Drei Worte für Louis
Louis sitzt mit mir unter einer hölzernen Brücke. Die Kuhle, in der wir hocken, ist nicht einmal zwei Mann breit. Wie wir dort gelandet sind, wissen wir nicht mehr. Mit angezogenen Beinen sehen wir zu den Füßen über uns, die wandern, spazieren, hasten und schlendern. Der kleine Bogen scheitelwärts hat großen Fugen zwischen den Planken, von denen der Staub in unsere Gesichter rieselt, was uns ab und an blinzeln lässt. Wir halten uns an den Händen wie ängstliche Kinder und er greift meine so fest, als wollte er, dass ich nie wieder von ihm weg gehe. Ich mag es sehr, dass seine Berührung mir dieses Gefühl vermittelt. Geborgen sitze ich in seiner sanftlauen Aura und atme den Duft der Vergänglichkeit ein.
Louis ist ein schöner Mann. Von Innen wie von Außen. Sein dunkles Haar glänzt wie zähes Pech in der gleißenden Hitze der Sonne und seine grünen Augen funkeln immer in anderen Nuancen der Tageszeit. Er ist ein Kater, der oft durch die frühen Stunden und noch häufiger durch die späten streift. Das taghelle Licht blendet ihn und macht ihn schläfrig, woraufhin er in seine Höhle geht und dort in der kühlen Dunkelheit Vergebung für sich und sein Herz sucht. Denn Louis liebt. So sehr, wie nur irgendjemand jemals lieben könnte.
Louis' Herz ist so groß, darin hat die halbe Menschheit Platz. Er lädt die armen Seelen zu sich ein, empfängt sie in seiner Wärme und entfernt ihr Leid; lässt es in sich liegen, damit sie es nicht wieder mit sich nehmen. Und dieses Leid häuft sich an. Es wächst in ihm, bis die Menschen selbst kaum noch Platz darin haben. Doch irgendwann einmal riss sein Herz. Er nahm Nadel und Faden, versuchte es zu flicken. Doch es hielt nicht lang und die Naht sprang wieder auf. Traurig darüber, sagte ich ihm, dass draußen eben mehr Platz als drinnen sei und er loslassen muss.
Louis hatte schon ein oder zwei Leben hinter sich, trägt Narben der Vergangenheit Sonnengebleicht umschwungen an seinem Ringfinger und ist ständig auf der Suche. Nach sich selbst und nach der Wahrheit der anderen. Seine Worte sind so schön, wie die Berührungen, die seine Hand zu geben vermag. In seinem Kopf will ich gern Ewigkeiten verweilen, denn darin ist mehr Farbe, als in der Realität selbst. Niemand zeichnet wirklichere Bilder als er. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der wir auf Felsen geklettert sind, in der Hoffnung den Himmel berühren zu können. Weiße Blüten, groß und prächtig, hingen von den Vorsprüngen der hellgrauen Riesen hinab. Doch wir kamen nie an den Himmel heran, so sehr wir uns auch auf der Spitze des Berges streckten.
Louis sieht mich an und ich muss lächeln, während wir dort unter der Brücke sitzen. Und wir schauen und warten und fühlen nichts
für die Welt. Denn da ist nichts, was sie erklären könnten,
nichts, was sie verständlich macht. Und so greife ich deine Hand,
Louis, und halte sie fest. So fest, als ob ich wollte, dass du nie
wieder gehst. Und dann denk ich bei mir drei Mal drei Worte und es ist alles gar nicht mehr so schlimm.
Du in mir. Ich in dir. Wir in uns.





Kommentare
Traurig darüber, sagte ich ihm, dass draußen eben mehr Platz als drinnen sei und er loslassen muss.
Drei Worte für diesen Text!
03.07.2012, 19:02 von Bender018oh...! ❥
03.07.2012, 12:04 von SommerscheinWunderschöne Worte! Sehr mitreißend!
03.07.2012, 04:40 von roter.sandEs bindet mich fest, dieses Bild zu sehen.
02.07.2012, 20:56 von KokomikoDas ist sie wirklich.
02.07.2012, 23:13 von KokomikoEs steht dort oben und beschreibt, wie weit ein Himmel werden kann, wenn Herzens Hand mir Licht erlaubt und nichts ist, wie es war.
02.07.2012, 23:43 von KokomikoSo wird dem Mond der Hof gemacht und Ehre allen Sternen.
klasse text!
02.07.2012, 20:46 von verpixeltChiral - erwischt :))))
03.07.2012, 16:07 von Jackie_Greydas vergaß ich zu erwähnen:
meine liebste stelle ist diese
und wenn der typ das mal zu lesen bekommt, wird er weinen vor erkenntnis:)
wer dich zur freundin hat, der kann sich deiner sicher sein.
du schatz.
01.07.2012, 20:30 von zehnmomente
Einfach schön!
01.07.2012, 18:07 von Sultanine