3_minute_hero 18.11.2010, 18:09 Uhr 1 1

Die Unebenheiten auf meiner Raufasertapete

Hundgebell verliert sich in grauen Häuserschluchten. Ein weiteres dickes Kind gibt auf dem Spielplatz eine tragische Figur ab.

Mein Leben verläuft unspektakulär.
Ich sitze in der aktuellen Schiesserfeinribbkollektion mit hochwertigem Dosenbier auf meiner Couch und beobachte Unebenheiten auf meiner Raufasertapete.
Im Radio läuft Iggy Pop.
Hundgebell verliert sich in grauen Häuserschluchten. Ein weiteres dickes Kind gibt auf dem Spielplatz eine tragische Figur ab.
Der Taubenbulle, der meinen Balkon vollscheißt, fickt heute schon zum zehnten Mal sein Girl. Wirft mir gehässige Blicke rüber.
Er weiß worum es im Leben geht. Lässt es krachen. Scheißt auf Geschlechtskrankheiten, Köpfe und meinen Balkon.
Zeugen Jehovas klingeln an der Tür. Ich ertrage diese frommen Gesichtsausdrücke nicht. die Lobpreisungen des Paradieses. Zwiegespräche mit Gott.
Nächstenliebe und Kekskrümel auf dem Mantel. Opium für s Volk.
Frage sie nach Kreuzzügen und Hexenverbrennung. nach Arbeitslagern und Entzugstherapien. nichts. Frage wie sie zu Suizid stehen,
Polygamie, Homosexualität und zur Abwrackprämie.
Nen Wachturm hinterlassen sie fluchtartig auf meinem Schuhabtreter, zuckeln kopfschüttelnd ab.
Mein dicker, humpelnder Nachtbar, der beim Laufen ringförmig die Arme schwingt, brüllt auf yugo seine Frau an.
Sie lacht. Hoch und schrill. Scheißt auf ihn. Was will er schon? er Rentner, fett und gehbehindert. Jähzornig. Brillengläser dick wie Flaschenböden.
Früher gern gewalttätig, heute unterlegen. Sie genießt die Souveränität, seine Abhängigkeit, seine Schwäche.
Gibt ihm je vor den Mahlzeiten seine Insulinspritze. Manchmal ein bisschen zuviel, dann bekommt er Krämpfe und Traubenzuckerdropse.
Vermutlich macht er sie aus diesem Grund irgendwann kalt, es sei denn sie ist schneller.
es ändert nichts.
Fressen und gefressen werden.
Wir leben in einer Postmodernen, sagt er.
Die Russen und Chinesen rackern sich den Arsch ab. Knüppeln sich die Knochen wund. Wollen Wohlstand, ‘nen Auto, Fernseher, Stereoanlage,
Bildung für die Kinder, bleaching Gel für die Zähne, eine Wohnung mit Fernwärme. Sie haben Träume. sind bereit alles dafür zu geben.
Wir sind satt und unzufrieden. Denken über den Tod nach, über Selbstverwirklichung und halten uns für die Elite. Sind faul und verwöhnt.
Gemästete fette Puter, die sich ganz sicher sind, dass der Bauer sie nur zur Zierde hält.
Würden wir jeden Tag mit knurrendem Magen am Lagerfeuer sitzen und überlegen müssen, wie wir was zu futtern an den Start bringen damit die
Großfamilie was zu kauen hat, dann wären wir nicht so verweichlicht und depressiv.
Selbstverwirklichung ist ein Luxus, mit dem wir Menschen nichts anfangen können, ebenso wenig wie ein Schimpanse mit einem Usb stick.
Wir brauchen die Härte des Lebens um uns behaupten zu können. Mit dem Verstand, den wir mehr haben, gehen wir Bankrott.
Bleiben weit hinter den Erwartungen und Möglichkeiten.
Tja, da kommt das Mistvieh angeflattert. Landet zielsicher neben meinem Rattansessel. Pickt sich lustlos im Gefieder rum.
Dreht sich mal links mal recht um die eigene Achse. signalisiert den Taubenweibern, dass er bereit ist zu pimpern.
Was soll ich sagen, ich mach es eigentlich ja auch nicht anders.
Er ist ein Kulturfolger und ich bin es mit Sicherheit auch.
Sehe vielleicht besser aus als er, aber dass liegt im Auge des Betrachters.
Ich lass ihn sein Tageswerk verrichten. Werd ihn vermutlich ohnehin überleben.
Zeit sich hinzulegen, auf den Schlaf zu warten in einem leben voller Flachpunkte.
Unebenheiten auf der Raufasertapete beobachten und wegdösen.

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1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Der Text ist genial!

    Danke!

    18.11.2010, 18:30 von MsKrawallschachtel
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