quatzat 13.05.2008, 16:55 Uhr 9 10

Die Schwermut

Sogar bei Stimmungen achtet er auf die Taille, denke ich und versuche meine Misgunst abzuwehren.

"Nirgendwohin kann ich gehen, ohne daß sie auch da ist!" Ich schlürfe meinen Latte Macchiatto durch einen dieser komischen Löffelstrohhalme. "Kaum verlasse ich das Haus - inzwischen heimlich - zwängt sie sich durch das Fenster, rollt wie ein fettiger Sack über das Fenstersims und klatscht auf dem Gehweg auf." Heimlich werfe ich einen Blick über die Schulter. Am Tisch neben mir und Heinrich sitzt die Schwermut und schaut gelangweilt zwei Tauben beim Liebesspiel zu.
"Das gemeinste ist, daß sie noch nichtmal irgendwie Interesse an mir zu haben scheint und mich trotzdem auf Schritt und Tritt verfolgt." Heinrich nickt verständnisvoll und schielt zu der Schwermut hinüber. "Besonders dünn ist die aber nicht!", meint er. Sogar bei Stimmungen achtet er auf die Taille, denke ich und versuche, die Misgunst abzuwehren, die hinter Heinrichs Rücken auftaucht.
Die Schwermut dreht ihren Kopf langsam in meine Richtung und schaut zu uns herüber. Ich blicke schnell weg. "Sie steht auf.", meint Heinrich. "Kommt sie her?" Die Schwermut schlurft an unseren Tisch und setzt sich ungefragt zu uns. "Was soll das denn jetzt.", keife ich los und Heinrich setzt sich angewidert ein wenig von ihr weg. Die Schwermut schaut mich mit ihren großen, traurigen Augen an. "So traurig, sooo traurig...", sabbert sie vor sich hin.
"Das fing alles an, als Pia mich verlassen hat...", maule ich Richtung Heinrich, während die Schwermut bei Erwähnung dieses Namens den Kopf noch ein Stückchen tiefer hängen läßt. Ihr entfährt ein Furz. Oder etwas ähnliches. Ich muß seufzen.
Heinrich sieht mich teilnahmsvoll an. "Das ist aber jetzt schon eine ganze Weile her.", meint er. Ja, denke ich, und die dicke Wurst ist immer noch an mir dran. "Und wenn wir sie einfach an einer Autobahnraststätte aussetzen...", schlägt Heinrich vor. Die Schwermut grunzt empört in die Runde. "Das letzte mal hat es doch auch nicht geklappt. Dabei ist der Fernsehturm über fünfzig Meter hoch!", erinnere ich Heinrich an letzten Sonntag. Wir waren alle ziemlich angetrunken und da packten wir die Gelegenheit beim Schopfe. Die Schwermut war mindestens so besoffen wie ich und in diesem Zustand brauchte man nur ihren fettigen Schwerpunkt über das Geländer zu hieven. Am nächsten Morgen saß sie aber wieder mit am Frühstückstisch.
Könnte die Schwermut kichern, täte sie es sicher bei dem Gedanken an mein ungemein blödes Gesicht, als sie morgens mit der Kaffeekanne in der triefigen Pfote durch meine Tür kam. Aber sie sitzt da wie immer. Weint ein bißchen, guckt traurig und hat ständig ein komisches Gefühl im Magen.
Heinrich steht auf. "Ich muß jetzt mal gehen.", sagt er nicht ohne einen merkwürdigen Seitenblick auf die Schwermut, die gerade versucht mit dem Löffelstrohalm einen Marienkäfer zu zerdrücken. "Wir sehen uns dann morgen." Ich nicke und wende mich resignierend der Schwermut zu. Wann bist du endlich weg, denke ich. Wie lange muß ich dich noch ertragen. Der Marienkäfer gibt knackend auf. Die Schwermut hebt den Kopf und sieht mich tränenüberströmt an. "Wann bist du endlich weg?", fragt sie.

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9 Antworten

Kommentare

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    Herrlich!

    22.10.2012, 21:49 von Hildegardt
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    Hey, wieso ist die jetzt bei mir zu Gast?!

    Top Stil mit der Personifizierung und so...:)

    28.06.2009, 20:43 von lostinthoughts
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    Hach, schön...

    13.05.2008, 19:51 von sailor
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    der schreibstil ist iwie ein kontrast zur schwermut.
    topgeil!

    13.05.2008, 18:25 von kekskrumen
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    ja, ich finde den text auch super

    13.05.2008, 17:58 von pocci
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    verwirrend depriemierend.
    aber sehr gut

    13.05.2008, 17:33 von grinchy
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    Unmöglich, so ein anhängliches Verhalten.
    Wie wärs mit ner Anzeigen wegen Stalkings?

    Vielleicht wirst Du sie ja damit los.
    ;)

    13.05.2008, 17:29 von ssanni
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