Frau_Irma 30.11.-0001, 00:00 Uhr 24 49

Drei Worte sind keines zuviel.

Der passende Zeitpunkt für den richtigen Moment.

"Ich liebe dich."
Ich sage diesen Satz zum ersten Mal.
Ganz bewusst. Und nicht nur in Gedanken. Weil er mir schon die ganze Zeit auf der Zunge liegt. Weil du mir am Herzen liegst. Weil ich ihn nicht wieder zerkauen, durchdenken und runterschlucken will. Und du siehst mich an. Konzentriert, gibst mir einen Kuss:
"Und was ist Liebe für dich?"
Du hast mich nicht leidenschaftlich zurückgeküsst oder mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung gesagt, dass du mich auch liebst, sondern hälst mich einfach nur im Arm.
Bleibst ruhig. Und besonnen. Und liebevoll.
Und dafür liebe ich dich sogar noch mehr.
"Es ist ein Gefühl. Und jetzt ist es da."
Mir ist klar, dass dir das nicht reichen wird, du willst immer alles ganz genau wissen. Es richtig machen. Weil du in der Vergangeheit viel falsch gemacht hast. Das Komische ist nur, dass ich überhaupt nicht daran zweifel, dass du mich auch liebst. Obwohl deine Lippen es nie ausgesprochen haben, so habe ich doch die drei Worte bei jedem Kuss auf ihnen gespürt.
Vielleicht war es auch zu früh, es zu sagen.
Vielleicht. Aber ich habe es für mich gesagt.
Nicht in der Erwartung, dass du es auch tust. Und es hat sich gut angefühlt. Jedes einzelne Wort.
"Ich denke einfach, dass zur Liebe mehr gehört als nur ein Gefühl", deine blonden Wuschelhaare hängen dir ins Gesicht und zwischen deinen Augen bildet sich diese kleine, bedenkenvolle Falte.
"Und ich denke, dass es genau das ist", entgegne ich.
Fragend siehst du mich an. "Was?"
Ich richte mich neben dir auf.
"Na, das Gefühl, der X-Faktor, gerade das Eben-nicht-wissen-was-es-ist. Das Nicht-erklären-oder-analsysieren-können. Ich weiß, was du jetzt denkst. Dass ich zu naiv bin. Zu kindisch. Und dass du das irgendwie süß findest. Es aber nicht ernst nimmst. Dass ich die Dinge zu rosa sehe. Aber das ist mir gerade egal. In einer Zeit, in der wir alles bestimmen können, jede App auf unserem Handy, die uns sagt, was wir essen sollen und wieviel, wann wir uns zu bewegen haben, wann wir aufstehen und ins Bett gehen sollten. In einer Zeit, in der wir immer nur optimieren wollen, anstatt einfach mal die Dinge anzunehmen wie sie sind. In der wir glauben, den Partner fürs Leben zu finden, in dem wir uns ein Profil anlegen und in der die Übereinstimmung gemeinsamer Interessen in Prozent angegeben wird, brauchen wir doch etwas, das einfach mal nicht passt. Und trotzdem perfekt für uns ist. Mir ist egal, ob wir genau dieselben Hobbies haben oder ob deine Haarfarbe, dein Style oder deine Schuhgröße meinen Vorstellungen entspricht. Ich habe jemanden gefunden, der mich jeden Tag aufs neue überrascht, der auf mich aufpasst, nach dem mein ganzer Körper verrückt ist und dem ich vertraue. Und natürlich wirst du mir irgendwann mal auf den Sack gehen und ich dir, aber das ist mir egal - so lange ich weiß, dass wir uns nicht loslassen. Das ist Liebe für mich. Und ich will nicht wieder Gefühle zurückhalten aus Angst, das sie nicht stimmen bis sie irgendwann wieder verschwunden sind und ich mir einrede, ich hätte von Anfang an Recht gehabt."

Deine Augen sehen mich an. Verraten aber keinen deiner Gedanken. Und für einen kurzen Moment weiß ich nicht, ob du mich verstehst oder ob du dir nicht auch lieber jemanden mit einer Interessenübereinstimmung von über neunzig Prozent suchen willst.
Dann nimmst du meine Hand.
"Ich kann dir nicht sagen, was ich für dich empfinde. Weil ich es nicht in Worte fassen kann. Und genau dieses Nicht-erklären-können macht mir, im Gegensatz zu dir, eben Angst. Dass ich es nicht einfach logisch herleiten kann. Dass es keine Prozentangaben gibt. Dass es so anders ist. Und dass es sich trotzdem so wahnsinnig groß und gut anfühlt. Dass du in meinem Leben aufgetaucht bist, obwohl ich dachte, dass mir das nicht mehr passieren wird. Du hast gelernt, einfach los zu lieben. Du bist mutig. Ich bin feige. Noch."

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24 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Stimmt genau. Nicht immer feige sein sondern einfach mal gerade heraus sagen was man fühlt und denkt. Aneinander vorbeileben kann auch keine Lösung sein

    16.12.2014, 20:52 von lalakuh
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  • 0

    Wunderschöner Text. Du sprichst mir aus der Seele. Warum immer alles optimieren? 

    12.12.2014, 10:32 von ev_84ar
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  • 0

    Warum haben alle Angst vor diesen Worten. Zu viel davon, zu wenig, zu unbedeutend, zu krass, zu ehrlich, zu falsch. Man kann es auf jede Art falsch machen. Warum nicht einfach richtig? 


    Du hast vollkommen recht! Sehr schön!

    08.12.2014, 17:24 von vielleicht.ich
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Deswegen nicht so viel nachdenken und einfach das machen wonach einem ist. 

      Deiner Antwort stimme ich auch zu und mir fällt es selbst so schwer

      16.12.2014, 20:53 von lalakuh
  • 0

    these: "liebe" ist ein begriff, also begreifbar.

    03.12.2014, 12:08 von ga
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  • 1

    wunderbar! 


    du hast gelernt, einfach los zu lieben. du bist mutig. ich bin feige. 

    02.12.2014, 23:18 von mrsmary
    • 0

      Ich finde de damit implizierte Beurteilung ja eher schwierig... Und aus der Luft gegriffen.

      Aber auch das ist eine Einzelmeinung...

      03.12.2014, 08:01 von sailor
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  • 0

    Du sprichst mir aus der Seele!

    02.12.2014, 19:53 von XWonderWomanX
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  • 1

    Diese drei Worte muss man gar nicht erklären können, da sie sich für jeden von uns anders anfühlen.

    Schöner Text!

    02.12.2014, 15:38 von lelie
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  • 0

    liebe kommt , liebe geht. nichts besonderers

    02.12.2014, 14:34 von VanLudwig
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  • 0

    geht so.

    02.12.2014, 14:33 von VanLudwig
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