HeavenKnowS 29.07.2013, 01:35 Uhr 1 6

Die Straße in den Grand Canyon.

Wir suchten Abenteuer, die große Liebe und das schier endlose Glück.

Das wichtigste zu Beginn, ich werde dich niemals vergessen.


Lachend renne ich dir hinterher. Du versteckst dich hinter einer Säule, ich täusche links an, täusche rechts an und fange dich schließlich. Da bist du.
Du liegst mit deinen Haaren,so schwarz wie Ebenholz, in meinen Armen. Tiefgrüne Augen erblicken mich. Ich drücke dich fest an mich, halte dich, küsse dich und möchte dich nie wieder missen wollen.

So glücklich wie in jenem Augenblick waren wir seit Monaten nicht mehr. Zu groß und schwer wogen die Fehler unserer Vergangenheit, dass du mich bereits verlassen hast, meine Idealistische Vorstellung einer offenen Beziehung, der Streit, die Dramen und natürlich die Freiheit. 
Freiheit ist wie der Ritt auf einem wilden Stier. Schaffst du es sie zu erlangen, so bist du für einige Momente lang verdammt glücklich. 
Siegt die Sicherheit, so knallst du mit einem Schädel auf den sandigen Boden und lässt ein Paar deiner Zähne als Andenken zurück.

An diesem Abend sitzen wir in einem kleinen Kiosk. Wir essen persisches Essen, der Tisch ist reich gedeckt, die Minze frisch und alles ist sehr gut gegrillt. Ich unterhalte mich mit einem Iranischen Professor über Algen und deren Nutzen für die Menschheit. Das lustigste ist, ich kann mitreden. Einen  Moment lang siehst du mich an, deine Augen werden groß und als du bemerkst, dass ich dich sehe, da schaust du mit einem lächeln zu Boden. Es ist ein wunderschöner Moment, weil er so voller Liebe steckt.

Dir geht es nicht gut, ich stütze dich. Seit den Morgenstunden fühlst du dich krank. Sicher wieder der Stress im Job, oder die zahlreichen anderen Probleme. Trotzdem fahren wir mit dem Iranischen Professor und seinem Schwager in ein Casino nach Holland. 
Während in dem Autoradio das Fußballspiel Bayern gegen Dortmund übertragen wird, habe ich nur Augen für dich. Die Nacht stand dir schon immer so gut, wie ein zweites Kleid.

Ich bekomme nicht viel von deinen Blicken mit, während ich am Roulettetisch stehe und mein Geld setze. Du stehst im Raucherraum, schaust mich an, beobachtest mich. Weil ich, wie du immer betontest, der schönste Mensch der Welt für dich bin.
Du kommst zu mir, ich gebe dir einen flüchtigen Kuss und frage dich, wann der Tag war, an dem wir uns das erste Mal wiedergesehen haben.

Der Fünfzehnte.

Ich setze auf die Fünfzehn. Einen Moment lang ist es still und dann haben wir gewonnen.
Auf dem Rückweg sind wir beschwingt von unserem Glück, und als wir ankommen lade ich unsere Iranischen Freunde zu Cocktails ein.
Verdammt glücklich war ich, verdammt glücklich, dich wieder in meinen Armen zu halten.


Ein Paar Wochen später stehst du in meiner Haustür. Die Einkäufe vor deinen Füßen, die Tränen in deinen Augen. Du stehst vor mir und bist nicht mehr du selbst. Du brichst zusammen, du stammelst vor dir her und du willst weg.
Weg von der Straße, auf der uns jeder sehen kann. Weg von mir, wo du dich nur unglücklich fühlst. Du sagst wir hätten es nie ein zweites Mal probieren sollen. Wieder Tränen.
Du sagst es wäre deine Schuld gewesen, sagst wir hätten unsere Chance vertan, sagst wir würden uns um Kreis drehen.

Deine Tränen ziehen schwarze Schlieren auf deiner Wage. Ich trockne sie mit meinem T-Shirt ab. Schlucke dieses widerliche Gefühl, das du in mir hinterlassen hast, einfach herunter. Schwarzer Teer, schwarze Schlieren, klaffende Wunden. In mir pulsiert die Trauer. Die Trauer darüber, dass wir unsere Gefühle unter schwarzem Teer begraben.
Schwarzer Teer, mit dem wir unsere Straße in den Grand Canyon bauten, um lachend in den Gefühlstod zu stürzen.

Ich beruhige dich, kümmere mich um dich. Mein Bewusstsein für die Situation ist da, du bist am Ende. Vor mir steht ein Mensch, dem ich nicht mehr helfen kann. Du hast es nicht erkannt, du konntest meine Liebe nicht tragen, erwidern oder gar verstehen.

Es ist helllichter Tag, doch ich sehe den Mond durch die Wasseroberfläche. Treibe auf dem Rücken umher, sinke immer tiefer. Ertrinke. Jede Sekunde vergeht so langsam wie eine Woche. Vor meinem geistigem Auge läuft jeder noch so kleine Moment unserer Beziehung ab. 

In meinem Inneren zerbreche ich in tausende Teile.

Wir gehen die wenigen Meter zu meiner Haustür, du sagst du willst nachdenken. Ich sage du sollst nachdenken. Du möchtest spazieren gehen und mir bescheid sagen, wenn du wieder reden kannst.
Zur Sicherheit jedoch willst du deine Sachen mitnehmen, man weiß ja nie. 

Natürlich.

Zögernd laufe ich mit unwahrscheinlich langsamen, und schweren Schritten die Treppe hoch, die wir so oft zusammen gelaufen sind. An dem Tag, als du nach Vier Jahren das erste Mal wieder hier warst. Wir liebten uns in der Küche, auf dem Balkon, auf dem Bett, auf der Couch, überall. Wir sprachen über unsere Zukunft, über unsere Pläne. Schrieben eifrig und emsig To-Do-Listen. Planten unseren Urlaub, rauchten jede Menge Gras und hörten gute Musik. Schauten American Beauty, verstanden uns, diskutieren, spielten Durak, aßen wundervolles Essen und genossen jede Sekunde.

Eine LIDL-Tüte reicht für all die Sachen, die du bei mir hattest. Eine LIDL-Tüte voller Erinnerungen. Eine LIDL-Tüte für die Sicherheit. Gefüllt mit Erinnerungen.

Ich laufe die Treppe mit denselben langsamen und schweren Schritten hinunter, wie ich sie hoch gelaufen bin.

Denke an zahllose Streits. Wie du mich hintergangen hast, als du mit meinen Freunden über mich geredet hast. Wie ich dich beleidigte und du mich. Wie ungehalten und ungestüm wir aus unseren Wohnungen rannten. Wie wir uns stundenlang anschwiegen. Wie du dich mit anderen Kerlen trafst, nur weil du mit meiner besten Freundin nicht klar gekommen bist.

Unten Angekommen schaue ich dir in die Augen. Erkläre dir, was es für ein Schritt ist, dir diese Tüte zu geben. Du lächelst mich an und bedankst dich. Mit Sicherheit würdest du die richtige Entscheidung treffen.

Leider habe ich dir vergessen zu sagen, dass ich dieses Mal nicht nur meine Zähne auf dem sandigen Boden zurückgelassen habe, sondern gleich meine Vorstellung vom gemeinsamen Glück. Und so schaue ich dir zu, wie du in Richtung Feld läufst, dich nicht einmal mehr umdrehst.

Was für ein verfickt kaputter Abschied, aber er passt zu uns. Wir hätten alles haben können, Freiheit, Las Vegas, Sex und die scheiß Welt obendrauf. Leider haben wir uns irgendwo unterwegs verloren, und du stehst wieder genau dort, wo ich dich damals in meinem Mustang mitgenommen habe.
Vielleicht irgendwann einmal wirst du den Mut finden die Person zu sein, die du schon immer sein wolltest. Dann wirst du sicher nochmal einsteigen, und alles geht von vorne los. Falls dann noch Platz in meinem Auto ist.

Das wichtigste jedoch zum Schluss: Ich habe dich verfickt nochmal geliebt.

6

Diesen Text mochten auch

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Bin endlich noch einmal zum Lesen gekommen...


    Eine Stelle stach diesmal raus.
    "Schwarzer Teer, mit dem wir unsere Straße in den Grand Canyon bauten, um lachend in den Gefühlstod zu stürzen." Die Bild funktioniert so gut, weil es den ganzen Text so treffend in eine Zeile fasst. 
    Definitiv ein guter Text, hinterlässt ein aufgewühltes Gefühl.

    07.08.2013, 16:22 von Momentefangen
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare