nic.is.listen 21.05.2012, 19:56 Uhr 6 18

Die Schwelle

Und wie sehr hat er es geliebt, wenn der Tag ihnen gehörte, sich an sie zu schmiegen und mit diesem Bild noch einmal einzuschlafen.

Sie sagen, er könne jetzt zu ihr. Ängstlich blickt er sie an und öffnet die weiße Tür. Ein Schritt über die Schwelle und er findet sich in einem mit Ruhe gefüllten Raum wieder. Vorsichtig schließt er die Tür. Die Hektik ist draußen geblieben. Er durchquerte unbemerkt eine unsichtbare Wand, die allen Trubel, jedes kleinste Geräusche davon abhält dieses Zimmer zu betreten. Selbst er scheint keinen Ton mehr zu verursachen. So steht er da. Stumm und benommen.

Gedämpftes Licht. Still und warm. Ein weißer Schrank steht an der Wand, eine einzelne Blume liegt wie erschossen auf dem schlichten Nachttisch neben dem Bett. Kein Licht dringt mehr durch die halbgeöffneten Fenster. Nur eine Brise, die den letzten Duft von Sonne und Gras mit sich trägt schleicht sich hinein und lässt die müden Vorhänge tanzen. Die Nacht ist schwarz.

Alles im warmen Licht. So auch sie. Als gehört sie schon zu diesem Raum. Er schreitet langsam zum Stuhl. Der Weg scheint kilometerweit. Jeder Schritt lässt ihn mehr von ihr sehen. Ihr Körper ist bis zu ihrem Hals mit einer dicken, weißen Decke bedeckt. Nur ihr Kopf liegt auf einem großen Kissen. Ihre welligen Haare wurden zu einem Zopf gebunden und nur eine   Strähne konnte sich freikämpfen und sich quer über ihre linke Augenbraue fallen lassen.

Er setzt sich.

Ihre Augen sind geschlossen und ihr Mund ist leicht geöffnet. Er schaut sie an. Kein Muks. Er sitzt da, sieht sie an und sein verträumter Kopf neigt sich langsam etwas zur Seite. Er muss lächeln, als er daran denkt, wie oft er sie schon so gesehen hat. Fast jeden Morgen, bevor er aufstehen musste, hat er sich noch ein letztes Mal zu ihr gedreht und sie einfach nur angeschaut. Sie und ihre Träume. Und wie sehr hat er es geliebt, wenn der Tag ihnen gehörte, sich an sie zu schmiegen und mit diesem Bild noch einmal einzuschlafen. Und die Zeit stand still.

Er schreckt auf, als er bemerkt, dass sein Hemd feucht ist. Leise sprangen Tränen aus seinen Augen und fielen lautlos auf den Stoff. Sie kneift leicht ihre Augen zusammen, dann öffnen sich ihre Lider langsam und ein kleines Lächeln bildet sich auf ihrem Gesicht, als sie sieht, wer neben ihr sitzt. Er versucht sich zu fassen. So sagt er mit brüchiger Stimme Meine Hübsche und beugt sich zu ihr. Seine Tränen wollen nicht aufhören seine Kleider zu nässen. Seine Augen schreien vor Angst und Tatendrang, doch sie lächelt ihn nur an und aus der dicken Decke erscheint ihre Hand, legt sich seicht auf sein Ohr. Warm und sanft. Er hält sie fest mit beiden Händen und küsst sie tränennass. Er schluchzt.

Ihr Blick liegt gelassen auf ihm, während er verzweifelt ihre Hand umklammert. Sie, die Starke, Er, der Ihre. Tränen werden zu salzigen Bächen.

Es war schön, oder? flüstert sie. Er zuckt und steht so schnell auf, dass er den Stuhl umwirft. Wie magnetisch angezogen, zieht es ihn zum Bett und er legt seine Hände an ihre Wangen. Ihre Blicke tauchen in die Tiefen des anderen ein. Dann legt er seinen Kopf an ihr Ohr, riecht ihren Duft und flüstert Es war schön, meine Hübsche. Es war schön.

Sie drückt ihn an sich und lächelt zufrieden. Schließt ihre Augen. Dann küsst sie seinen Nacken und hält ihn in der Umarmung während er sein Gesicht in ihren Hals vergräbt.

Und so lächelt sie, streichelt durch seine Haare und wird müde. Immer müder.

Und so weint er, fühlt ihre Wange und wird lauter. Immer lauter.

Kein Laut.

Die Zeit steht still.

Und langsam naht die Ruhe und füllt auch sie.

So geht sie. Er bei ihr. Sie immer bei ihm. Es war schön.


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6 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Traurig und wunderschön.

    30.03.2014, 15:19 von sophy_seeks_freedom
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    sher schön traurig.

    18.12.2013, 13:31 von hide
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  • 1

    sehr schön geschrieben, jetzt interessiert mich natürlich aber auch der rest der geschichte !

    22.09.2013, 22:50 von WonderWoman.
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Und die Zeit stand still.
    Sehr gefühlvoller Text. Auch mutig. Gefällt.

    15.08.2012, 05:08 von Jackie_Grey
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  • 1

    Tränen auch in meinen Augen... Mitreißend geschrieben, wunderbar.

    15.08.2012, 02:07 von konfetti&champagner
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