justanotherpicture 30.11.-0001, 00:00 Uhr 20 28

Drifting apart

Zwei wie Treibgut

Langsam dreht sich der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür. Er registriert das Geräusch, hört, wie sie die Tür öffnet, den Klang ihrer hohen Schuhe auf dem Parkett, die sie nur wegen der Firma trägt. Er macht den Fernseher leiser, streckt den Rücken auf der Couch durch und ruft – immer noch mit Blick auf das Vorabendprogramm – in den Flur:

„Hey Schatz! Schon zuhause?“
 
Das Klimpern des Schlüsselbundes auf dem hüfthohen Schrank neben der Tür. Sie atmet durch.

„Ja, ich bin da.“
 
„Hast du Hunger? Wollen wir gleich was zusammen bestellen?“
 
Sechs Jahre früher.

Freitagabend. Pulsierende Beats. Gleißende Lichter zerschneiden den Raum, spalten tausend tanzende Leiber. Alles und nichts liegt in der Luft. Pure Wollust strömt aus jeder Pore. Der Raum atmet ihre Jugend, nimmt sie begierig auf. Fremde Hände an fremden Körpern. Unbekannte Zungen künden von süßem Nektar. Nicht an morgen denken, nicht an gestern. Tanzen im Jetzt. Alles was existiert, ist diese Nacht.

Gutes Lied. Kurz weg von der Gruppe, an die Theke. Der Barkeeper nickt ihm zu, alles geht schnell, drei Jungs, die schon länger warten, schauen empört. Hälfte auf dem Weg zur Tanzfläche verschüttet – egal. Alle danken, sie stoßen an:

„Auf uns! Auf diesen Abend!“

Er tanzt weiter, das Mädchen dort drüben hat er schon öfter hier gesehen.

FL ACK ER ND ES GR EL LE S LI CH T, SC HW IE RI G ZU ER KE NN EN. Sie sieht eigentlich ganz süß aus. Wie sie sich bewegt. Wie sie ihre Hüften kreisen lässt. Noch ein letzter Schluck aus dem Glas, dann – das nimmt er sich vor - geht er zu ihr rüber.

Sie lässt sich auf das Sofa fallen, drückt ihm einen müden Kuss auf die Wange.

„Hey.“

„Hey.“

„Wie war dein Tag?“

„Unglaublich viel Stress in der Agentur, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Ein Kunde hätte fast einen fetten Auftrag platzen lassen und Peter hat sich auch wieder aufgeführt wie ein Vollidiot. Und deiner?“

Er bemerkt, wie sie ihn mustert.

„Ganz okay. War halt für zwei Stunden in der Uni, danach noch Fußball spielen und jetzt, na ja, habe ich Galileo geschaut, bis du gekommen bist.“

„Mmmh“, sie setzt ein nachdenkliches Gesicht auf, „hört sich nach einem entspannten Tag an.“

„Ja“, sagt er, als sie ihren Kopf erschöpft auf seinen Schoß legt und sich langsam die Schuhe von den Füßen streift, „wahrscheinlich schon.“

Er zuckt zurück, als ihn plötzlich einer seiner Kumpels an der Schulter packt. Fast unmerklich hat er sich von der Gruppe entfernt, um einen besseren Blick auf sie zu haben. Wie sie dort tanzt – wie in Trance – in sich versunken, die Schönste unter ihren Freundinnen.

„Wo willst du hin?“, fragt sein Freund, die Hände zum Trichter geformt, ganz nah an seinem Ohr, die Musik ist ohrenbetäubend laut, der Bass fährt in Mark und Bein, es läuft ein Remix von Bob Sinclairs unsäglichem Hit „Love Generation“, schließlich ist 2006, WM-Jahr in Deutschland.

„Nur kurz da drüben die Lage abchecken“, grinst er ihn schelmisch an, sie tauschen ein wissendes Lächeln, sein Freund zwinkert ihm zu, dann ist er allein, allein unter tausend Tanzenden und mit nur einer Absicht: sie anzusprechen, ihre Stimme zu hören, in ihre Augen zu schauen, vielleicht mehr.

„Margherita oder Spinaci?“ Das Rascheln des Pizza-Prospekts reißt sie aus dem Halbschlaf. Sie räkelt sich, richtet sich auf.

„Wo kommt denn der Flyer plötzlich her?“

„Lag unter dem Sofakissen. Also? Ich hab nen Bärenhunger!“

„Ich hab irgendwie keine Lust auf Pizza“, erwidert sie, „was hältst du davon, wenn wir stattdessen was draußen essen gehen?“

„Draußen?“, er schaut sie verwundert an, „gerade bist du noch fast auf meinem Schoß eingeschlafen und jetzt willst du schon wieder los? Ich dachte, dein Tag war so stressig?“

„Ja, na und?“, entgegnet sie. Sie versteht ihn nicht. „Muss ich mich jetzt vor dir rechtfertigen, weil ich was essen gehen will? Waren wir doch schon ewig nicht mehr.“

„Stimmt schon, du musst auch nicht gleich zickig werden.“, sagt er, während Aiman Abdallah im Hintergrund vom größten Schaufelradbagger der Welt berichtet. „Von mir aus. Gehen wir also raus.“

„Hey!“           

„Hey!“

„Darf ich dich auf ein Getränk einladen?“

„Machst du mich gerade an?“

„Kann schon sein.“

Sie lächelt.

„Auf was für ein Getränk lädst du mich ein?“

„Wenn ich ‚Sex on the beach‘ sage, wäre das schon ziemlich platt, oder?“

Sie lachen, trinken und tanzen. Trinken mehr, kommen sich näher. Es knistert von der ersten Sekunde an. Irgendwann verabschieden sich Freunde und Freundinnen und es ist einfach egal, sogar die Musik ist inzwischen besser geworden, obwohl sie diese längst nicht mehr wahrnehmen.

„Was machst du eigentlich so?“

„Ne Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation.“

„Marketing-was?“

„Ach, egal! Und du?“

„Momentan bin ich Zivi. Ich hoffe aber, dass ich nächstes Jahr nen Studienplatz in Amerikanistik bekomme.“

Kopfnicken.

„Kann ich dir noch ne Frage stellen?“

„Na klar!“

„Kannst du mich endlich verdammt nochmal küssen?“

„Einmal einen Insalata San Remo für die Signorina und einmal Tortiglioni alla Salernitana für den Signore!“, säuselt der Kellner. „Buon appetito!“

„Gracias!“, antwortet er und wirft ihr einen lausbübischen Blick zu. Sie verdreht nur die Augen.

„Mein Gott, verstehst du denn überhaupt keinen Spaß mehr?“

Sie blickt in den viel zu großen Salat und schweigt. Stumm essen sie ihr Mahl, kauen, einspeicheln, schlucken, kauen, einspeicheln, schlucken.

Irgendwann rollt eine Träne lautlos an ihrer Wange herunter und fällt in den Salat, zerstäubt in ein Dutzend kleiner Perlen und wird eins mit dem sämigen Dressing, ganz unbemerkt von ihm.

„Die Nudeln waren auch schon mal besser hier.“, sagt er.

„Hm.“

Wie sie lacht. Ihn anschaut. Das Glänzen ihrer Augen. Wie hinreißend sie aussieht, selbst wenn sie mit ihm um halb fünf vor einer Dönerbude auf der Partymeile der Stadt steht, nachdem der Dönermann sie hinauskomplimentiert hat, und Sauce ihre Mundwinkel hinunterläuft und sie so lachen muss, weil er eine peinliche Anekdote aus seiner Vergangenheit nach der anderen erzählt.

Sie schiebt den Teller beiseite, den Salat hat sie kaum angerührt. Ihr ist schlecht.

„Ich glaube, wir müssen reden.“, sagt sie zu ihm.

Die Stimmen der ersten Vögel erklingen aus den Wipfeln der Bäume als der Morgen sich mit großen Schritten ankündigt. Er presst sie an die Hauswand, hält ihr Gesicht, sie küssen sich stürmisch, fallen wortwörtlich übereinander her, Leidenschaft, Lust, der Alkohol tut sein Übriges. Er kann seine Hände nicht von ihr lassen, sie genießt seine Berührungen, seinen Atem auf ihrer Haut, wie er ihren Hals küsst, seine Finger, die langsam unter ihr Oberteil gleiten.

„Stop!“ Sie unterbricht ihn.

„Was denn?“ Er lässt nur langsam von ihr ab, blickt ihr tief in die Augen.

„Was soll das hier eigentlich werden?“

Er schaut erstaunt. „Was das hier werden soll?“

„Ja. Glaubst du, ich nehme dich einfach gleich mit nach oben und dann darfst du bei mir schlafen oder was?“

Er lacht, leicht verunsichert, leicht belustigt ob ihrer Frage.

„Ich...“, er stockt, zupft an seiner Jacke, „ich weiß nicht. Darüber habe ich mir gar keine Gedanken gemacht.“

Sie schaut ihn skeptisch an, dann formen sich ihre Mundwinkel langsam zu einem Lächeln. Sie packt ihn am Kragen seiner Jacke, zieht ihn wieder zu sich heran, ganz nah, sodass sich ihre Lippen fast berühren, einige Sekunden hält sie diesen Schwebezustand aufrecht, umspielt sein Gesicht wie ein leichter Schleier.

„Küss mich einfach wieder.“, flüstert sie.

„Die Rechnung bitte.“, ruft er dem Kellner zu.

Sie schauen sich an, er hält ihre Hände fest, sie zittert, kann die Tränen kaum zurückhalten.

Fast kann sie die Wohnungstür nicht öffnen, mehrmals fällt ihr der Schlüssel herunter. Als sie endlich im Flur ihres kleinen Domizils stehen, hat er ihr schon das Oberteil ausgezogen, bedeckt sie mit wilden Küssen, sie packt ihn am Gürtel, zieht ihn Richtung Schlafzimmer.

„Es ist, als wären wir auseinandergetrieben, wie Treibgut, weil wir uns nicht mehr aneinander festgehalten haben,“ sagt sie, während sie mit dem gepackten Koffer in der Tür steht. „Wie auf einem Ozean bei ruhiger See, ganz langsam, fast unbemerkt.“ Er nickt und weiß, dass sie Recht hat. Eine flüchtige Umarmung zum Abschied, dann dreht sie sich um und geht die Treppenstufen hinunter. Leise schließt er die Tür hinter ihr, geht zum Fenster und beobachtet sie, wie sie den schweren Koffer ins Auto hievt. Schnell verliert er sie aus den Augen, als sie losfährt.

Und mit jeder Sekunde

wächst der Ozean zwischen ihnen.

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20 Antworten

Kommentare

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  • 1

    ich mag den Text sehr


    24.10.2012, 00:58 von Blare
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  • 1

    Kitschig !!!
    Aber ich stehe auf die Idee, Anfang und Ende gleichzeitig zu erzählen.

    30.08.2012, 19:14 von cosmokatze
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    wunderschön traurig. 


    30.08.2012, 19:00 von neekaala
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    Berührende Story, sehr ergreifend und flüssig lesbar geschrieben. Viel, aber nicht too much. Wunderbar, freue mich drauf Deine anderen Geschichten noch zu lesen!

    28.08.2012, 11:41 von Ms.Take
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  • 1

    Irgendwann rollt eine
    Träne lautlos an ihrer Wange herunter und fällt in den Salat, zerstäubt in ein
    Dutzend kleiner Perlen und wird eins mit dem sämigen Dressing, ganz unbemerkt
    von ihm.

    traurig aber sehr schön geschrieben!!!

    21.08.2012, 01:00 von FinchenMagLachen
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  • 0

    gefällt mir sehr gut. ich war schon lange nicht mehr hier bei neon, deine story ist - wie immer- toll geschrieben, sodass ich mich direkt auf der couch und der tanzfläche fühlte.

    danke. weiter do;)

    15.05.2012, 16:39 von kiwicat
    • 0

      Danke für deine Worte.

      15.05.2012, 19:29 von justanotherpicture
    • 0

      gern geschehen;)

      18.05.2012, 11:29 von kiwicat
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  • 0

    Stimmung stimmt.

    09.05.2012, 17:51 von Flussamour
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  • 0

    Inhaltlich ist das nicht ganz so meins, aber der Aufbau ist sehr gelungen! Ein schönes Spiel mit Gegenüberstellungen von Vergangenem und Gegenwärtigem.

    22.04.2012, 13:28 von hihihimmel
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Erinnert mich an neu-alte Serien, die Gegenwart und Vergangenheit ihrer Protagonisten zusammenschneiden und so die Geschichte, aber auch die Hintegründe erzählen, wie "Lost" oder "Battle Star Galactica".
    Sehr schön.

    20.04.2012, 19:40 von wordmage
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