Fritzfred 30.11.-0001, 00:00 Uhr 47 65

Die Stille deiner Gegenwart

Du liegt neben mir. Du bist unendlich schön. so schön, dass es an Unersträglichkeit grenzt. So schön, dass ich die Vergänglichkeit spüren kann.

Du liegst neben mir.
Ich möchte jetzt fotografieren können.

So richtig gut und nicht nur so „Hallo, ich bin Automatikfunktionamateur“.
Den Moment auf Zelluloid brennen.
Du, wie du da liegst, nackt, halb zugedeckt, halb auf dem Bauch, halb auf der Seite, mir zugewandt. Das Licht ist sanft, deine Augen geschlossen. Du schnarchst, ein bisschen und leise, deine Haare sind verstruwelt, und lang geworden sind sie auch, die Haarspitzen reichen jetzt schon ein Stück über die Ohren. Für dich schon eine richtige Mähne, für mich ein Fingerspitzenparadies. Deine Löckchen werfen winzige Schatten auf dein Gesicht. Sie fächern das Licht. Du bist unendlich schön, so schön, dass es an Unerträglichkeit grenzt. So schön, dass ich die Vergänglichkeit spüren kann. Als bittersüßen Schatten. Deine Schönheit schmerzt mich, sie flüstert immer auch von Verlust. Es wird gleich schon nicht mehr sein wie jetzt und dabei genügte es mir doch, immer so zu verweilen, hier, neben dir und dich mit Goosebumps zu bestreuseln. Ich muss bloß von der Achselhöhle bis zur Hüfte streichen und schon tauchen sie auf, wie Striche auf einer Zaubertafel. Es ist meine Botschaft an dein dich im seichten Schlaf. Ich bilde mir ein, du bemerkst das. Vielleicht schneit es jetzt in deinem Traum. Watteweichen warmen Schnee.

Ich platze gleich, vor Glück und Angst, vor lauter Staunen und Starren und alles erfassen und merken wollen und dem bereits begriffen haben, dass nichts hinreichend sein wird, keine Dokumentation den Moment so erfassen kann, so festhalten kann, wie er jetzt ist. Oder, um es in Anlehnung an Peggy Phelan zu sagen: This moment cannot be saved, recorded, documented, or otherwise participate in the circulation of representations of representations: once it does so, it becomes something other than this moment. 

Ich  würde am liebsten aufspringen und umherhopsen und quietschen, so richtig mädchenmäßig quietschen und dir ins Ohr schreien, wie schön und wie gern und überhaupt und scheiße, mein Herz explodiert. Anderseits will ich nicht aufstehen, wage kaum zu atmen, will bloß hier liegen und in meinem Kopf Koordinatensysteme zeichnen, in die ich das Bild von dir übertrage, damit ich auf den Punkt genau wiedergeben kann, wie du wo gelegen hast und welches Haar über welchem Haar lag und in welche Richtung du deinem Atem pustest (er streift meine Nasespitze), wie sich deine Lippen manchmal kräuseln und deine Füße in meinen verhakt sind. Geh nicht weg, will ich zu dem Moment sagen und verweile doch zu dir. Verweile für immer. Bleib, bleib, bleib. Ich will tanzen und lachen vor Freude, weil es ein Privileg ist, so etwas denken zu dürfen und ich will schreien und weinen vor Angst, weil es eine Bürde ist, so etwas denken zu müssen.  Und mein Herz macht Bambule im Brustkorb und nicht mal mein Verstand hält das für Firlefanz, im Gegenteil, er macht gleich mit. Und ich überlege einen Text zu schreiben, über dich und das Jetzt und wie du die Zeit sichtbar machst und alles mit Intensität einfärbst und wie diese ganzen Klischeesätze plötzlich stimmen und einen Sinn ergeben. Aber ich merke schon und befürchte es, dass der Text im Kitsch ersticken wird, schlimmer noch als ein Foto kitschig sein würde.
Das Problem ist, dass Kitsch und Phrasen, das Floskeln und tausend Mal Gesagtes und Gehörtes, das jeder noch so schlechte Satz aus einer drittklassigen Romanze im Angesicht deiner Gegenwart zur Wahrheit wird. Wenn auch immer noch nicht ausreichend, nicht genügend, doch zumindest ein Funken Wahres und sehr plausibel.

Aber ich will uns nicht beschämen, es würde stimmen, aber dem Moment immer noch nicht gerecht werden, selbst ein „Ich liebe dich“ erscheint mir zu schwach, selbst wenn ich mit allem erdenklichen Nachdruck flüstern würde, so dass es mir fast die Augen aus dem Kopf fegt, weil es sich so viel Gefühlsunterdruck ansammelt, selbst dann wäre es vielleicht nicht ausreichend. Kein Satz, kein Bild, keine Geste scheint mir wirklich möglich zu sein, jetzt hier, neben dir. Also bin ich still, ganz still, schweige und sehe dir zu. Wie du schläfst.

Du liegst neben mir. Und du bist so verdammt schön, dass nur noch Schweigen bleibt. Du bist so schön, dass da nur noch Stille ist.
Weil nur die weiß, was Unendlichkeit bedeutet.

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47 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Du liegt neben mir. Du bist unendlich schön. so schön, dass es an Unersträglichkeit grenzt


    evt sollte man mal den teaser korrigieren- danke.

    06.12.2013, 22:43 von yuhi
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  • 0

    Da steckt so viel Liebe drin. ♥

    06.12.2013, 21:50 von Sunny2401
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Beeindruckend! :)

    03.12.2013, 12:21 von Nero-Noir-Nitro
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  • 0

    Magisch!

    24.11.2013, 19:01 von Amentia
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  • 0

    Danke für diesen Text!

    20.11.2013, 21:17 von luiju
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  • 4

    Hormone. Die nehmen einen so hart mit. Kenn ich. Solche hormongeschwängerten Texte sind einfach die besten.

    20.11.2013, 16:53 von angelique4519
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  • 1

    wundervoll, wie du beides beschreibst, die Bürde und das unendliche Glück :)

    19.11.2013, 20:11 von Zamantha
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  • 0

    so ein klasse,super,mega schöner wahnsinnstext. man möchte sich so gleich verlieben. :)
    so wunderbar, ich kann es nur wiederholen...

    19.11.2013, 19:47 von reziproka
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  • 2

    Unglaublich, wie du Momente in Worte fassen kannst! Danke dir für diesen Text! 

    19.11.2013, 18:20 von juliajue
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