komplimente als Provokation auslegt, wenn man versehentliche Berührungen als Angriff versteht. Jeden Tag aufs Neue. Klingt es verzweifelt? Natürlich. Was auch sonst? Was soll man auch tun? Man kann dem in der täglichen Zusammenarbeit nicht aus dem Weg gehen.

Ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich den Gedanken des „neuen besten Freundes“ zur Seite schob und die hihi-ich-freu-mich-und-bin-so-happy-und-sehe-alles-rosa-Teenagerin werde, die ich ja nun aber definitiv nicht bin. Warum fühle ich so?

Ich versuche mir einzureden, dass sein Verhalten nichts zu bedeuten hat. Es bedeutet nichts, dass er während seines Urlaubs auf meinem Internetprofil war. Es bedeutet nichts, dass er sich jedes Mal wie ein kleines Kind freut, wenn wir uns länger nicht gesehen haben, mit mir was trinken geht und wir eine gefühlte Ewigkeit miteinander verbringen. Es bedeutet nichts, dass er andere ständig mit meinem Namen anredet. Es bedeutet nichts, dass er alles was ich tue und sage genau beobachtet und sich merkt. Es bedeutet nichts, dass er mich anstarrt und seine eigentlichen Aufgaben dabei vergisst. Es bedeutet nichts, wenn er mir während einer Besprechung Zeichen gibt und mir zuzwinkert. Es bedeutet nichts, dass er mich über mein Wochenende ausfragt, als müsste ich Rechenschaft über mein Privatleben ablegen. Es bedeutet nichts, dass er mich vor und nach einer Verabredung mit einem Mann über diesen potenziellen Anwärter ausfragt, alles wissen will und mir bei der kleinsten Unstimmigkeit abrät. Es bedeutet nichts, dass er sich über ein misslungenes Date von mir freut, als hätte er einen Preis gewonnen, und bei einem netten Date wie eine eifersüchtige Prinzessin reagiert. Es bedeutet nichts, dass er angeblich weiß, dass ich etwas Besseres verdient habe, weil ich selbst so eine wundervolle Person bin, so großartig, so besonders. Es bedeutet nichts, dass wir bei einem Stichwort das gleiche Lied singen oder lachen. Es bedeutet nichts, dass ich die erste bin, mit der er reden will, weil ich die einzige bin, die ihn angeblich versteht. Es bedeutet nichts, dass er mich sofort fragt, ob alles okay sei und sich entschuldigt, wenn er glaubt, zu weit gegangen zu sein, mit dem was sagt. Es bedeutet nichts, dass wir uns minutenlang in die Augen schauen und beide lächeln, als sei es genau das, was wir wollen. Das alles und die Millionen anderen Dinge, die es gibt, bedeuten nichts, wenn der Tag zu Ende geht und wir getrennte Wege gehen und erst am nächsten Tag alles wieder von vorn beginnt.

Meine Güte, kapiere es endlich, schießt es mir jedes Mal durch den Kopf, es sind doch nur verdammte Spielchen, die aus happy und hihi auch depri und aaaah machen. Es gibt einfach diese Frau, mit der er Tisch und Bett und was weiß ich teilt. Da geht er abends hin, nicht zu mir. Das ist, als wäre die Bürotür ein Scanner oder eine Maschine oder so ein technisches Dings, was beim Eintreten sein Hirn auf Null stellt und auf mich programmiert und abends geht er wieder durch, der Tag ist gelöscht, alles ist vergessen und weg. Die Frau an seiner Seite ist bestimmt nett, wirklich, ich glaube das. Er hat Anforderungen an sein Dasein und sein Leben, die ich so nicht erfüllen kann – aber sie. Und irgendwie kann ich das auch verstehen. Würde ich meine langjährige Beziehung über den Haufen werfen, weil es jemanden gibt, der anders ist? Vielleicht bin ich witziger oder energischer oder verständnisvoller, aber ich achte nicht auf die Zahl auf meinem Konto oder darauf wie oft ich wann wohin in den Urlaub gehe oder ob mein Umfeld von Dipl.-Leuten, Geschäftsführern, Ärzten umgeben ist. Er schon. Ist das Scheiße? Ja, aber nicht zu ändern. Und da gibt es auch noch die Hausboot-Theorie: Es gibt viele schöne Schiffe auf dem Meer, die alle auf ihre Art besonders sind, aber man kehrt immer wieder zu seinem eigenen Hausboot zurück. Blöd, aber es bringt mich zum Lachen.

Nun ja, ich habe es auf jeden Fall erkannt: ein Spiel. Ich weiß Bescheid, ich weiß wo ich stehe, welchen Wert sein Verhalten hat. Ich kenne die Kommentare von anderen, wie dumm das alles sei und dass ich bei dem ganzen Hin und Her den Schritt wagen und keine Rücksicht auf die andere Frau nehmen soll (ich bin aber so – er ist tabu wegen ihr, denn ich weiß wie sich das anfühlt, hintergangen zu werden) oder ich sollte es einfach verdammt noch mal sein lassen. Ergibt ja auch alles irgendwie keinen Sinn. Aber das muss meinem Kopf, meinem Verstand, meinem Herz erstmal klar werden. Wenn das alles so einfach wäre, hätte ich vielleicht nicht diese ein zwei drei Millionen Tränchen geweint oder diesen unsagbaren Schmerz gespürt, wenn ich ihn nicht sehe, hätte nicht die Dinge, die ich von ihm bekommen habe, fein säuberlich aufgehoben oder könnte die Sachen, die er mir gesagt hat, nicht wie auf Knopfdruck abrufen, ich hätte nicht soviel gelächelt und gestrahlt und getanzt und gehüpft und das alles was man macht, wenn man an diese eine Person denkt. Tja, muss er nicht den nächsten Schritt weiter auf mich zuzugehen? Er macht es, aber ich mit meinem Anstandswauwaudenken blocke ab. Das ist krank. Ich denke sogar, dass ich wie eine Art fremdgehe, wenn ich mich mit einem Anderen treffe. Das ist richtig krank.

Kann mich jemand verstehen? Kann das jemand nachvollziehen? Ich kann nicht beschreiben, was ich fühle oder denke, denn es gibt nichts, was mich derzeit glücklicher machen könnte, aber auch nichts, was mich trauriger machen könnte.

Ja, ich bin eine wundervolle Person. Ja, ich bin auch eine bemerkenswerte Frau. Ja, ich bin kreativ, witzig und geistreich und liebevoll und ... Ja, ich bin für ihn da. Ja, für ihn kann und will ich alles um mich herum vergessen. Ja, bei mir spielen komische Engel auf Harfen, wenn ich seine Stimme höre. Ja, mein Herz hüpft, wenn er mich mit seinen Bambi-Augen anschaut. Ja, wir können zusammen lachen und weinen. Ja, wir könnten alles … aber nur für eine bestimmte Zeit, an 5 Tagen in der Woche, für jeweils 8 Stunden, lass’ es 10 Stunden sein, und dann?

Und wieder frage ich: Warum?

2 Antworten

Kommentare

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    Hirnchemie, Kick fürs Ego, überdurchschnittliche Kompatibilität -
    würde den eine Kenntnisse der Gründe irgendetwas an den Gefühlen ändern?

    Die Überlegung, ob man einer anderen Frau den Mann ausspannen soll, ist keine Frage von Herz oder Hirn, sondern eine Frage des Rückgrats.

    Er gefällt dir, aus welchen Gründen auch immer, du denkst ihr könntet gemeinsam glücklich werden, und du fragst dich, ob du etwas in diese Richtung unternehmen sollst.

    Produktiver als die Frage "Warum empfinde ich so?" sind die Frage "Welches Vorgehen kann ich mit meinen persönlichen Moralvorstellungen vereinbaren?" "Wie wichtig ist mir meine moralische Integrität?"

    Manche Menschen (deine Arbeitskollegen offenbar) sind der Meinung, dass in der Liebe und im Krieg alles erlaubt ist. Du musst dir darüber klar werden, ob du diese Ansicht teilst - auch dann, wenn du in der Rolle der festen Freundin bist und die nächste Anwärterin auf diese Position am Horizont auftaucht. Wenn du diese Ansicht auch mit verteilten Rollen konsequent vertreten kannst - nur zu.

    Aber du musst dir darübe klar sein, dass dein Handeln die andere Frau in jedem veletzen wirst - egal, wie du es begründest. Ob das zwischen dir und dem Typen die wahre Liebe ist oder ein bloßer Hormonrausch wird ihr herzlich egal sein. Kein denkbaer Grund könnte dein Handeln aus ihrer Sicht legitimieren. Deine Gründe sind in diesem Zusammenhang schlicht irrelevant.

    Was du dich also wirklich fragen solltest, ist, ob dich ihre Sicht interessiert oder ob du dich nicht darum scherst.


    08.06.2010, 02:11 von AuntAgony
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      @AuntAgony Ich danke Dir für Deinen Kommentar. Gerade weil ich weiß, wie es ist "betrogen" und "hintergangen" zu werden, quält mich die Frage nach dem warum. Ich finde diesen Mann großartig und er findet mich auf seine Weise großartig, aber ich weiß die Grenzen zu ziehen. Es ist nichts passiert und es wird auch nichts passieren, was ich mit mir und meinen Vorstellungen von Ehrlichkeit, Vertrauen und Moral nicht vereinbaren kann.

      09.06.2010, 10:19 von sandra0711
    • 0

      @sandra0711 Manchmal kann aber ein bisschen gesunder Egoismus nichts schaden...
      Und wenn der Kerl seine Freundin nicht mehr liebt, sondern nur noch aus anderen Gründen (und diese können haarsträubend sein) mit ihr zusammen ist, ist die Grundlage für die Moral eine andere... Finde ich!

      22.07.2010, 21:28 von tin08kl
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    ..ungefähr so geht's mir auch im moment..
    schöner text!

    07.06.2010, 18:47 von tin08kl
    • 0

      @tin08kl Danke!
      Und die Frage begleitet mich weiterhin ...

      08.06.2010, 00:44 von sandra0711
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