MikeRophon 02.11.2014, 01:47 Uhr 3 2

Die Sohle der Badewanne

„Wo du jetzt wohl steckst?“ geht mir durch den Duschkopf während ich in der Sohle der Badewanne liege.

Kaum betrete ich das Badezimmer, wie zu oft unter der Beobachtung von einigen Hühneraugen, höre ich schon den Wasserhahn krächzend krähen. Mit großer Hoffnung strecke ich mein Gesicht in das Becken und warte auf eine Sinnflut, die endlich sinnvolle Antworten auf die Fragen nach dem „Wieso“ gibt. Doch was ich finde ist die reinste Ebbe - der alte Knabe hat eben auch schon bessere Gezeiten erlebt. Also schau ich resigniert durch meine Klobrille und beobachte den Deckenfluter dabei, wie er den Raum mit Lidschatten überzieht und mit Milchfarben mein Spiegelbild malt. Dabei wirft er mir eine Falte nach der anderen ins Gesicht. So weit ist es gekommen: Jetzt tanzt mir also schon dieses Früchtchen von Glühbirne auf der Nase rum und turnt wie der junge Florian Hambüchen an meinen Augenringen. Seitdem du weg bist, kann ich einem wirklich Leid tun – zum Glück gibt es zumindest noch den Seifenspender, der Barmreinigkeit zeigt und mir eine extra große Portion gibt. Das erinnert mich daran, dass es vor nicht allzu langer Zeit für mich noch wie geschmiert lief, ich hatte sogar meinen eigenen Handtuchhalter angestellt. Wahrscheinlich war ich in jenem Moment auf dem Höhepunkt, als du jeden deiner Luftküsse mit Lippenstift  unterschrieben hast – ich höre heute noch sein Quietschen, wenn du ihn über die Unmengen von Zahnseide geschwungen hast, kostbar und wertvoll. Wie ein Goldgräber arbeitete ich damals am reisenden Strom, kurz vor dem Abfluss, und auch wenn mein einziges Werkzeug ein altes, rostiges Haarsieb war, belohnten mich deine wertvollen Locken am Ende des Tages mehr als nur genügend für die harte Arbeit.

Alles, was ich heute noch schürfe, ist meine brüchige Haut an der rauhen Waschlotion mit Extrapeeling. „Wo du jetzt wohl steckst?“ geht mir durch den Duschkopf während ich in der Sohle der Badewanne liege. Selbst durch meine Kontaktlinsen betrachtet haben wir viel zu lange nicht mehr gesprochen. Also klettre ich über den Wannenrand und bekomm erstmal ordentlich eine mit von diesem verdammten Fußabtreter. Doch ich stütze mich auf den Türstock und rapple mich auf. Wie unter einer Trockenhaube habe ich mein Problem stundenlang ausgetrocknet, durchdacht und bearbeitet. Doch anstatt den Nagel auf den Kopf zu treffen, konnte ich ihn meistens nur mit der Schere kürzer schneiden und die schlimmsten Ecken ein bisschen mit der Feile schleifen.  Also tauche ich meinen Rasierpinsel in deine Wimperntusche und schreibe Dir diese Zeilen auf die letzten Reste Klopapier, glanzlos und zerreisslich. Ich habe nichts mehr zu verlieren und bin unglaublich verletzlich - alles was mir heute noch bleibt ist das bisschen Sonnenschutz, das es im zweiten Schubladen von links draußen im Flur im Sommerschlussverkauf gab. Für dich war es damals kein großes Geschäft und du hast deshalb auch ohne wasserfestes Mascara die Leine gezogen. Doch meine Gefühle waren versteckt im Spülkasten und das, was zwischen uns war, ging den Bach runter. Mein Herz wurde eng, enger noch als die Dichtungsfuge, in der heute zwischen Silikonresten vereinzelt Silberfische schwimmen und Wassertropfen auf weißen und schwarzen Schimmeln reiten. Ich bin schwach; selbst mit dem Gesicht voll eingeschäumt schaffe ich es nicht, mich über meine Rasierklinge springen zu lassen. Und alles was mich vor den Kratzern dieser Welt noch schützt, ist das bisschen Haarlack, das jeden Morgen wie ein Regenschauer auf meinen Kopf prasselt.

Deshalb schreibe ich Dir: Meine Liebe, du bist für mich essentiell, denn wie Essigessenz hast du nach vielen Jahren ohne Pflege den Schimmel von meiner Seele entfernt. Wenn ich ratlos war, kamst du und gabst mir deine Q-Tips. Wenn ich vor Ärger und Sorge überquoll, warst du wie ein Schwamm, der all den Mist aufsog und in das Abwasser spuckte. Deine süßen Worte waren wie ein Microfasertuch, das meine Nerven poliert hat, sanft und sauber. Und wenn ich nichts mehr sehen konnte, weil mir das Leben die Sicht genommen hatte, warst du der Glasreiniger, der für Durchsicht sorgte.  Du warst für mich alles… Und nichts. Denn wenn ich das heiße Duschwasser nach einer Weile wieder herunterregelte und auch den Sonnenrollo im Süden des Badezimmers schloß, lichtete sich immer der Dunst und ich konnte sehen: Leider war das alles nur eine Bada Morgana.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    für jeden Orgas ein mus!

    02.11.2014, 10:20 von SteveStitches
    • 0

      Danke, aber wer oder was ist ein Orgas? :-)

      02.11.2014, 11:05 von MikeRophon
    • 0

      es gibt ganz nette namens Orgas, zum Beispiel bei Facebook, musst du einfach Freundschaft schließen, treffen, Liebe machen oder Kegeln gehen.

      03.11.2014, 00:40 von SteveStitches
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