Disharmonie
Sie hat ihm nichts gegeben, sondern sich hergegeben. Also muss er ihr dafür nun etwas nehmen.
Sie sitzt vor ihm auf einem Stuhl und schaut ihn ängstlich und verstört an. Er wendet den Blick ab, kann nicht denken, wenn sie ihn so anstarrt. Konzentrieren! Er muss sich jetzt konzentrieren.
Gerade eben hat sie
ihre Beichte abgelegt. Ein Abend in Saus und Braus und ein unüberlegter Kuss, der
ihr nun um die hübschen Ohren fliegt. Seine innere Waage hat Schlagseite. Er
muss diese Irritation in Ordnung bringen.
Er denkt an die
vielen schlauen Sprüche wie „Liebe heißt verzeihen können“. Seine Antwort war
früher „Gut, dann liebe ich Dich offensichtlich nicht. Ich kann Dir nämlich
leider nicht verzeihen, dass Du fremd gevögelt hast.“ Fremdgehen, sowie nicht
verzeihen können, war gleichbedeutend mit Abwesenheit von Liebe. Genauso
schwachsinnig wie der Umkehrschluss, Abwesenheit von Fremdgehen bedeutet „das
muss Liebe sein“. Er findet es inzwischen jedoch erstaunlich, wie selbstverständlich
viele erwarten, dass der der Partner aus „Liebe“ auf die Auslebung seiner
Bedürfnisse oder Triebe verzichtet. Und lässt er sich gehen und tappt daneben,
überlegt man sich dann, wie großzügig man sein mag und ob man verzeihen kann?
Doch was sollte man mit welchem Recht verzeihen müssen? Dass der andere ein
Mensch ist, der menschlichen Bedürfnissen gefolgt ist? Dass man sich
ausprobiert hat und sich treiben lies? Dass man im Mittelpunkt seines eigenen
Lebens stand? Ist das wirklich so frag- und verurteilungswürdig? Liebt man,
wenn man trotz Lust nicht auswärts vögelt? Ist die Lust selbst schon
verwerflich? Oder liebt man, weil man das Fremdgehen verzeiht? Ist der eine ein
Egoist und der andere ein Idiot? Können Egoisten überhaupt lieben? Sind
Egoisten idiotisch? Ist Lust auf andere ein Beweis für nicht ausreichende Liebe
am Partner?
Er merkt, dass er
sich wohl ein wenig in Gedanken verirrt hat. Er ist sich nicht sicher, ob er
wirklich so abgebrüht wäre und ihr das zugestehen würde, allein mit der Erklärung
„Hauptsache Du bist glücklich gewesen und hast Dich ausgelebt.“ Vielleicht ist das mit
dem „Liebe verzeiht“ dann doch nicht so unplausibel und langsam geht ihm ein
Licht auf. Der Knackpunkt für ihn ist nicht die Definition von Liebe, sondern
seine Assoziation mit dem Wort „Verzeihen“. Er verbindet es mit Worten wie
Großherzigkeit, Güte, Milde walten lassen oder gönnerhaft sein. Aber er will
nicht der Großzügige sein, das entspricht nicht seiner Vorstellung einer
Beziehung auf Augenhöhe. Gut, er weiß ohnehin, dass sie zu ihm aufschaut und
einen enormen Respekt vor ihm hat. Dies heißt jedoch nicht zwangsläufig, und
darauf legt er großen Wert, dass er auf sie herabschaut, auch wenn es im
ersten Moment unlogisch klingt. Es sollte doch gleichermaßen ein Geben und
Nehmen sein. Aber sie hat ihm nichts gegeben, sondern sich hergegeben. Also muss
er ihr jetzt dafür etwas nehmen.
„Ich dachte zuerst an ein Ohr.“
Sie sagte, sie habe
dabei nicht an ihn gedacht, ihm sei nichts weggenommen worden. Sie erklärte
ihm, sie „wollte es einfach wissen“ und es hätte nichts, „aber auch gar nichts“,
mit ihm zu tun gehabt. Und sie gab zu, dass sie nicht wüsste, wie sie sich
verhalten würde, wenn er derjenige gewesen wäre, der fremdgeküsst hätte. Diese
Aussage verwirrte ihn zunächst, da er ihr doch immer von seinen regelmäßigen
Bordellbesuchen erzählte. „Geküsst habe ich keine von ihnen. Das wäre Verrat an
uns und Dir gewesen.“ Er ignoriert seine Widersprüchlichkeit, als er sie bemerkt. Aufgrund ihrer entsetzten Reaktion wurde ihm plötzlich klar,
dass sie ihn jedes Mal, wenn er ihre Frage „Wohin gehst Du?“ mit „In den Puff!“
beantwortet hatte, nicht ernst genommen hatte. Mit dieser Erkenntnis sieht die
Sachlage nun anders aus. Jetzt weiß er, dass sie eine kranke und völlig absurde
Vorstellung von Treue und Betrug pflegt.
„Oder ein Fingerglied.“
Würde sein Verzeihen
einer fragwürdigen Zukunft Tür und Tor öffnen? Würde sie es als Freifahrtschein
für weitere Eskapaden nutzen? Ist es nicht einfach eine Frage der Absprache?
Soviele Jahre sind sie nun zusammen und haben niemals über dieses Thema
gesprochen. Es war einfach kein Bedarf, die Dinge fügten sich wie Zahnräder in
einander und waren dann eben so. Wieso sollte man über Monogamie sprechen, wenn
beide sie diese einfach so leben und scheinbar nicht in Frage stellen. Bis
heute. Aber es gab ein Gespräch. Sie hat es dummerweise vergessen. Er hatte am Anfang
ihrer Beziehung zu ihr gesagt, dass er sie leider töten müsste, wenn sie einen
anderen Kerl auch nur ansehen würde. Sie hatte gekichert, die Augen verdreht
und ihn geküsst. Er wechselte das Thema. Für ihn war das Grundsatzgespräch damit
beendet, die Fronten eindeutig geklärt. Schweigen bedeutet Zustimmung. Daran
hatte er sie höflich erinnert, bevor er ihren Schädel gegen den Türrahmen schlug
und sie anschließend auf dem Stuhl fesselte.
„Eine Fußzehe kommt nicht in Frage.“
Seine Gedanken
führen zu keinem Ergebnis zu ihren Gunsten. Für ihn war die Sache doch
eigentlich schon in dem Moment klar gewesen, als sie ihm „alles beichtete“. Aber
der guten Zeiten wegen, hatte er ihr versprochen, darüber nachzudenken. Dies
hat er nun getan. Wohlwollend und ausführlich.
„Oh, an eine Brustwarze hatte ich noch gar
nicht gedacht. Aber dann wäre erneut ich der Bestrafte.“
Sie wimmert, er
schaut hoch. Sie will irgendetwas sagen, doch der Knebel lässt nur undeutliches
Gestammel zu. Sein langes Schweigen hat sie mürbe gedacht, eine Träne nach der
anderen kullert ihre Wange hinunter, ihr Blick fleht ihn an. Er versteht nicht,
warum sie jetzt flennt, wo er doch nur ihre Bestrafung abwägt. Ist das nicht
Sinn und Zweck einer Beichte? Oder geht es ihr gar nicht um Buße? Vielleicht
hat sie auch Schmerzen.
„Ich könnte sie beschneiden.“
Leider hatte sie bei
ihrer Argumentation eine Kleinigkeit vergessen. Vielleicht ist ihm tatsächlich
faktisch nichts weggenommen worden, vielleicht hat sie ihn wirklich nicht
absichtlich verletzten wollen. Dennoch, seine Ehre ist unwiderruflich besudelt.
Sie hat ihn gedemütigt und seine Moral mit Füßen getreten. Das ist für ihn
unverzeihlich und sie wird es in diesem Leben nicht mehr gutmachen können. Mehr
gibt es dazu nicht zu sagen. Nachdem er nun weiß, dass sie beide von
unterschiedlichen Definitionen ausgegangen sind, ist ihm bewusst, dass es
unfair und die Strafe unter Umständen unverhältnismäßig ist.
„Aber was soll ich dann mit einer verstümmelten
oder entstellten Frau?“
Doch wer legt die
Verhältnismäßigkeiten fest? Zweifelsohne er. Für ihre Fehlinterpretationen ist
sie selbst verantwortlich.
Er ist gespannt, wie viele Jahre er wohl bekommen wird, ob sich irgendetwas strafmildernd auswirken wird? Es ist ihm gleich, ein Mann, ein Wort, er wird seine Strafe würdig und wie ein Ehrenmann absitzen. Er freut sich insgeheim ein bisschen auf die vor ihm liegende, sicher sehr ruhige Zeit. Die Würfel sind gefallen.
Er nimmt das Messer
wieder in die Hand, stellt sich hinter sie, beugt sich zu ihr hinunter und
flüstert ihr ins Ohr
„Ich war Dir nicht
immer treu, doch ich habe Dich nie betrogen.“
Dann reißt er ihren
Kopf nach hinten und schneidet ihr mit einem einzigen, zügigen, aber tiefen
Schnitt die Kehle durch. Er glaubt, das sei kurz und schmerzlos für sie und ist
sein gnädiges Zugeständnis. Ihm wird im gleichen Moment bewusst, dass er dadurch
am Ende doch noch Milde hat walten lassen. Zu spät, nun ist die Beziehung
wieder im Ungleichgewicht, das kann er so nicht stehen lassen. Er überlegt
während er das gurgelnde Röcheln und ihren Todeskampf auszublenden versucht.
Natürlich! Er erleichtert sich in ihr Gesicht. Jetzt sind sie wieder Partner.
Zufrieden und beruhigt, die Ordnung wieder hergestellt zu haben, greift er zum
Telefon und wählt die 110. Später wird er den Beamten sagen
„Es hatte nichts mit ihr zu tun. Aber auch gar nichts. Sie sollte es einfach wissen.“
Tags: mo_chroi's Messer




Kommentare
Mh. Sind für mich zwei Texte. Zum einen eine Diskussion mit teilweise interessanten Gedanken und Fragestellungen - zum anderen eine Geschichte, die momentan das Pendant zu den Liebesgeschichten hier darstellt. Beides zusammen funktioniert nicht. Daher passt der Titel wohl recht gut.
12.05.2012, 22:04 von nyx_nyxDanke Dir fürs Lesen und Dein Feedback, du weißt, dass ich das gerne aufgreife und versuche etwas damit anzufangen. Am Ende bleibe ich dabei, dass es nach meiner Empfindung inhaltlich schon zusammen funktioniert, da es auch genau so zusammen passiert/passieren kann.
13.05.2012, 07:53 von Mrs.McHDen Titel hatte ich übrigens mehrfach geändert :) Ist gar nicht so einfach, weil man ja damit doch immer eine gewisse Marschrichtung festlegt. Ich entschied mich dann für diesen Titel, da dieser sein ihm selbst nicht bewusstes Innerstes beschreibt, ohne zuviel zu verraten. Diharmonie. Also natürlich nicht, weil ich ihn inhaltlich oder stilistisch nicht harmonisch fand, dann hätte ich den Text nicht gepostet, wenn ich es selbst so empfunden hätte.
Danke nochmals und einen schönen Sonntag!
Mir selbst ein S schenke: Disharmonie ;-)
13.05.2012, 07:53 von Mrs.McHDa darfst du auch gern dabei bleiben ;) Für mich und mein Empfinden ist es nicht stimmig, weil es ein zu großer Bruch zwischen wirrer Gedankengänge und anschließender strammer Geschichtshandlung ist. Beides einzeln hätte für mich wohl funktioniert.
13.05.2012, 13:32 von nyx_nyxUnd das mit dem Titel hatte ich auch nicht so verstanden, aber es bot für mich eine nette Steilvorlage, die ich nutzen musste ;)
Dir auch einen schönen Sonntag.
Steilvorlagen sind gut, ich wäre enttäuscht hättest Du sie nicht ergriffen. Ich freue mich über 2 Smileys von Dir in einem Kommentar :-)
13.05.2012, 15:23 von Mrs.McHhaha.. ich hatte ja versprochen, sie bedacht zu nutzen, damit es nicht zu Fehlintonationen der Lesestimme kommt ;)
13.05.2012, 15:29 von nyx_nyxDie beiden ersten Worte, die mir zu diesem Mann einfallen, sind "Salafist" und "Asperger". Muss ich mir Sorgen machen?
12.05.2012, 19:40 von wordmagewenn das die einzig beiden Wörter sind: ja.
12.05.2012, 19:56 von topfbluemchenDie Interpretationen sind frei. Da ich Dich nicht kenne, kann ich natürlich nicht sagen, wie besorgsiserregend Deine ersten spontanen Gedanken sind ;-) Meine persönliche Erfahrung ist jedoch, dass diese oft die richtigen sind.
13.05.2012, 07:37 von Mrs.McHIch kann in der Definition von Salafismus nichts finden, was ich beim Umschreiben dieses Mannes im Sinn hatte, zumindest nicht bewusst. Und mit Asperger liegst Du sicher im allgemeinen nicht falsch, es ist vielleicht einfach zu präzise und trifft seine Erkrankung nicht ganz.
13.05.2012, 07:41 von Mrs.McHIhr wisst aber schon, was Asperger, und Autismus im Allgemeinen sind?! Ich seh da oben NULL davon.
13.05.2012, 09:08 von topfbluemchenIch weiß es natürlich nicht im Detail, sehe aber, ich mich falsch ausgedrückt. Ich wollte bestätigen, dass (u.a.) eine Entwicklungsstörung vorliegt, diese aber nicht näher präzisieren oder festlegen. Ich gebe Dir recht, dass der Text das nicht hergibt, sollte er auch nicht, mein Fokus lag woanders.
13.05.2012, 09:17 von Mrs.McHAh, okay, dann hatte ich dich falsch verstanden.
13.05.2012, 09:19 von topfbluemchenDanke, dass Du nachgefragt hast ;-)
13.05.2012, 09:20 von Mrs.McHIch doch immer ,)
13.05.2012, 09:31 von topfbluemchenwow. nicht mehr und nicht weniger.
12.05.2012, 13:21 von mo_chroiblut geht schlecht raus, es sei denn, man machts gleich sofort;)
12.05.2012, 10:35 von zehnmomenteDas interessiert ihn doch nicht mehr :)
12.05.2012, 10:36 von Mrs.McHaber evtl einen nachfolgemenschen....?
12.05.2012, 10:42 von zehnmomenteda gibs die cleaner, ich weiß.
aber dann zieht wer ein. bestimmt.
ich denke immer gleich an später, kann ich nix dafür:)
Cleaner... Mmh... Ich muss weg!!
12.05.2012, 10:46 von Mrs.McHps. der ganze rest ist mein fall. hast dir schon gedacht:)
12.05.2012, 10:47 von zehnmomente"liebe ist, wenn ich mag, wie der glücklich ist, den ich liebe. mit allem, was ihn glücklich macht."
(wir menschen unterschätzen LIEBE und hauen mit dem wort zu leichtsinnig rum.)
Du sprichst heute etwas in Rätseln... aber weiter so bitte, das regt mich an :)
12.05.2012, 10:53 von Mrs.McHrätsel?
12.05.2012, 10:57 von zehnmomentedas ist eins. lach.
genug angeregt;)
ich geh ma party vorbereiten.
schön angeregt blieben, dann schreibste wieder so feine textchen:))
Kippkübel mit vier Buchstaben?
12.05.2012, 11:00 von Mrs.McHmüll?
12.05.2012, 11:03 von zehnmomenteich bin doof. sowat weiß ich nie:(
Wenn Unterhose mit vier Buchstaben = Slip ist, hat der Kippkübel ein P am Ende :)
12.05.2012, 11:14 von Mrs.McHUnd das wird jetzt der Teaser meines nächsten Artikels, hihi :) Bräuchte nur noch einen Text ;-)
f.f.
12.05.2012, 11:16 von zehnmomenteViel Vergnügen;)
Lässt sich trotz der wirren Gedanken gut nachvollziehen
12.05.2012, 10:17 von EliasRafaelDanke, dann kann ich mit der Schnappatmung aufhören... Am Ende habe ich mich nämlich selbst schwindelig geschrieben. Aber wenn DU es nachvollziehen kannst, bin ich guter Dinge und im Einklang. Das war mir wichtig!
12.05.2012, 10:19 von Mrs.McHIch weiß aber nicht, ob ich da repräsentativ bin
12.05.2012, 10:21 von EliasRafaelDarum geht es nicht, zwei sind aber schon mal besser als eins. Manchmal :) Abgesehen davon, ist mir Deine Meinung wertvoll.
12.05.2012, 10:24 von Mrs.McHich bin auch Elias' Meinung.
12.05.2012, 11:07 von topfbluemchen