lalina 20.04.2012, 06:38 Uhr 97 143

Die Zeit nach der Zeit und was übrig bleibt

Da ist es nun, mein Herz. Leicht und frei liegt es in meiner Brust. Es hat lange gedauert.

Auf der Suche nach meinem Reisepass bin ich über eine Karte von ihm gestolpert. Eine Karte, die zu recht hinter meinen Schreibtisch gefallen war, weit weg aus meinem Sichtfeld, zum Vergessen verdammt, als es nötig war. Und plötzlich habe ich sie wieder in der Hand. Ich muss sie nicht lesen. Ich kann noch immer jedes einzelne Wort auswendig. Damals habe ich sie Wochen lang bei mir getragen. Sie war von Tasche zu Tasche gewandert und meine Gute-Laune-Garantie. Heute muss ich müde lächeln und denke mir, es ist vorbei. Die Tage, an denen seine Worte mich erneut zum Weinen gebracht hätten, sind überstanden. Keine Tränen mehr wegen ihm.

Nun laufe ich mit einem neuen Gefühl durch die Straßen. Keine Trigger mehr, die mich zu Gefühlsausbrüchen zwingen. Kein Herz mehr, das sich schwer anfühlt. Der große Stein darin ist verschwunden. Wie eine vergesse Frucht im Rumtopf, der seit Jahren nicht mehr beachtet wurde. Wie ein Ballon, der langsam seine Luft verloren hat. Da ist es nun, mein Herz. Leicht und frei liegt es in meiner Brust. Es hat lange gedauert.

Es wird Zeit für neue Träume. Träume ohne ihn, die nach der Trennung nicht mehr waren als Albträume, die mir wertvollen Schlaf nahmen. Oder mich erst gar nicht einschlafen ließen. Es werden nicht seine Kinder sein, denen ich Namen gebe, und es wird nicht unser Tisch sein, den ich decke. Nicht er wird sich abends neben mich legen und mich morgens wecken.

Er wird nicht länger mit mir im Bett liegen, wenn der Platz doch eigentlich belegt ist. Schön, dass Kopf und Herz das endlich verstanden haben. Nicht er wird länger die Ausrede sein, warum ich Sätze wie  „Ich möchte im Moment keine Beziehung“ oder „So wie es ist, reicht es mir“ formuliere. Denn es ist die Wahrheit. Für diese Wahrheit ist er keine Ausrede mehr. Und auch nicht länger der Grund.

Seine Geschenke, die mit Liebe ausgewählt und tief im Schrank mit seinem Abgang verschwunden waren, kann ich nun wieder ohne Wehmut betrachten. Und sein Name oder der der Stadt, in der er lebt, verursacht kein Beben mehr in mir. Der Gedanke an seinen Geruch, seinen Geschmack oder das Gefühl seiner Haut löst keine Sehnsucht mehr in mir aus. Kein Drama mehr um ihn.

Was bleiben wird, sind viele schöne Erinnerungen und die Erkenntnis, dass es keine geraubten, sondern geschenkte Jahre mit ihm waren. Die Zeit wird diese Wunde heilen.

An gebrochenem Herzen kann ich nicht sterben.

 

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97 Antworten

Kommentare

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  • 1

    ein einfach wundervoller text.

    16.05.2012, 20:00 von herz.tanzt
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  • 1

    schön... bald werde ich auch so fühlen, hoffentlich!

    07.05.2012, 11:03 von Rodox
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  • 1

    "Schön, dass Kopf und Herz das endlich verstanden haben."


    Wunderbarer Text. Ich fühle ein wenig mit und freue mich darüber, bald so ganz mitfühlen zu können.

    29.04.2012, 19:22 von Irony84
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wunderbar!

    26.04.2012, 17:25 von elfin
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  • 2

    Für diese Wahrheit ist er keine Ausrede mehr. Und auch nicht länger der Grund.
    Diesen Satz, den liebe ich!
    Wirklich schön!

    24.04.2012, 18:54 von Ms.Yellow
    • 0

      Dankeschön :) Es freut mich sehr, wenn dir der Text gefällt.

      24.04.2012, 19:07 von lalina
    • 0

      mir ist grade aufgefallen, dass ich die Zitatefunktion nicht mehr rausgenommen habe :)


      aber egal, es freut mich, dass es dir wieder so viel besser geht!

      24.04.2012, 19:12 von Ms.Yellow
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  • 1

    Du hast den Weg zum "wieder allein mit sich sein" nebenbei gut & ehrlich beschrieben. Schöne Schlagworte. Gefällt mir sehr.

    24.04.2012, 17:38 von TanteRosa.
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  • 1

    Wundervoller Text!

    24.04.2012, 16:37 von Lissy89
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  • 3

    Solch einen Punkt im Leben kann man auch als Glück bezeichnen. wunderbar.

    24.04.2012, 16:08 von MissJ
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  • 2

    Wunderbarer Text! An diesen Punkt möchte ich schnell kommen - aber es ist nicht mehr weit! ;)

    24.04.2012, 16:04 von ann.catpower
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