marco_frohberger 05.02.2012, 15:23 Uhr 0 0

Die Wende des Unerwarteten

Was geschieht, wenn man zu alt ist, um etwas im Leben zu verändern?

Wir waren am späten Abend in dem kleinen Dorf angekommen, von dem wir schon so lange geträumt hatten. Jetzt war es wahr geworden und wir waren aufgeregt, also gingen wir noch nicht schlafen, obwohl es kurz vor Mitternacht war. Viele Stunden hatten wir im Auto zugebracht, waren über Landstraßen gefahren, durch Schluchten und Täler, die bis zum Horizont reichten. Die Fahrt durch das Ödland war mir wie eine Ewigkeit vorgekommen, während Teresa neben mir gesessen und diese Ruhe ausgestrahlt hatte, für die ich sie immer so bewunderte. Endlich waren wir in diesem Dorf angekommen, eingeklemmt in eine Bucht zwischen dem kroatischen Pulá im Süden und dem Rijeka in der anderen Richtung. Es war heiß gewesen und ich hatte immer weniger an ein Wunder geglaubt.

Wir wohnten in einem etwas verkommenen Appartement, das Teresa nach langer Suche im Internet aufgetrieben hatte. Sie war davon sofort überzeugt gewesen, dass das das Richtige sein würde.

Wir holten aus dem Auto die Kühlbox, die schon lange nicht mehr kühlte. Darin war noch eine Flasche Wein als Notration, ein Baguette und etwas Käse. Wir setzten uns auf die Terrasse und aßen Käse und tranken Wein, während über uns der Nachthimmel glänzte wie frisch poliert und darin ein Bett aus Sternen, das wie Milliarden kleiner Lampen funkelte. Der Augenblick war so schön, dass ich an nichts mehr anderes denken wollte.

Von der Fahrt war ich müde geworden und ich lehnte mich in den Stuhl. Auf der Wiese vor uns waren Zikaden zu hören, die so laut schrien, dass man glaubte, es würde gleich etwas passieren. Es konnte nicht weit zum Meer sein, weil es hier schon zu riechen war. Außerdem war die Brandung zu hören, wenn man genau hinhorchte. Ich liebte das Gefühl an einem Ort angekommen zu sein, der uns zu keiner Verpflichtung nötigte. Wir konnten in den Tag leben wie es uns passte. Irgendwann war mir aufgefallen, dass Teresa gar nichts mehr sagte und auf dem Stuhl eingeschlafen war. Ihr Kopf ruhte auf der linken Schulter. Das Haar fiel strähnig über ihre Wange und als ich mich ihr näherte, konnte ich ihren Geruch wahrnehmen und den Schweiß, der in ihrer Bluse steckte. Ich betrachtete sie so eine ganze Weile mit der Sicherheit, dass mich niemand sah. Den Ansatz ihrer Brüste, die zarten Hände die auf ihrem Oberschenkel ruhten. Der Saum des Rocks war etwas hochgerutscht und ich konnte ihre hervorstehenden Beckenknochen erkennen. Ihre Haut trug die Farbe der Menschen, die nichts anderes als Sonne gewohnt waren, als wäre sie schon immer von hier gewesen. Ich legte meine Hand auf ihren Oberschenkel, der noch warm vom Tage war. Die Wärme, die von ihr aufstieg, das Gefühl von Nähe und Vertrautheit, wenn man den Menschen ansieht und zu glauben scheint, dass man ihn auswendig kennt. Langsam bewegte ich die Hand zu ihrem Becken und ich zitterte. Ich spürte die Lust in mir aufkommen und dann öffnete sie ihre Augen, als hätte sie nur so getan, dass sie schliefe. Sie sah mich mit großen Augen an, gab mir einen Kuss auf die Stirn und stand auf.

Während sie ins Appartement lief, saß ich noch eine Weile auf der Terrasse und starrte in den Himmel, als könnte ich dort etwas finden, was es hier nicht gibt. Kurze Zeit später stand ich auf und lief auf die Straße. Ich sah mich in beiden Richtungen um und zählte die Stunden die es dauern würde, bis die Sonne aufging. Dort hinten am Horizont, wo es schwarz war und ich vermutete, dass dort das Meer liegen könnte, war es so dunkel, dass ich gerne in dieses nichts gelaufen wäre um herauszufinden, was dann passiert. Dann hörte ich Teresas Stimme sagen, dass ich hereinkommen solle und ich ging zurück ins Appartement.

Als ich eintrat, lag sie bereits im Bett mit geschlossenen Augen. Ich sah sie lange so an und dachte nichts dabei. Ich zog meine Kleider aus und legte mich nackt ins Bett. Ich wartete einen Augenblick, bis ich Teresa atmen hören konnte. Dann rutschte ich an sie heran, schmiegte mich an ihren Rücken und legte meinen Arm um sie. Von draußen drang das Mondlicht herein durch das Sonnenrollo und projizierte scharfe Klingen aus Licht an die Wände.

Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind, hörte ich Teresa sagen.

Ich gab keine Antwort und spürte nur der Versuchung nach, wieder ihren Oberschenkel zu berühren.

Alles schläft, sagte sie schläfrig.

Bist du enttäuscht, sagte ich? Nein, antwortete Teresa und sagte, dass wir schlafen sollten. Ich war noch so aufgeregt von der Fahrt und den Ereignissen, die die vergangenen Tage über uns hereingebrochen waren, dass ich Mühe hatte, hier Ruhe zu finden. Irgendwann schlief ich ein.

 

Die Morgensonne weckte mich. Ich weiß nicht, wie spät es war, aber ich schlüpfte unter dem Laken hervor, um Teresa nicht zu wecken und zog mich an. Die Dielen unter meinem Gewicht ächzten schwach und ich war noch vorsichtiger. Ich schob den Sonnenrollo zur Seite und trat auf die Terrasse. Es war schon wieder richtig warm geworden. In den Straßen war niemand zu sehen. Dann und wann fuhr ein Auto vorüber. Es fühlte sich an wie ein Feiertag oder Sonntag. Ich konnte nicht einmal deuten, welcher Wochentag heute war. Aber das war nicht wichtig.

Nachdem Teresa wach geworden war, liefen wir den Trampelpfad, der von den vielen Touristen schon tief in den Boden gestampft worden war, hinunter zum Hafen, an dem wir in der Nacht vorbeigefahren waren. Die wenigen Schatten, die die Pinien am Wegesrand warfen, waren wohltuend. Die Hitze machte mir zu schaffen, aber ich ließ es mir nicht anmerken. Vorbei an Barracken und Appartements, die aussahen, als würden sie gleich abgerissen werden, führten uns die Treppen zum Hafen. Kleine runde Tischchen und Plastikstühle, die von der Sonne aufgeheizt waren, standen vor der Taverne. Es gab kühle Getränke, die in einem klapprigen Kühlaggregat standen. In einer Theke, vor der ein Eimer mit Brackwasser stand und ein Wischlappen von der Anrichte hing, glänzte uns Gebäck entgegen. Es sah nicht einladend aus, aber Teresa gefiel es und wir waren die einzigen Gäste, die sich an einen der Tische setzten.

Wir bestellten ein Frühstücksgedeck, nachdem der Kellner mit uns sprach und wir nichts verstehen konnten. Aber Teresa schien ihm irgendwie verständlich machen zu können, was wir wollten.

Es ist doch ein schönes Dorf, sagte Teresa, nachdem sie lange geschwiegen und der Kellner unser Frühstück gebracht hatte. Ich nestelte an dem Omelette herum, als stimme etwas nicht damit.

Ich nickte.

Hast du etwas gespürt?

Ich weiß nicht, sagte ich. Hier ist nichts. Es ist alles sehr ruhig, als seien das alles Menschen, die es hier noch aushalten.

Teresa sah auf das Meer hinaus. Vier oder fünf Meter von unserem Tisch aus ging es senkrecht ins Meer hinunter. Dort wippten im Takt die Fischerboote aus Holz. Einige davon waren schon verwittert; die Farbe blätterte ab und der Bug war leicht verzogen. Das Tau war grün von den Algen und hing im Wasser und vom Meer zog Fischgeruch herüber.

Was möchtest du hier machen, sagte ich.

Teresa sah mich an und sagte, nichts.

 

Wir versuchten auf der Terrasse vor dem Appartement im Schatten zu lesen, aber meistens dösten wir nur vor uns hin. Es war so heiß geworden, dass jede Bewegung schmerzte. Am Morgen war die Luft noch klar gewesen, aber schon am Mittag verschwand alles in einem milchigweisen Dunst, als verbrenne das Land unter uns langsam in einem Schwelbrand.

Ich liebe diesen Sommergeruch, sagte Teresa in die Stille hinein, als unterliege das Land einem Schweigegelübde. Weit und breit war nichts zu hören. Nur das Zirpen der Grillen, die unter der Sonne glühten und vielleicht um ihr Leben schrien. Hin und wieder war das Zirpen wie ausgelöscht, als hätte jemand einen Schalter gefunden, doch so schnell es aufgehört hatte, begann es wieder.

Ich sagte nichts.

Es ist nicht einmal ein Geruch, sagte sie. Es ist fast ein Gefühl als ein Geruch, man riecht es mit dem ganzen Körper.

Irgendwann am späteren Nachmittag kauften wir ein für das Abendessen. Käse und Tomaten, Paprika und Olivenöl, ungesalzenes Brot und Wein. Vor allem Wein nahmen wir mit, weil wir von einem langen Abend träumten und Teresa von vielen Gesprächen.

Am Abend, als wir dann zu kochen begannen, fiel uns auf, dass wir vergessen hatten, Fleisch zu kaufen. Was sollten wir auch ohne Fleisch kochen, sagte ich. Also packte ich meinen Strohhut, der mich vor weiteren Verbrennungen schützen sollte und lief noch einmal in das Dorf unten am Hafen. In dem kleinen und einzigen Laden war fast alles zu finden, sogar eine Theke für Fleisch. Es roch nach Spülmittel, nach Spirituosen und Brot. In der Auslage lag reichlich Fleisch, vor allem Cevapcici. Ich wusste noch nicht, was ich nehmen wollte, als die Bedienung hinter einem Vorhang hervortrat. Selten habe ich mich in so einem Moment so einsam gefühlt. Sie sah mich aus ihren kastanienbraunen Augen an, als wäre ich von einem anderen Planeten. Sie sah mich an und durch mich hindurch und ich hatte das Gefühl, sie sehe mehr als ich wollte. Dann lächelte sie und sagte etwas, das ich nicht verstand. Ihre Haut war so braun, als wäre sie schon ein Gegenstand dieses Landes, das nichts als die Sonne und das Meer kannte, den Fischgeruch und die Brandung vor der Tür. Ich dachte, was das für ein Leben sein musste. Ich konnte es mir vorstellen. Ich konnte es mir nur nicht mit Teresa vorstellen. Dann wurde ich ganz traurig und versuchte, die Gedanken wegzuwischen wie die Flecken in der Auslage. Das Fleisch glänzte, als wäre es glasiert worden, um die lästigen Fliegen abzuhalten. Ich hätte gerne ihren Namen gewusst und als sie sich umdrehte, um sich Handschuhe zum Schutz überzuziehen, wobei ich nicht wusste, ob das Fleisch von ihr geschützt werden musste oder umgekehrt, blicke ich auf ihren Hals und hätte ihn gerne berührt, die Wärme, die von ihr ausgeht, gespürt. Ich sah auf das Namenschild an ihrem Kittel und las Maria. Maria also, dachte ich. Ich zeigte unbeholfen auf das Fleisch, das ich wollte und sie packte es ein. Als wir fertig waren drehte sie sich um und ging, doch bevor sie hinter dem Vorhang verschwand, sah sie noch einmal über ihre Schulter und mich an. Sie lächelte.

Ich trug ein komisches Gefühl zurück zum Appartement, als hätte ich etwas verbotenes getan. Als ich zurückkam, wirkte das Appartement verlassen, als hätte darin schon lange niemand mehr gewohnt. Es war still und ich suchte Teresa in den Räumen, in denen auf dem Boden überall Kleider lagen und das Gemüse halb geschnitten auf der Anrichte lag, als wäre etwas schlimmes passiert. Als hätte jemand fluchtartig das Appartement verlassen. Ich rannte hinaus auf die Terrasse, hoch zur Straße und lief einige Meter zum Meer. Über mir der bedrohliche Himmel und vor mir jene Panik, die zu stillen ich nicht wusste. Ich wurde unruhig und je weiter mich mein Ungewissen zum Meer trieb, fürchtete ich mich davor, was ich finden könnte. Ich lief das Stück Weg entlang, der flankiert war von Müll, Plastikflaschen und Papierrollen. Wolken von schlechtem Geruch drangen in meine Nase. Plötzlich mündete der Trampelpfad in Treppen aus Sandgestein, das hier aufgeworfen war. Rechts und links wuchs wilder Wein und der Weg zum Wasser war nicht mehr weit. Ich hörte das Wasser plätschern. Ich wollte nicht nach Teresa rufen aus Angst, es könnte mich jemand anderer hören.

Als ich mich umsah, erkannte ich dort kauernd eine Person, die mit ein paar Kieselsteinen spielte. Es war Teresa. Ich näherte mich ihr wie einem verwundeten Tier, von dem man nicht wusste, was passiert war.

Teresa, sagte ich leise aus Angst, sie könnte erschrecken.

Plötzlich richtete sie sich auf wie aus einem Traum erwacht von dem sie nicht wusste, dass sie ihn geträumt hatte. Sie sah so aus wie immer. Als wäre nichts passiert. Sie sah mich an, als wäre ich ein Fremder.

Was ist passiert, sagte ich.

Ich habe mich kurz auf das Bett gelegt in der Hoffnung, etwas Ruhe in mir zu finden. Als ich dann mein Herz habe schlagen hören, wurde ich immer unruhiger. Ich hatte ein komisches Gefühl im Bauch. Und dann war ich wieder dieser totalen Sinnlosigkeit ausgesetzt, wie die Wochen davor schon. Ich war so traurig und es war ein absonderliches Gefühl. Ich dachte, ich würde nie wieder etwas anderes fühlen als dieses Mitleid.

Ich hatte mir Sorgen gemacht, als ich ins Appartement zurückkehrte und niemand war da. Ich dachte, es sei etwas schlimmes passiert. Wir sollten zurückgehen, Teresa. Wir blieben noch eine Weile hier sitzen, hörten dem Meer zu und ich hatte Hunger nach Leben, dieser Sehnsucht, die zu stillen manchmal zu kurz kommt. Jetzt, wo ich endlich Zeit hatte, wollte ich Teresa nicht mehr loslassen. Es hatte sich seit den letzten Wochen vieles verändert. Möglicherweise waren wir doch nicht in jener Sinnlosigkeit gelandet, die sich zwischen uns gestellt hat wie eine Mauer, in der kein Zugang zum anderen mehr vorhanden war.

 

Nach einer Weile kehrten wir zurück und bereiteten das Abendessen zu. Sie weinte zwischendurch kurz und ich nahm sie in den Arm. Auf der Terrasse aßen wir gemeinsam, tranken Wein und erzählten uns die Geschichten, die wir uns früher immer erzählt hatten, über die wir lachten und über andere, die uns traurig stimmten. Nach einer Weile der Stille sah Teresa in den Himmel hinein, während die Tagfarben verblichen und die Dunkelheit Besitz von allem ergriff. Sie sagte dann, dass irgendwann etwas schief gelaufen sei, aber es kein Grund war, alles aufzugeben. Dafür seien die Menschen manchmal zu schwach. Und schwach zu sein bedeutet nicht schlecht zu sein.

Ich sagte nichts und legte den Kopf in den Nacken. Der Himmel war heute leer und wie verschlossen. Teresa saß neben mir und streichte mir durchs Haar.

Ich habe das Gefühl, als wären wir schon eine Ewigkeit hier, sagte sie.

Ich könnte hier leben, sagte ich.

 

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