Die Traurigkeit auf meinem Sofa.
Beim Wäscheaufhängen kam sie wieder. Von hinten. Die Traurigkeit. „Ich hab Dich nicht eingeladen“, wollte ich sagen...
Beim Wäscheaufhängen kam sie wieder. Von hinten. Die Traurigkeit. Die Musik auf meinem Rechner hatte ihr die Tür geöffnet und sie ohne mich zu fragen hereingebeten. Da waren wir nun, wir zwei beide. Ich. Und die Traurigkeit. Alte Bekannte. „Ich hab Dich nicht eingeladen“, wollte ich sagen. Aber sie setzte sich fest, wie ein ungewünschter Gast auf dem Sofa und begrüßte freudig die Liebe in mir.
Die beiden kannten sich bereits aus der Zeit zwischen Gestern und Morgen, Trennung und Verliebtheit. Damals hatten sie sich des Öfteren im Vorbeigehen die Hand gegeben. Aber jetzt, nach so langer Zeit, gemeinsam auf dem Sofa? Ich wusste nicht, ob die beiden einander ein guter Sitznachbar waren. Wie lange darf man traurig sein, wenn zwei Menschen sich trennen? Ich erinnerte mich daran, wem ich damals noch die Nase vor der Tür zugehauen hatte. Der Wut. Dem Ärger. Der Machtlosigkeit. Ich hatte mir damals vorgenommen, mit diesen Weggefährten abzuschließen und sie auszuschließen. Kein Bock mehr. Zu lange hatte ich mich mit ihnen herumgeschlagen. Allein die neue Liebe ließ ich herein. Mit ihr die Hoffnung, die Perspektive und die Lebenslust. Alles war warm und gut, wie die Decke, die man als kleines Kind vorm Schlafengehen festgestopft bekommt.
Nur die Traurigkeit schlich sich immer wieder durch den Türschlitz zu mir herein und legte sich kalt und ungeliebt an meine Füße. Oder breitete sich eben, wie jetzt, auf meinem Sofa aus, weil da grad Platz war. denn der Mensch, der das Päckchen mit meiner Liebe nun mit sich trug, war grad nicht da.
Während ich noch darüber nachdachte, wie lang die Traurigkeit mir wohl noch regelmäßige Besuche abstatten wollte, schlich sich still und heimlich die Angst in unsere Runde und setzte sich neben die Liebe in mir. „Du verlierst ihn, wenn Du der Traurigkeit immer wieder einen Platz auf deinem Sofa gewährst!“, sagte sie. Sie meinte den Menschen mit meinem Liebes-Lunchpaket. „Der denkt doch, du willst die Vergangenheit zurück.“ Ich schluckte. Dachte er das vielleicht wirklich? „Irgendwann ist er weg und dann hast Du die Traurigkeit wieder jeden Tag zu Besuch“, wetterte die Angst. „Sperr sie aus! Schmeiß sie ein für alle mal raus!“ Es dröhnte in meinen Ohren. Mein Kopf war leer. Gedanken zischten im luftleeren Raum umher. Wortblitze zuckten neongelb und –orange im dunklen Vakuum. Die Angst redete auf mich ein und überrannte mich. „Alles zu viel“, hämmerte es in meinem Kopf. Ich suchte einen Weg hinaus. Doch die Tür war zu. Ich selbst hatte sie ja verschlossen. Panisch versuchte ich, sie aufzubekommen. Da saß die Angst mir schon im Nacken und flüsterte und schrie und beschwor die Bedrohung die Treppenhausstufen hinauf. „NEIN!“, schrie ich. Und packte sie im Genick. Die Aggression hatte mir geholfen, die Angst in eine Ecke zu schleudern, wo sie nun liegen blieb. Reglos. Ich stellte mich in die Mitte des Raumes und atmete tief ein. Tieeeef ein. Langsam begannen meine Lippen Worte zu formen.
„Bleib sitzen, Traurigkeit. Du bist nur die junge Schwester von Liebe und Erinnerung. Auf beide möchte ich in meinem Leben nicht verzichten. Und so gehörst Du genauso zu mir. Bleib sitzen und beobachte mich. Wenn Du mir aber etwas sagen willst, werde ich dich nicht hören können. Doch werde ich Dich bei mir wissen. Und mit Dir die Liebe und die Erinnerung.




Kommentare
wow, wunderschön, gefällt mir echt gut
15.10.2008, 18:29 von Sand_im_Getriebedu drückst auf so faszinierende weise aus, was ich nie niederschreiben könnte, und doch fühle
danke dir
ach wunderbarer letzter absatz.
24.07.2008, 23:29 von Sofyaund mit dieser einstellung kann man dann langsam anfangen die traurigkeit als teil von allem guten zu sehen, sich auf sie zu freuen weil sie dann irgendwann auch vorbei ist und platz für liebe macht. oder gleichzeitig mit ihr existiert..egal, du hast also recht. (finde ich :) )
Gefällt mir ist sehr schön geschrieben.
26.04.2007, 19:11 von ViktorGruß
einfach wundervoll...
20.01.2007, 01:15 von Jasperschön!!!!!
03.01.2007, 13:47 von TabanaLiebe Grüße
Tabana
sehr schoen!
17.12.2006, 16:43 von Leoninakann mich nur anschließen, ein sehr schöner Text...
17.12.2006, 16:34 von Mrs.Wisperden Punkt hat wohl jeder schon mal erreicht...es ist einfach da und will nicht gehen...aber irgendwann bleiben Türen verschlossen und man hat wieder die Kraft selbst zu entscheiden WAS man hinein lässt und wem man die Tür weist. :)
erinnert mich ein bisschen an etwas anderes....
"Gefühle unter sich" Als die Traurigkeit genug von sich hatte....
Eines Tages saß die Traurigkeit in einer Ecke und erzählte der Verzweiflung, daß ihre Schwester - die Kraft - sie verlassen hätte. Die Einsamkeit sagte kein Wort - sie habe es ohnehin schon immer gewußt. Das Selbstmitleid strich der Traurigkeit behutsam eine Träne von der Wange und versuchte vergeblich, sie zu trösten. Die Wahrheit lies sich nicht beirren - sie war schon immer bitter gewesen. Plötzlich pochte es an der Türe. "Soll ich öffnen?" fragte die Unentschlossenheit. "Wer kann das schon sein?" wunderte sich die Neugier. "Na, mach schon auf!" forderte das Risiko. Das Staunen gab einen erleichterten Seufzer von sich, als das Lächeln eintrat. Es setzte sich zur Traurigkeit: "Hast du denn noch nicht genug von Dir?" wollte das Lächeln wissen. "Komm laß uns die Liebe besuchen!" "Nein!" wandte die Vernunft ein, "tu´s nicht!" Doch die Traurigkeit war schon mit dem Lächeln verschwunden. Die Liebe wohnte hoch oben über den Wolken und hieß die beiden Besucher willkommen. "Schön, daß du da bist"; sagte die Freude, die gerade mit dem Gefühl spielte. "Wir haben dich schon vermißt", meinte die Geborgenheit. "Ich hab es nicht mehr ausgehalten", schluchzte die Traurigkeit. "Aber jetzt ist alles gut", beruhigte die Zärtlichkeit die Traurigkeit und nahm sie in die Arme. Weinend wachte die Traurigkeit auf, als dich die Hoffnung zu ihr setzte und fragte: "Was ist passiert?" - "Ich hatte einen wunderschönen Traum, aber glaubst Du, daß meine Freunde mich vergessen haben?" "Keine Sorge. Wenn Du versprichst, mich nicht aufzugeben, wirst du noch viele Wunder erleben", tröstete sie die Hoffnung. "Niemals würd´ ich Dich aufgeben", versicherte die Traurigkeit und schlief beruhigt weiter.
(von wem es ist weiß ich leider bis heute nicht...)
alles liebe von mir
lg Mrs.W.
sehr schöner text.... :-)
17.12.2006, 16:02 von .soleil.wirklich.