-waaf 30.11.-0001, 00:00 Uhr 10 32

Die Sicht der Dinge

"In einem Jahr treffen wir uns wieder. Du wirst mich ansehen und keine Gefühle mehr für mich haben. Dann wirst du dich umdrehen und gehen."

Der See. Der Steg. Das Ende. Ein Moment der Illusionen nahm. Dann wurde es Nacht und Tag, viele Wochen lang. Angefangene Briefe, manchmal ein paar Sätze, manchmal ein paar Seiten. Nie vollendet, weil Worte nicht reichten, oder ich sie nicht fand. Ohne roten Faden, ohne klare Botschaft, meist nur ein Spiegelbild der Verwirrung. Der täglichen Sprunghaftigkeit der Gedanken. Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und dann wieder die guten Tage. Die, in denen man ruhig wird und akzeptiert. In denen man sich zwar melancholisch erinnert, aber die stille Verzweiflung fehlt. Die, in denen die Vergangenheit aufhört zu beherrschen und die Gegenwart aufbegehrt und an ihre Existenz erinnert.

Die Monate verfliegen und dann ist auf einmal fast Weihnachten und du stehst da, inmitten der Dunkelheit, inmitten des Neuschnees. Der Mond der sich in deinen Augen spiegelt, der Schnee, der in deinen Haaren glitzert – als hätte jemand detailverliebt eine Kulisse geschaffen um zu dramatisieren. Gefangen in einem Schwebezustand zwischen Gedankenspiel und Wahrheit, gefriert das Bild zur Momentaufnahme.

Naheliegende Sätze verhallen in der Kälte. Du nimmst mich in den Arm und die Ruhe wird bewusst. Es wirkt wie eine Selbstverständlichkeit und auf einmal ist es das auch. Du berührst mein Gesicht und belässt es dabei. Ich weiß, was du mir sagen willst und dass du es nicht tust, weil es jetzt ein Balanceakt ist. Weil du es nicht tust, tue ich es und wie erwartet gibst du nach. Die Worte hängen in der Luft und du sprichst sie aus.

"Wer redet denn auch um drei Uhr nachts."

Du willst gehen und da sein und beides zugleich. Wir laufen ein Stück zusammen und nie war es so absurd wie heute. An der Kreuzung bleibst du stehen und siehst mich an. Es fällt mir schwer deinen Blick zu erwidern, weil ich weiß was du lesen kannst und wie viel. Wir wollten reden und wieder sind da keine Worte. Zu viele Versuche, zu viele gescheitert.

Ich weiß nicht, was wir hier machen, nur dass wir Ausreden suchen. Um uns zu sehen, um uns nicht zu sehen, um zu gehen, um zu bleiben. Ich sage dir, dass ich weiß, was ich will und du wissen musst, was du willst. Du ringst mit dir und nach Worten und ich wünschte du würdest es dir nicht so schwer machen. Weil ich weiß, wie sich das anfühlt und dass es einem nichts nutzt. Du trägst die Last jetzt alleine und das bricht mir das Herz. Die Zeit heilt alle Wunden, hast du beteuert und jetzt scheint es nicht so, als ob sie es tut.

Du spürst mein Zittern und ziehst mich näher. "Dir ist kalt, wir sollten besser gehen." "Es spielt keine Rolle." "Es spielt eine Rolle." Ich weiß, dass du Recht hast und dass du mehr morgen meinst als heute. Bleib heute hier, will ich sagen und fühle mich schlecht dabei. "Wir können auch... aber das wirst du nicht wollen." Ich schließe die Augen und lehne mich gegen dich. "Komm lass uns gehen."

Wir sind in meinem Zimmer und ich muss an die Magie denken und wie sie kam und nicht mehr ging. Federleicht schwebt die Erinnerung durch den Raum und es ist mehr Traum als Lüge. Wir liegen nebeneinander und ich frage mich, in welcher Welt du gerade bist. Du willst wissen, woran ich denke und ich sage an nichts. Wir schweigen und es ist eine andere Stille als früher. Bleierne Schwere als letzte Konsequenz eines Kräftemessens, das längst seinen Sinn verloren hat. Das Wissen, dass du morgen und in allen Nächten die Zukunft sind und nicht Vergangenheit nicht mehr hier sein wirst. Die Hoffnung, dass du, auch wenn du gehst, nie ganz gehen wirst, weil das Band die Fehler überlebt.

Du sagst mir, dass du mir nie absichtlich weh tun würdest und vielleicht ist es jetzt wahr, aber das war es nicht immer. Ich drehe mich auf die Seite und dein Blick forscht zu lange. Du fragst, ob es in Ordnung ist, wenn du bleibst, nur heute. Ich nicke und denke, dass ich die Nacht brauche, um dich gehen zu lassen. In deinen Augen tanzen die Sorgen, von denen ich nie wollte dass du sie dir machst.

„Es ist okay, mach dir keine Gedanken." „Es ist nicht okay und ich mache mir Gedanken."

Ich kann nicht schlafen und wünschte wir wären bei dir und ich hätte noch ein Zuhause. Gefangen in der Beklommenheit beobachte ich manchmal dich, manchmal die Dunkelheit und wie sie sich im Laufe der Nacht verändert. Die Traurigkeit schleicht sich langsam an und in ihrem Schatten unbemerkt die Einsamkeit. Es ist ein Abschied und ich frage mich, ob dieser nicht zu lange dauert.

Die Nacht dehnt sich aus und du öffnest die Augen erst als sie vorbei ist. Der Schleier der Schuld ist unverkennbar und viel zu vertraut. Ich will dir sagen, dass es nicht dein Fehler ist, oder zumindest nicht nur. Manchmal muss man Entscheidungen treffen und vielleicht ist das die Schwerste.

"In einem Jahr treffen wir uns wieder. Du wirst mich ansehen und keine Gefühle mehr für mich haben."

Du sagst das mehr zu dir als zu mir und vergisst, dass nur du dich so siehst und nicht ich. Ich will dir sagen, dass ich denke, dass die Welt nicht nur schwarz weiß, sondern manchmal ziemlich grau sein kann. Doch für dich ist sie schwarz weiß und du bist schwarz.

Du fragst mich, ob du bleiben sollst und ich schüttele den Kopf. Das Chaos muss jetzt jeder für sich ordnen und das wird Zeit brauchen. Vielleicht ist es nicht richtig, dass du gehst, aber gehen musst du trotzdem. 

Als du deine Sachen einsammelst, ziehst du es in die Länge. Die Geschwindigkeit des Schicksals hängt uns ab. Ich frage mich, ob ich dich wohl je wieder sehen werde und wann. Es fällt kein Wort, doch dein Blick ist fragend und bittet um Antwort. Den Widerstand, den du erwartest, kann ich trotz allem nicht leisten. Das was du suchst, wirst du in mir nicht finden. Du verlierst dich im Schnee und ich weiß, dass es nie mehr so sein wird, wie es war. Vielleicht ist es ein Anfang, vielleicht ein Ende.


Tags: Gehen lassen, On and Off, Abschied, verlieren
32

Diesen Text mochten auch

10 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich mag, wie du dieses Bild mit Worten malst. Mir laufen Schauer über den Rücken, die Gänsehaut kribbelt überall. Es ist das hässliche Gefühl das entsteht wenn dir bewusst wird, dass die Ungewissheit bleibt.

    23.12.2015, 15:04 von Alex.Regensdorff
    • Kommentar schreiben
  • 0

    So schön 

    01.12.2015, 23:44 von redlipstick
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Danke für den Hinweis. Was Kommasetzung betrifft, war ich leider schon immer eine Niete. Aber ich werde in Zukunft versuchen, mehr darauf zu achten. :)

      25.10.2015, 12:47 von -waaf
  • 0

    Dein text berührt mich wahnsinnig ! Danke dafür !

    21.10.2015, 22:58 von suche_AUSZEIT
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ein sehr berührender Text mit so vielen persönlichen Lieblingsstellen. Grandios geschrieben!


    "...,weil das Band die Fehler überlebt"

    28.09.2015, 00:32 von chalinka
    • 0

      Vielen Dank! :)

      28.09.2015, 13:09 von -waaf
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Was für ein wundervoller Text! <3

    23.09.2015, 09:53 von san_diego
    • Kommentar schreiben
  • 0

    genau das durchlebe ich gerade...
    danke, für diese wunderschönen worte!

    22.09.2015, 12:14 von gluecksschatten
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare