chelena 24.07.2008, 11:48 Uhr 13 18

Die Ruhe nach dem Sturm

Das Schlimmste ist an sich schon vorbei.

Der Wecker klingelt. Ich hasse ihn. Es ist nicht so, dass er mich geweckt hat. Dafür hätte ich schließlich schlafen müssen. Ich hasse ihn vielmehr dafür, dass er diesen Tag real werden lässt. Noch vor ein paar Sekunden konnte ich die Stille ignorieren, weil offiziell noch Nacht war. Ich konnte einfach so tun, als wäre es nicht dieser Tag, sondern irgendein anderer, vielleicht noch gestern oder schon morgen. Aber nicht heute.
Ich habe nichts gegen Samstage. Im Gegenteil – eigentlich liebe ich sie. Sind sie doch der schönere Teil des Wochenendes, der, and dem man nicht denkt „Oh nein, morgen muss ich wieder arbeiten“.
Aber heute ist der 27. Nie wieder wird dieses Datum einfach nur eins unter vielen sein. „Der schönste Tag im Leben“. Ein bitteres Lachen steigt in mir auf, würgt mich und stürzt mit einem Schluchzen ins Freie.
Ich drücke meinen Kopf ins Kissen, um die Tränen zu trocknen. Doch es sind keine da. Ich hätte es wissen sollen. Schon seit ein paar Tagen sind sie versiegt und lassen meiner Trauer keinen Weg mehr nach draußen.

Das Schlimmste ist an sich schon vorbei.
Die Anrufe bei der Kirche, beim Standesamt und bei den Gästen – das haben alles meine Eltern und Freunde erledigt. Taktvoll haben sie vereinzelt eingetroffene Karten von übereifrigen Gratulanten verschwinden lassen und unvorsichtige Bemerkungen mit mahnenden Blicken und zahlreichen Fußtritten unter diversen Tischen gestraft.

Letzte Woche waren seine Eltern und sein Bruder da, um seine Sachen zu holen. Verlegenes Gemurmel, betretene Blicke, eine halbe Umarmung zum Abschied. Mehr war nicht übrig von der herzlichen, wortreichen Familie, deren Teil ich heute hätte werden sollen. Klar, ich hab mich auch nicht gerade super verhalten, habe sie in die Wohnung gelassen und mich apathisch aufs Sofa gelegt, bis sie fertig waren mit packen. Aber hätte ich ihnen auch noch helfen sollen? Ich glaube nicht. Sie können froh sein, dass ich gerade eine Tablette genommen hatte, die mich zu müde machte, um in Wein- oder Wutanfälle auszubrechen. Natürlich können sie nichts für das, was passiert ist. Trotzdem hasse ich sie. Sie wussten es vor mir, wahrscheinlich schon viel länger. Und doch haben sie nichts gesagt, haben sich nicht merkwürdig verhalten. Selbst im Nachhinein kann ich keine Situation ausmachen, in der mir hätte auffallen müssen, dass etwas nicht stimmt.

Es war alles normal, so schön wie immer, und nahezu perfekt, seit wir die gemeinsame Wohnung hatten. Seitdem waren wir nur noch maximal zwei Nächte pro Woche getrennt, immer dann, wenn er einen Auftritt hatte oder beim Proben mit der Band versackt war. Den Spaß habe ich ihm gelassen. Wieso denn auch nicht? Ich mochte die Jungs, war aber immer ganz froh, wenn sie nicht bei uns herumsaßen. Zu oft haben sie mich vom Lernen abgehalten, es war immer laut und lustig, doch so kurz vor meinem Examen konnte ich es mir eigentlich nicht erlauben.
In einer dieser Nächte ist es dann passiert… Oh, ich merke, meine Naivität kennt wieder keine Grenzen… Es wird wohl kaum nur eine Nacht gewesen sein. Auch wenn es immer so schön heißt: „Ein Schuss – ein Treffer“.

Dass es nicht er war, der es mir beichtete, dass er seinen besten Freund schickte, der vor lauter Verlegenheit und Scham nicht wusste, wie er sich verhalten sollte, dass er tagelang und bis auf eine Ausnahme bis heute nicht auf meine Nachrichten und Anrufe reagierte – all das passt so wenig zu dem offenen, ehrlichen und direkten Mann, den ich so sehr geliebt habe. Den ich immer noch liebe. Denn Gefühle hören nicht von heute auf morgen auf, nur weil sie verletzt wurden. Ich wünschte, sie täten es, denn dann wären die letzten drei Wochen vielleicht nicht so schlimm gewesen.
Ein einziges Mal haben wir uns seitdem gesehen. Oder besser gesagt, er mich. Als er den Schlüssel brachte und mich bei einer Freundin vermutete, da ich nicht geöffnet hatte. Ich bin mir sicher, dass ich mich erinnere, dass er da war. Und doch würde ich nicht darauf schwören. Mein in Watte gepackter Kopf war so schön leer an dem Abend, Wut und Trauer gönnten mir eine Atempause, und ich dämmerte Stunde um Stunde vor mich hin, dankbar für die kleinen weißen Pillen, die so unscheinbar aussahen und mir das Leben doch so erleichterten. Wenn schlafen schon nicht möglich war, so wollte ich wenigstens nichts fühlen. Und das tat ich offensichtlich nicht, als er hereinkam. Denn sonst, so vermute ich, hätte er die Wohnung nicht mehr lebend verlassen. Was er aber ungehindert tat.
Ich überlege immer noch, ob ich ihm die Rechnung des Notarztes schicke, der die Tür aufbrechen musste. Er selbst war nicht einmal geblieben, bis der Arzt kam, und es wäre auch gar nicht nötig gewesen, ihn zu rufen. Er sollte mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich mich nicht umbringen würde. Augenscheinlich ein Zeichen dafür, wie sehr er sich schon von mir entfernt hatte.

Der Wecker klingelt ein zweites Mal. Blöde Snooze-Funktion. Wer die erfunden hat, steht wohl darauf, Menschen zu quälen. Nichts wird besser dadurch. Man muss ja ohnehin aufstehen. Auch ich. Obwohl ich heute wirklich keinen einzigen guten Grund dafür finden kann. Wenn ich wenigstens lernen müsste. Aber die Examensklausuren, die letzte Woche gewesen wären, habe ich geschmissen. Es wäre nicht gegangen. Nun habe ich ein halbes Jahr Zeit bis zum nächsten Durchgang.
Ich wünschte, dieses wäre nur eine Parallel-Welt, ein böser Abklatsch von der wirklichen. Aber das alles ist real. Es ist passiert, nicht rückgängig zu machen und eigentlich auch nicht erklärungsbedürftig. Auch wenn ich noch so viele Fragen habe.
Ich verstehe, was geschehen ist. Nach den ersten Tagen der Verdrängung habe ich es realisiert. Eine andere ist schwanger von dem Mann, der der Vater meiner Kinder werden sollte. Sie hat ihm augenblicklich jeden Kontakt zu mir untersagt, wie ich von seinem besten Freund erfuhr. Wie schwach ist dieser Mann, der mir immer so stark vorkam, dass er sich etwas verbieten lässt? Noch dazu von dieser Frau, die er schon länger kennt, und von der er mir immer erzählt hat, wie verzweifelt sie sich an ihn heran macht und wie sehr ihn das nervt… Ich kenne sie, habe sie letzten Sommer bei einigen Gelegenheiten gesehen, empfand sie nicht als Gefahr, nur als etwas lästig. Ich bin nicht eingebildet, aber sie konnte mir nicht das Wasser reichen.

Ja, was geschehen ist, verstehe ich. Aber wieso? Wie konnte das passieren? Rein technisch ist es klar. Doch was waren seine Gründe? War ich ihm zu langweilig? Hat er mich nicht mehr geliebt? Hatte er Angst vor der ewigen Treue, die er mir versprechen wollte?

Ich ahne, dass er mir diese Fragen niemals beantworten wird. Mit dem einzigen Anruf in den vergangenen drei Wochen hat er mir klar gemacht, dass wir keinen Kontakt mehr haben werden. Um wieder leben zu können, muss ich wohl selber Antworten finden.
Ich stehe auf, schaue an mir herunter und bin verwirrt. Wie kann es sein, dass ich stehe, obwohl mir doch der Boden unter den Füßen fehlt?

18

Diesen Text mochten auch

13 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    "Wer weiß, wofür es gut war.", pflegt meine Mutter immer zu sagen, wenn irgendein Mist passiert.

    Anfangs fand ich das echt doof, denn es hilft keinen Schritt weiter, wenn man down ist. Aber sie hat Recht. Hinterher merkt man, dass sie Recht hat.

    10.08.2008, 10:49 von Songline
    • Kommentar schreiben
  • 0

    einfach so überlebt?
    nicht einmal ein brief mit holzwürmern, weil er die post immer auf der antiken kommode liegen hat?

    wie macht man das?

    05.08.2008, 08:15 von zuckerpuppe
    • 0

      @zuckerpuppe na ja, "einfach so überlebt" würde ich nicht sagen. es hat lange gedauert, und ich hab lange nicht verstanden, wie alles einfach ganz normal so weitergehen kann.
      hmm, und vier jahre später liegt immer noch ne kleine voodoo-puppe an sein zeug gepinnt in meinem schrank. klingt komisch, hat aber bissl geholfen...

      05.08.2008, 09:44 von chelena
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Das war also das Ende der großen Liebe?! Tragisch aber nichts im Leben geschieht ohne Grund...

    04.08.2008, 09:06 von crazydevil
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schön!
    ich war und bin vielleicht noch ein bißchen in einer ähnlichen Situation
    "Ich stehe auf, schaue an mir herunter und bin verwirrt. Wie kann es sein, dass ich stehe, obwohl mir doch der Boden unter den Füßen fehlt?"
    das Gefühl kenne ich, aber ich hätte es nie so schön ausdrücken können!
    Toll geschrieben!

    03.08.2008, 21:08 von legal_alien
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Am Ende ist mir ehrlich nochmal der Atem gestockt. Unglaub toller, aber trauriger Text

    03.08.2008, 20:38 von Quidditch
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    beide texte sind toll
    sind beide authentisch?

    25.07.2008, 11:24 von Zuendy
    • 0

      @Zuendy ja, beide texte sind authentisch. dieser liegt zum glück schon einige jahre zurück... :)

      27.07.2008, 20:50 von chelena
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Karma is a bitch.

    abwarten.
    jeder bekommt die rechnung.
    am ende.

    und dann sitzt du in der ecke und lächelst.

    es geht vorbei und das ist eine sache, die ich sogar verspreche.
    viel kraft und denk immer daran:

    "wer zum regenbogen will, muss den regen abwarten!"

    25.07.2008, 10:10 von laala
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare