Winterling 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Du bist ein Lügner

Wem kann man glauben, wenn dir die nächsten Menschen falsche Worte ins Ohr flüstern? Da ist die Kassiererin aus Indien um die Ecke glaubwürdiger.

„Ich liebe dich.“

Das sind deine letzten Zeilen in deiner hoffentlich letzten Nachricht an mich. Ich hasse dich. Obwohl ich nicht mal genau weiss, was es bedeutet, jemanden abgrundtief zu hassen. Es fühlt sich nur gut an zu sagen, dass ich dich hasse. Weil ich dich nicht lieben kann. Obwohl ich sollte.

Es ist eklig und es graust mich, als ich diese drei Wörter lese. Ich erstarre. Nein. Das kann nicht sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du mir das geschrieben hast. Wen hast du da bezahlt? Sofort muss ich mein Handy auf die Seite legen. Als würde ich mich daran verbrennen. Nur weg damit. Weg von mir.

Du weisst doch gar nicht, was du hier schreibst. Noch nie in meinem ganzen Leben hast du mir gesagt, dass du mich lieben würdest. Nicht dass es so wäre, dass du keine Gelegenheit dazu gehabt hättest. Oder reichen etwa zwanzig Jahre nicht aus, um ein Mal, ein einziges Mal zu sagen, dass ich dir wichtig bin? Nicht Liebe. Liebe wird sowieso überbewertet. Viel mehr habe ich von dir erwartet, dass du ehrlich mit mir bist.

Ich habe aber gelernt, dass ich dir nicht vertrauen kann. Auch wenn es etwa zehn Anläufe gebraucht hat. Es ist wie mit dem Rauchen. Man hört hundert Mal auf und man fängt hundert mal wieder an. Das ist Beschiss. Ich bescheisse mich selber. Aber wie man halt so schön sagt: „Die Hoffnung stirbt zu letzt.“

Und weil du ein so wichtiger Mensch für mich warst, hast du es mir extrem schwierig gemacht, dass ich anderen Menschen vertraue. Vielen Dank auch.

„I wonder“ haucht Rodriguez ganz nah neben mir ins Mikorfon. Als wäre er auch hier in diesem Raum. Ja, mein Lieber, ich frage mich, ob unsere Wege irgendwann wieder zu einander führen. Vielleicht im nächsten Leben. Wer weiss… In diese Leben werde ich mir aber die Finger nicht wegen dir verbrennen. Das ist klar. Kristallklar.

Fünf Minuten wollte ich mir und dir für diese Traurigkeit, Sehnsucht und Selbstmitleid geben. Doch ich finde drei Minuten sind schon lange genug und wische mir die heisse Träne aus dem Gesicht. Ich atme tief durch, hüpfe aus dem Bett und gehe Sport machen.


1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare