Dinosaurierwolken
Mit fester Stimme sagst du mir: Hab keine Angst. Komm runter.
Ich war mal ein Kind. Volle Locken. Voller Kraft. Strahlende Augen. Vor nichts und niemandem hatte ich Angst. Wolken sahen aus wie Dinosaurier. Marienkäfer kitzelten wenn man sie über den Handrücken laufen ließ bis zur Fingerspitze. Dann streckte man den Arm in die Luft und wartete bis der kleine Käfer die Flügel ausklappte und davon flog. Als ich Kind war. Als man noch dachte die Eltern wären Superhelden und könnten jedes Problem lösen.
Mein Körper fühlt sich schwer und alt an. Müde. Als hätte er schon den ganzen Lebensmarathon hinter sich. Ich bin gut im Ausblenden von Gefühlen. Funktionieren musst du, sollst du. Andre haben das immerhin auch geschafft. Eine Zeit lang geht das auch gut. Nur der Körper sagt mir dann, dass etwas nicht stimmt. Der Kreislauf gerät ins stottern. Der Schlaf kommt und geht wie er mag. Und wenn er da ist, immer Hand in Hand mit Träumen, bei denen man lieber übermüdet gewesen wäre am nächsten Morgen. Aber auch das kann man alles ausblenden. Es geht. Irgendwie.
Man suche sich eine neue Aufgabe oder steckt noch die letzte Energie in die Alten. Und dann kommt an einem Montag ein bis dahin fremder Mensch und stellt die richtigen falschen Fragen. Schlaflos vor Müdigkeit. Innere Unruhe. Nervosität. Anspannung. Nicht greifbar. Mir ist ganz schwindelig vom Kopfkarussell. Immer im Kreis. So schnell. Die Konturen verschwimmen. Farbenmeer. Farben überlagern sich. Multiplizieren sich. Aus allen Farben entsteht gemeinsam grau. Aus grau wird schwarz. Schlaf.
Noch immer das Rauschen im Bauch. Noch immer berühren meine Fingerspitzen die Realität. Kann kaum Schlaf genannt werden. Im Schwarz heben sich Umrisse hervor. Schattierungen. Graustufen. Man erkennt Gesichter. Vertraute Augen. Ein Lächeln. Weiterhin Grau. Nur gespieltes Lächeln. Rote Flecken tauchen auf im grau. Das Lächeln hat sein Haltbarkeitsdatum erreicht. Das Rauschen zieht sich zurück. Ebbe. Nichts als Hässlichkeit hinterlässt das Meer. Die Fingerspitzen spüren feuchte Linien Im Gesicht. Dunkelheit nimmt wieder zu. Fassungsloses festklammern an Erinnerungen. An Kälte. So real wie Eis in der Hand. Knack. Blinzeln. Aufschlagen am Grund. Wieder Farben. Passen nicht zum Gefühl. Nur ein Traum. Doch das Gefühl so brennend weiter im Bauch. Hilflos.
Durchnässtes Kissen. Angst vor der Dunkelheit. Und dann kommst du und sagst ich solle mal runter kommen. Luft holen. Ausruhen. Nimmst meinen Kopf in warme Händen. Meine Gedanken werden gehalten, gewogen. Kommen zur Ruhe und deine Wärme ist wie Opium für das Volk.


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Kommentare
bin tief gefesselt von Worten, die wie Bilder sind. Deine Sätze werden immer kürzer. Dadurch entsteht ein Strudel, der einen mitreißt. Ob man will oder nicht.
16.07.2011, 22:44 von limpstoneWunderbar. Jetzt schon mehrmals gelesen und noch immer wunderbar.
19.02.2011, 16:24 von Blah_wurmGute Arbeit! :)
Wenn Sophie einen Text empfiehlt, ist das eigentlich ein Garant dafür, dass er schlecht ist. Und sowas schimpft sich Redakteurin..
18.02.2011, 01:58 von Laneragenau so!
16.02.2011, 22:41 von in.a.funkHab ich glatt nochmal gelesen, das ist ne Empfehlung wert :)
15.02.2011, 11:01 von topfbluemchenDie Beschreibung packt mich. Habe den Artikel mehrfach gelesen. Kokomiko hat in seinem Kommentar ja alles gesagt was zu sagen ist. Dem mag ich nichts hinzufügen.
15.02.2011, 00:58 von CyroEs ist wie Wasserfarben. Den Pinsel bei jedem Farbwechsel ins Wasser. Nach einer Weile wird es braun..dunkler..geht ins dunkelste Grau vor dem Ende des Schwarz.
15.02.2011, 00:06 von KokomikoWunderbar schwarzgemalt. Ich versinke darin. Und tiefer.Und tiefer. Das macht Angst.
Sehr schön mit der dunklen Wasserfarbe die tiefe Traurigkeit ausgebadet in Erschöpfung und haltloser Beklemmung.
Ein sensibelschönes Farbenspiel der Düsternis. ich zittere. Ich leide. Ich wünsche mir, die Hand zu sein, die Trost und Ruhe streichelt.
3 mal gelesen. Jedesmal besser. Jedesmal tiefer. Jedesmal stillerer Schrei aus der schwarzen Ohnmacht der Zwischenwelt.
Wow Wow Wow!! Danke für dieses Ertrinken mit Rettung aus Nahtod.
Prädikat: Hochsensibler Wachtraum!
Und Koko verneigt sich..und Koko ist leise..
@Kokomiko schöne beschreibung, wunderschön.
15.02.2011, 13:38 von insatiablekoko, unser poet.
17.03.2012, 13:56 von OzelotteMir gefällt ...und stellt die richtigen falschen Fragen. Gut umschrieben, dein Text.
14.02.2011, 22:59 von topfbluemchenganz große kunst.
13.02.2011, 04:19 von schubia.wanzhaarsprachlos!
" Das Lächeln hat sein Haltbarkeitsdatum erreicht. "
10.02.2011, 20:17 von Traumversinkenschön beschriebener satz
einatmen und ausatmen
und dann hinterlässt das meer wieder glück und lachen!