frl.prusseliese 06.02.2017, 21:36 Uhr 18 18

Die Stadt gehört wieder mir

Und jetzt sitze ich hier. In dieser neuen Wohnung, in die ich nur Dinge mitnahm, die nichts mehr mit dir zu tun haben.

14/01/2017, 13:58

Ich habe eben dein Auto gesehen. Es hat gepiekst, aber nicht mehr so sehr gepiekst, dass ich auf dem Fahrrad hätte tief durchatmen und Luft holen müssen. Es hat einfach kurz gepiekst. Ich habe gar nicht mehr so ein großes Bedürfnis, über dich zu schreiben. Ich habe das Gefühl, irgendwann sind alle Worte und irgendwie auch Gefühle aufgebraucht. Wir sind aufgebraucht, und das schon lange. Es geht mir gut. Wirklich gut. Ich hoffe dir auch – du fehlst mir manchmal.

21/01/2017, irgendwann nachts

Bässe wummern, Herzen schlagen, Köpfe zittern. Und irgendwo inmitten ich. Gedanken frei. Tanzen. Nicht nachdenken. Suche dich manchmal noch in all den Menschen, aber jetzt nicht. Jetzt gerade nicht. Musik lässt mich für kurze Zeit vergessen. Der Kopf ist nicht klar, sondern betäubt von Substanzen, berauscht. Soviel ich, das den Raum einnimmt, das meinen Kopf einnimmt. So viele Gefühle, aber nicht jetzt. Nicht jetzt, sondern nur Rausch. Überall lauter Bass, ich will Zigarettenrauch inhalieren. Dieser Moment füllt mich aus. Musik füllt mich aus. Jetzt gerade, inmitten all dieser Leute, betäube ich mich. Gehöre dazu. Bin Teil dieser Menge. Bässe wummern, Herzen schlagen, Köpfe zittern. Und irgendwo inmitten ich.

22/01/2017, 16:01

Ich vermisse deinen Halsgeruch am Morgen, deine zarten Finger, deine Art, mich in den Arm zu nehmen, die sich anfühlte, als würdest du mich nie wieder loslassen. Ich vermisse die Falten, die sich auf deine weichen Gesichtszüge legten, wenn wir diskutierten. Ich vermisse dein Lachen. Verdammt, ich vermisse es so sehr, von dir zum Lachen gebracht zu werden und nie wieder damit aufhören zu wollen. Ich vermisse diese intimen, tiefe Blicke, die wir austauschten, bevor wir uns heftig küssten und uns eine Welle voller Gefühl überrollte. Ich vermisse den Moment, in dem ich die Schnelligkeit bemerkte, mit der du deine Jogginghose anzogst, sobald wir die Tür rein kamen. Manchmal hatte ich noch Mütze und Schuhe an, da standest du plötzlich vor mir in diesem gemütlichen, übergroßen ausgewaschenen Nike-Jogger. So oft habe ich dann gefragt „huch, wie hast du das denn gemacht?“. Erinnerst du dich? Erinnerst du dich an all diese Momente?

Ich vermisse wer du bist, wer du warst, wer du so oft sein wolltest, Lene. Du fehlst mir in meinem Alltag, in meinen Erzählungen, in meinen Erlebnissen. Du fehlst mir in meinem Leben.

22:13, SMS an Lene (nicht abgeschickt)

Ich hoffe es geht dir gut.

23/01/2017, 23:45

Ich wurde heute abserviert von jemandem, der nicht Du warst. Von dem Mädchen, das da war, als du es lange schon nicht mehr warst. Jetzt ist wieder niemand mehr da.

Ich mache mir Sorgen um meine Leber, weil ich wieder nur betäube, nur tanze, nur feiere. Wieder nur unter Menschen bin, statt für mich zu sein. Wieder nur von Abenteuer zu Abenteuer stolpere, weil du das auch so machst und ich das auch können will. Wieder nur all die Dinge, um dich zu vergessen, mich zu rächen, mir Genugtuung zu verschaffen, die nichts besser, aber alles erträglicher macht. Wo bist du, wo bin ich in deinen Gedanken. Wo wo wo. Wann sehen wir uns wieder. Werden wir jemals wieder im Café sitzen, Kaffee trinken und über unser Leben reden können. In ein paar Monaten werden alle Momente nur noch Luftblasen sein, nicht einmal mehr Erinnerungen. Es wird vereinzelt Momente geben, an die ich mich werde erinnern können, aber alles wird zunehmend grauer und blasser werden, wird es jetzt schon, und du nur noch ein Mensch sein, mit dem ich mal ein paar Jahre verbrachte, bist du jetzt schon, und dann werden wir uns zufällig in der U-Bahn treffen, oder auch nicht, und ein paar Worte wechseln, oder auch nicht. Ach hallo wie geht’s denn so, gut und selbst, ja auch alles ganz wunderbar danke, wo wohnst du denn jetzt, was treibst du so, lass uns doch mal auf eine Limo treffen, oder vielleicht eher auf einen Schnaps, oder auch drei, wird man sich denken. Und dann steigt man aus, oh das ist ja schon meine Haltestelle, ich muss hier raus, aber meld dich doch mal, wenn du Zeit und Lust hast, würde mich freuen, ja mich auch, das mache ich, machs gut und pass auf dich auf. Und dann läuft man nach Hause, raucht dabei eine Zigarette, vielleicht noch eine und denkt sich, oh was war das komisch, aber auch schön sich mal gesehen zu haben, aber mensch sie hat ein bisschen zugenommen, aber steht ihr gut, sie sieht nicht mehr so dürr aus. Vielleicht wird man sich auch denken, wie konnte ich bloß damals, was hab ich mir dabei gedacht, ein Glück, dass es nicht reichte. Und so kommt es dann, wir werden nichts weiter sein als zufällig Bekannte, die sich in der U-Bahn auf eine Limo, oder vielleicht lieber auf einen Schnaps, verabreden.

24/01/2017, 22:53, SMS an Lene (abgeschickt, leider)

Geht es dir gut?

Keine Antwort, leider.

25/01/2017, 22:31

Ich sitze auf meinem Sofa in der Küche, die heutige Verabredung vor Erschöpfung abgesagt. Auf meinem Schoß der Kater, in meiner linken Hand das Glas Weißwein (die Flasche ist noch fast voll), in meiner rechten die selbstgedrehte Zigarette, und ich fühle mich wie eine alte, verbitterte Katzenlady, die mit rauchiger Stimme eine noch rauchigere Stimme bekommt, während sie raucht und raucht. Meine Brille liegt neben dem Weinglas auf dem Küchentisch, der Lippenstift ist längst verschmiert, ich stelle mir die Frage wohin mich das Leben führt und erhalte keine Antwort, natürlich nicht. Auch bei der nächsten Zigarette und dem nächsten Glas Wein komme ich zu keinem entscheidenden Ergebnis, das wundert ja auch nicht, daher muss ich weiter trinken und weiter rauchen, aber die Frage, ja die bleibt trotzdem. Und sie wird bleiben und auch bei dem nächsten Glas wird es keine Antwort geben (die Flasche ist noch dreiviertel voll), aber sie macht mein Hirn ganz wabbelig und unklar, die Frage und auch die Flasche, und wirft weitere Fragen auf, was kommt denn jetzt, was will ich denn eigentlich, wie soll das bloß weiter gehen mit all den Zigaretten und all den Gläsern und dem Kater, der traurigen Musik und der düsteren Stimmung. Wie soll das bloß weiter gehen mit uns, hätte ich mich fast gefragt, wo es doch schon so lange kein uns mehr gibt, fast sieben Monate schon, also muss ich mich fragen wie soll es denn weiter gehen mit mir, denn es könnte mir ja egal sein was mit dir ist, ist es aber nicht, noch nicht, also wie verdammt wird es mir denn egal, denn es gibt ja kein uns mehr, sondern nur noch ein mich (und irgendwo doch auch noch dich).

„Was'n das für 'ne Scheiße mit der Liebe was soll das wo führt das hin.“ schreibt mir in diesem Moment eine Freundin, als könnte sie in meinen Kopf gucken, als würde sie mit nur einer Nachricht all das auf den Punkt bringen, nur hat auch sie keine Antwort, kein Ausrufezeichen, nicht mal einen Punkt.

28/01/2017, der Morgen danach

All die Worte, die ich jetzt aufschreiben würde, die da in meinem Kopf umher wabern, ihren Weg heraus suchen, ihn aber nicht finden, die da chaotisch durcheinander sprudeln, würden der Frau, die ich letzte Nacht geküsst habe, nicht gerecht werden.

03/02/2017, 20:40

Freitagabend, Küchenabend. Eine Woche ist es her. Eine Woche seit ich eine Frau kennen lernte, die mich irgendwie ganz schön umgehauen hat. Zumindest auf eine Art und Weise, von der ich dachte, das könne so schnell niemand mehr. Die ich angesprochen (das erste Mal in meinem Leben, dass ich jemanden ansprach!), geküsst und dann auch getroffen habe. Die ich nicht nur schön, sondern unfassbar interessant finde. Über die ich mehr erfahren möchte, deren Leben und politische Einstellung und Badezimmeraccessoires ich kennen lernen will, mit der ich Limo und Schorle und Bier trinken will. Ich werde auf die Nase fallen. Ich weiß das. Ich wusste es immer, wenn es so war. Aber wer in Gottes Namen sagt mir, dass es sich nicht lohnt?

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18 Antworten

Kommentare

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    Ich bin dein Fan 

    01.04.2017, 22:33 von Jani.worthless
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    "Ich vermisse deinen Halsgeruch am Morgen" ... entfaltet übrigens ein beunruhigendes ausmaß an unfreiwilliger komik ;-)

    15.02.2017, 19:24 von robert_suydam_reloaded
    • 0

      it must have been love, but it's over now; it must have been goodm, but i lost it somehow...

      15.02.2017, 19:36 von EC_Lino
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    <3

    12.02.2017, 14:12 von themagnoliablossom
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    Der Zeitaspekt ist interessant. Lene hier, Lene dort, Lene fort. Neue Lene, nun vielleicht mit h. 

    Anlehnungsbedürftig sind wir alle...
    Warum können wir erst verlassen, wenn wir Neues gefunden? Und wann ist der Moment an dem sie wirklich verschwunden, die "Lene" en question....(wie der Franzose sagen würde).
    Ach ja, und dann fällt mir noch ein: Wir alle, Dr.Schauby und Dr Lapislatzuli, ich, wir sollten uns da eigentlich raushalten, wenn eine Frau eine Frau liebt. Kennen wir uns da aus? Das kann uns nur die Frau sagen...aber vielleicht heißt Emanzipation ja auch, dass nach Männlichkeitsdominanz und Frauenangleichung bald die Gleichschaltung der Geschlechter kommt. Who knows...Und vielleicht ist Frl. kein Frl. oder Lene Frl. selbst....

    12.02.2017, 11:05 von Filousoph
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    Einfach aufgeben.

    12.02.2017, 02:48 von Moogle
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    Nur am Ende wirst du wissen, ob es sich gelohnt hat. Es ist aber besser zu probieren, um später nicht zu jammern. 

    10.02.2017, 22:15 von Hangi
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  • 1

    Probieren geht ueber Studieren. 

    Man weiss  leider erst "danach" ,  ob sich etwas gelohnt hat.  Auch wenn es ein Reinfall war, kann der Weg trotzdem recht spannend und aufkklaerend gewesen sein. 

    gut,  dass es Tagebuecher gibt. ich kaeme sonst vollkommen durcheinander beim Lesen :-)

    09.02.2017, 05:15 von Dr_Lapsus
    • 0

      :-)


      TÜVTÜVTÜV

      :_)

      09.02.2017, 10:09 von EC_Lino
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    Das ist sehr schön geschrieben! Dafür das Herz.

    Für den vielen Alkohol und die Zigaretten gibt's keins. Aber ich kann nachvollziehen, warum du dir den bösen Rausch antust.
    Ich wünsch dir alles Glück, sei aufmerksam und deute richtig. Ach und hör' auf Schauby. ;)

    09.02.2017, 00:40 von Tora
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  • 3

    "als würdest du mich nie wieder loslassen"

    Diese Unverlierbarkeit, "alle Lust will Ewigkeit, will tiefe tiefe Ewigkeit," (Nietzsche)
    diese fiese kindlich klammernde Bedürftigkeit danach, macht die Wahrscheinlichkeit jemand gerade dadurch zu verlieren um so viel größer, als realistisch und erwachsen zu riskieren, dass es passieren und ausgehalten werden kann.


    nur wer allein (besser gesagt auch autonom als Single) bestehen kann, sich nich schrecklich unvollständig und mies fühlt, weil da zuhause niemand wartet, weil er auf sich geworfen wird ohne Hintertür, der hat auch keine Angst von großer Liebe "verschlungen" zu werden. Denn derjenige, der seine Abhängigkeit im andern spürt, wird sie auch wieder abwehren und bekämpfen mit abstrusen, schwachsinnigen Manövern, die Beziehung sabotieren, da sie unweigerlich in Zwänge und Ängste führt. Dafür kann aber der andere nichts.


    "Es lohnt sich", wenn man etwas lernt. Wo Wissen zu Handeln wird, das einen weiter bringt als bisher. Es lohnt sich nicht, wenn man etwas ähnliches ein dutzend Mal wiederholt, in Grün und Blau. weil man nur selbstgerecht dachte gelernt zu haben. 

    09.02.2017, 00:09 von schauby
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    • 1

      Danke, Lino!

      09.02.2017, 09:21 von MaasJan
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    • 0

      Die Kommentare von  Schauby sehen meist aus,  wie ne  Betriebsanleitung fuer  Kommunikationsversager. 


      Und alles rezeptfrei von ihm zu bekommen :-)

      09.02.2017, 12:23 von Dr_Lapsus
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  • 3

    Geil.
    Gestern habe ich mit einem Vollspasten um satte hundert Schluffen gewettet, dass dieser Text heute auf der Startseite steht (ich hätte gern um mehr Asche gespielt, aber der Idiot verfügt nur über überschaubare Vermögen).
    Ab geht's an den Einarmigen Banditen!
    Und mit etwas Sachverstand und Glück reicht's später noch für Whisky, ne Nutte und die obligatorische Schachtel Lollis.

    Danke, Raketenfrau!

    08.02.2017, 15:41 von JackBlack
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