execratedworld 07.03.2014, 10:20 Uhr 54 97

Drei Jahre

"Ruf nicht an. Schreib nicht. Du wolltest es so.", diese Sätze hab ich niemals vergessen, denn ich war die, die sie aufschrieb.

Damals fiel mir kein Stein vom Herzen. Es war eine Felswand, die polternd zu Boden stürzte und mich nicht länger unter ihrer Last klein machte. Du weißt das nicht. Aber ich war glücklich.

Noch heute sehe ich mich unsere Wohnung räumen. Drei Jahre habe ich in Kisten und Tüten verstaut. "Ruf nicht an. Schreib nicht. Du wolltest es so.", diese Sätze hab ich niemals vergessen, denn ich war die, die sie aufschrieb und zusammen mit dem Schlüssel zu unserer gemeinsamen Zeit zurück ließ. Auf einen Glastisch hab ich diese Dinge damals gelegt. Seine Platte war kalt. Ich fuhr mit dem Finger den vertrauten Sprung darin nach, verdrängte die aufblitzende Erinnerung über dessen Entstehung und schüttelte den Kopf. Ich war ausgefüllt von Ruhe und einer selten vorhandenen Klarheit der Gedanken.
Ohne einen Blick zurück lief ich den Flur zur Haustüre entlang und ging. Ich schloss die Tür hinter mir, schloss dich fort. Für alle Zeiten. Ich habe dich abgehakt. Vergessen. Und ich habe dabei gelächelt.

Es scheint ein ganzes Leben her. Drei weitere Jahre können eine lange Zeit sein. Ich habe dich vergessen. Ich habe selten zurück gedacht. Ich wollte es mir nicht erlauben. Zu viel ist damals geschehen. Ich hätte dich hassen müssen. Aber ich hab dich einfach nur weggesperrt. Weil ich dich wegschieben musste. Ich wäre sonst zerbrochen.
Nicht an deinem Verlust. Sondern weil ich zu lange bei dir war. Ich glaube, dir ist nicht bewusst wie kaputt du Menschen machen kannst.

Ich habe seit Jahren nicht an dich gedacht. Höchstens ein flüchtiges Aufblinken deines Namens, wenn ich neuen Leuten in einem neuen Leben von meinem alten erzähle. Wenn ich von einer Vergangenheit berichte die jemand anderes gelebt zu haben scheint. Doch dann finde ich ein Stück von dir. Eine Aufnahme. Sie erzählt von Gefühlen, von denen ich nicht mehr wusste, dass ich sie einst fühlte. Sie erzählt eine Geschichte, die mir so fern und unwirklich scheint. Deine Stimme klingt so voller Zärtlichkeit. Sie spricht davon, dass sie mich liebt. Sie spricht von Zukunft. Von dir und von mir. Dann singt sie mir ein Lied. Es sagt mir, wie wichtig ich für dich bin. Und deine Stimme trifft mich aus dem Nichts, ummantelt mein Herz, lässt es sich winden und zurück denken.
Ich sehe Bilder von dir und deiner Liebe. Ich sehe Bilder von mir, weinend und erdrückt von deiner Liebe. Ich lasse sie zu und versinke darin.

Und nun vergieße ich drei Jahre alte Tränen. Die, die ich damals niemals weinte. Und nach drei Jahren bin ich dann endlich frei von dir. 




execratedworldblog

97

Diesen Text mochten auch

54 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    gut. einfach gut!

    01.04.2014, 10:46 von sharkai_elayd
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Die richtige Art, Abschied zu nehmen. Auch wenn es erst nach 3 Jahren wirklich so weit ist.

    20.03.2014, 16:21 von Bambi_Eyes
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    einfach schön

    17.03.2014, 13:56 von sussn
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Krass.

    17.03.2014, 12:36 von ordinary_cheesecake
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ja, irgendwann sollte man Abschied nehmen, immer nur verdrängen macht nur kaputt. Und deiner ist auch noch verdammt schön beschrieben. Gefällt mir sehr!

    17.03.2014, 11:17 von katzeundtiger
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ein guter Abschied.

    11.03.2014, 14:30 von Freulein_Taktlos
    • Kommentar schreiben
  • 2

    ...und zusammen mit dem Schlüssel zu unserer gemeinsamen Zeit zurück ließ.

    Ich verschloss die Tür hinter mir...

    Womit nur?

    Aber das ist das einzige, worüber ich stolperte. Der Text gefällt mir gut und ich kann ihn gut verstehen.


    11.03.2014, 12:23 von Schmalzstulle
    • 1

      Oh! Tatsächlich, dass is eine Logiklücke :D

      Gemeint war ja mehr so Klappe zu, Affe tot

      11.03.2014, 12:27 von execratedworld
    • 1

      ja ich hab mir dann auch gedacht, dass das vielleicht metaforisch gemeint sei...

      sagen wir jetzt einfach mal so :)

      11.03.2014, 12:28 von Schmalzstulle
    • 1

      Wahrscheinlich ist damit einfach gemeint 'ich schloss die Tür hinter mir', und eigentlich kann man ja auch sagen, 'bitte verschließe die Tür hinter dir, wenn du gehst' und damit ist gemeint, dass man sie hinter sich zuzieht, oder nicht?

      12.03.2014, 19:24 von whyohwhy1205
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Realistisch. Nachvollziehbar. Toll geschrieben!

    10.03.2014, 11:53 von disinterested
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare