Chestnut 05.01.2013, 21:48 Uhr 21 63

Die Schlafende

Er geht...

Wie oft hatte er sie schon betrachtet, während sie schlief? Wie oft hatte er ihr schon beim Träumen zugesehen? Wenn sie in seinen Armen eingeschlafen war und er noch lange wachlag, wenn er morgens aufgestanden war und sie noch schlief, wenn sie im Auto vom Schlaf übermannt wurde.

Oft hatte er sie dann eine Weile betrachtet,wie ein besonders detailreiches Kunstwerk, dass man in einem Museum für sich entdeckt und das einen nicht mehr loslässt, das man ausgiebig studiert und das man vom vielen Ansehen so gut kennt, dass man es jederzeit und überall gedanklich aufrufen und von Neuem ansehen, jedes Detail akribisch ausleuchten kann.

Er wachte auf und spürte den Schmerz in seinem Herzen pulsieren. Er betete, sie möge noch schlafen.

Bitte, wach nicht auf...

Vorsichtig und leise stand er auf, ging ins Bad, zog sich an. Es war alles vorbereitet. Er trat ans Bett. Dort lag sie, auf der Seite, ihre zarten, nackten Arme neben sich gelegt, die eine Handfläche nach oben geöffnet, ihre schutzlosen Handgelenke preisgegeben, den ersten Sonnenstrahlen des Tages ausgeliefert, die kleine Kreise auf ihre Haut malten. Licht tanzte auf ihren Schultern, auf ihrem Gesicht. Er wollte sie ganz in sich aufnehmen, so, wie sie jetzt war, jung, schön, rein und vollkommen. Die langen Wimpern, die ihre Augen vor der Welt schützten. Das weiche Haar, das ihr Gesicht halb verdeckte und ihn stets reizte, es zu berühren und damit zu spielen. Er trat an das Bett und kniete sich hin. Sanft strich er ihr das Haar zur Seite und die Wärme ihrer Wangen lockte ihn, lud ihn ein, sich wieder hinzulegen, sich an ihren Körper zu schmiegen,zu träumen und sie zu halten.

Aber er würde sie nicht für immer halten können. Sie war wie ein junger Vogel. Mochte sie ihn auch lieben, eines Tages würde es sie vielleicht reizen, zu fliegen, dorthin, wohin er ihr nicht folgen konnte. Er schloss die Augen und lauschte ihrem gleichmäßigen Atem. Er hatte schon früher gehen wollen. Er hatte die Nacht als gute Zeit gewählt,zu gehen. Aber dann hatte er sich vorgestellt, sie würde nachts aufwachen, nach ihm tasten, warten, ihn rufen, suchen, und so war es, als wäre er nur zu früh aufgebrochen. Sie würde so lange unbeschwert sein können, wie es möglich war. Erst am Abend, wenn die Nacht sich um die Stadt schloss, würde sie merken, dass etwas nicht stimmte, das etwas nicht so war wie immer.

Er legte seine Hände auf ihre, er berührte sie ein letztes Mal. Wenn sie jetzt aufwachen würde, mit einem Lächeln auf den Lippen, wäre dies dann ein Zeichen? Sie wachte nicht auf. Er sah sich um. An diesen Wänden klebten Erinnerungen, Erinnerungen an Streit und Versprechen, an Nächte und Tage, an Visionen und Träume, an gemeinsames Lachen, an Sorgen, an gute und an schlechte Momente. Hier hatte das Glück gewohnt.

Sie bewegte sich. Sie wimmerte. Dann war es wieder still und sie lag ganz reglos.

Er kannte ihr schmerzvolles Wimmern, wenn ihr etwas wehtat, ihr Wimmern, wenn sie weinte und schluchzte und ihr lustvolles Wimmern. Dieses war ihm neu. Vielleicht war es ein Abschied.

Er hatte Angst, wenn er sie jetzt verließe, würde sein Herz vielleicht aufhören zu schlagen, einfach so. Traurigkeit legte sich schwer auf seine Seele, haftete an ihm wie ein nasses Kleidungsstück.

Er zwang sich, aufzustehen, nahm seine beiden Taschen und trat zurück. Sein letzter Blick.

Er ließ sein Leben zurück. Sie war sein Leben.

„Ich verspreche dir“, flüsterte er, „ ich werde niemals aufhören von dir zu träumen.“

Und er ging.

Er trat aus der Tür, er verließ die Wohnung, das Haus, die Stadt und spürte dabei sein Innerstes zerbersten, explodieren, sterben.

Er ließ Wärme, Vertrauen, Liebe und Hoffnung zurück.

Und trotzdem war dies alles nicht mehr da, als sie erwachte...

63

Diesen Text mochten auch

21 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Es ist so traurig und so schön zugleich.unglaublich.

    17.01.2013, 23:32 von MorenitaCathy
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Bricht einem ein bisschen das Herz. Wundervoll. Geht tief.

    17.01.2013, 10:51 von MagiaLuces
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wundertraurigelig schön. Der letzte Satz haut einen noch mal um, wenn man denkt, mehr geht da jetzt echt nicht...Ich will auch so schreiben.

    09.01.2013, 17:18 von FrauLiebestrunken
    • 1

      Wundermettigelig. <3

      09.01.2013, 18:03 von Aleksa_P.
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Oh gott oh man... man sollte auf Neon nicht so viele Dinge finden, die einem das Herz noch schön-schwerer machen. Toll!

    08.01.2013, 17:38 von BlondBlauBloed
    • Kommentar schreiben
  • 1

    gute Text. Finde es aber sehr gefählich im Auto vom Schlaf übermannt zu werden.

    08.01.2013, 00:25 von Premiumgirl
    • 0

      es schläft doch nur die Beifahrerin!

      08.01.2013, 17:00 von belly-button
    • 0

      hä eecht?! wo sagt er das (dass sie beifahrerin ist)?

      08.01.2013, 18:33 von nnoaa
    • 0

      mh ja ok du hast recht, hab ich einfach so verstanden... ^^

      30.01.2013, 15:21 von belly-button
    • Kommentar schreiben
  • 2

    traurig, aber wundervoll geschrieben!

    07.01.2013, 23:28 von LenaRennt
    • Kommentar schreiben
  • 2

    ... ob sie es jemals verstehen wird? 

    07.01.2013, 21:41 von pipmatz
    • Kommentar schreiben
  • 3

    schöner text, aber mir ist absolut nicht klar geworden, warum er gegangen ist bzw. dachte, dass die beziehung nicht funktioniert obwohl sie sich offenbar so lieben? ich war irgendwann so weit zu glauben, der altersunterschied müsse so enorm sein, dass er einen trennungsgrund darstellt =D

    07.01.2013, 20:46 von MissesBiscuit
    • Kommentar schreiben
  • 4

    Aber er würde sie nicht für immer
    halten können
    . Sie war wie ein junger Vogel. Mochte sie ihn auch
    lieben, eines Tages würde es sie vielleicht reizen, zu fliegen,
    dorthin, wohin er ihr nicht folgen konnte.
    Ich befürchtete während des Lesens, dass er diese zarte Schöne (das detailreiche Kunstwerk) killen könnte, damit sie immer so schön u. jung bleibt und niemals erwachsen werden kann u. am Ende ihm noch fort fliegt.

    07.01.2013, 19:15 von Jackie_Grey
    • 0

      Verdammte Chauvis...

      17.01.2013, 11:05 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 1

    jetzt bin ich müde.

    07.01.2013, 19:11 von Gnat
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2
  • Durchs Wochenende mit Lena Steeg

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Textredakteurin Lena Steeg.

  • Platzverweis

    Um den perfekten Kinositzplatz wird gestritten, seit es das Kino gibt. Das ist jetzt vorbei. Die Tipps aus dem August-Heft nun auch im Blog.

  • Links der Woche #25

    diesmal u.a. mit den Kid-Emmy-Awards 2014, einem Podcast zum Einschlafen und Hunden, die ihre Herrchen drücken.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare