Risa1208 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 0

Die Rettung

Ich nehme die Pistole in beide Hände und ziele ins Schwarz. "Was willst du?! Was mache ich hier?!", frage ich die Luft um mich herum.

Atemlos renne ich durch die endlosen, dunklen Korridore.
Jeder meiner Schritte hallt durch die steinernen Gänge, zerfetzt mein Trommelfell.
Weiter! Weiter!, treibe ich mich an. Meine Beine brennen und wollen nicht mehr, aber an stehen bleiben ist nicht zu denken.
Ich muss laufen, ich muss raus aus diesem Labyrinth. Ich renne schneller und schneller, berühre kaum noch den Boden und plötzlich fliege ich. Bis ich hart bäuchlings auf dem Boden aufschlage. Mit dem Kopf auf dem Boden, will ich mich hoch stemmen und spüre ein Brennen in meinen Händen. Ich starre meine aufgerissenen Handflächen an, begutachte die blutenden Schürfwunden und setze mich auf. Um mich herum ist nichts als Dunkelheit und Gänge und etwas schwarzes, glänzendes liegt dort, wo ich durch den Gang flog.
Ich richte mich auf und gehe langsam auf die Stelle zu.
Was ist das?, denke ich und hebe die Pistole auf. Ich hatte noch nie eine Schusswaffe in der Hand, aber sie ist fühlt sich schwerer als erwartet an.
"Warum liegt hier verdammt nochmal einfach so eine Waffe herum?!", frage ich laut ins Nichts hinein.

"Damit du dich rettest oder dich entscheidest zu sterben."

Erschrocken fahre ich herum, diese Stimme ist allzu vertraut und doch so fremd an diesem totenstillen Ort.
"Alex?!" Meine Stimme klingt brüchig und ähnelt eher einem Flüstern als einem Ruf.
Ich drehe mich um mich selbst und schaue in jede Richtung, aber nichts, niemand ist zu sehen.

"Alex?! Bist du das?" Diesmal hallt meine Stimme laut und bestimmt durch die Gänge.

"Bin ich das?!" antwortet die Stimme von überall.

So langsam merke ich wie Panik in mir aufsteigt und ziehe die Arme an den Körper. Etwas Kaltes, hartes drückt durch das T-shirt an meinen Bauch. Die Pistole!
Ich nehme die Pistole in beide Hände und ziele ins Schwarz.
"Was willst du?! Was mache ich hier?!", frage ich die Luft um mich herum. Nichts in den dunklen Gängen bewegt sich.
"Das habe ich dir bereits gesagt.", erwidert die Stimme nüchtern.
Oben! Ich richte die Waffe über meinen Kopf und drücke ab.
Aber anstatt an der Decke abzuprallen, fliegt die Kugel immer weiter hoch, mitten durch die Decke.
Doch um darüber nachdenken, bekomme ich keine Gelegenheit, denn im nächsten Moment sehe ich nichts mehr.

Weiß. Überall.
Es ist plötzlich hell, viel zu hell.
So als ob jemand einen riesigen Scheinwerfer genau in mein Gesicht dreht.
Ich halte die Waffe schützend mit beiden Händen vor mein Gesicht und meine Augen werden zu Schlitzen, in der Hoffnung etwas erkennen zu können.
Mein Herz rast und meine Gedanken überschlagen sich.
Was mache ich hier?!
Kommt da jemand auf mich zu?! Wie bin ich hier her gekommen?! Was macht Alex verdammt noch mal hier?! Seit der unschönen Trennung vor 2 Jahren, hab ich ihn kaum noch gesehen, geschweige denn halbwegs vernünftig mit ihm geredet.
Und wo zur Hölle bin ich eigentlich?!

All diese Gedanken schießen mir innerhalb dieser blinden Sekunden durch den Kopf bis plötzlich alles wieder Schwarz ist. Ich spüre wie meine Hände schwitzen, verstärke den Griff um die Waffe, doch sehen kann ich nichts davon. Ich schaue an mir runter, aber selbst meinen Körper bleibt unsichtbar. Ich spüre meine schmerzenden Handflächen, das Pochen meines Pulses, den Stein unter meinen Füßen, jede Faser meines Körpers ist in Alarmbereitschaft.

Plötzlich höre ich ein Atmen direkt vor mir. Instinktiv mache ich ein, zwei Schritte zurück und spüre eine Wand in meinem Rücken, wo eigentlich keine sein dürfte. Erschrocken fahr ich herum, taste die kalte, glatte Wand ab. Ein Klicken hinter mir durchbricht unerwartet die Stille und ein kleiner Lichtstrahl durchbricht die Dunkelheit. Erschrocken fahr ich herum, mache 2 Schritte nach vorn, will die Glock auf das unbekannte Ziel richten und stoße so hart mit den Händen gegen eine weitere Wand, dass die Waffe zu Boden fällt.
Das Klirren der Waffe dröhnt ungewöhnlich laut in meinen Ohren, während ich mein panisches Spiegelbild anstarre. Glas!
Das sind Glaswände! Ich drehe mich nach rechts, taste mich vor und stehe wieder vor Glas. Als ich mich umdrehe ist dort noch eine Wand. Ängstlich schaue ich zur Decke und starre mir wieder in die Augen. Noch mehr Glas. Ich sitze in der Falle. Ich sitze buchstäblich im Glashaus fest, nur ohne Tür.

"Wer bist du?", schreie ich, meine Stimme schrill vor Angst. "Warum bin ich hier drin?! Wie komme ich hier rein?! Was willst du von mir?!"
Ich schlage mit den Fäusten gegen die Scheiben, versuche die Decke zu erreichen, sie hoch zudrücken, aber sie bewegt sich keinen Zentimeter.
Nein! Ich sitze wirklich fest.
Ich gleite mit dem Rücken an der Scheibe entlang, bis ich auf dem kalten Steinboden sitzen bleibe und mir mit den Händen fahrig durchs Gesicht gehe.
"Gibst du etwa schon auf?!", fragt Alex Stimme diesmal sich eindeutig in dem Schwarz hinter dem kleinen Licht befindend.
Ich schaue weiterhin zu Boden, trotzig und zu stur um ihm meine Panik sehen zu lassen.
"Was mache ich hier?! Wie bin ich in diesen verdammten Glaskasten gekommen?! Und was um Himmels Willen, machst gerade du hier?
Warum lässt du mich immer noch nicht in Ruhe?!"

Immer mehr Verzweiflung klingt in meiner Stimme mit und mir kam der Gedanke, dass das vielleicht einer meiner letzten sein könnte.

"Ich sagte dir bereits, entscheide dich! Stirb oder lass das hier hinter dir und lebe."
Tolle Antwort. Wie immer. So langsam ist die Angst nur noch zweitrangig und ich merke, wie die Wut von Jahren wieder aufschäumt.
"Da das Glas höchst wahrscheinlich kugelsicher ist, magst du mir doch sicher erklären, wie genau du dir das nun vorgestellt hast, oder Alex?!", den Punkt hinter dem Licht fixierend.
"Erschieß mich", kommt die Antwort prompt direkt vor mir.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils bin ich auf den Beinen, die Waffe auf Armeslänge ausgestreckt, die Augen voller Ungläubigkeit auf Alex gerichtet, der lässig an der Glaswand mir gegenüber lehnt.
"Wie bist du hier rein gekommen?!" Schrill hallt meine Stimme von den Scheiben wieder, alles ist gestochen scharf mit einem Mal und die Anspannung ist förmlich zu spüren.
Alex betrachtet mich nüchtern, schaut auf mich herab und scheint die Situation zu genießen.
Ich kann in dieser Enge seine Wärme spüren, aber die Kälte seiner Augen jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.
Plötzlich ist ein Gurgeln unter uns zu hören und ich sehe wie Wasser zwischen den Steinen hoch blubbert und den Kasten innerhalb eines Augenblicks bis zu meinen Knöcheln füllt.
Alex scheint das alles gar nicht zu interessieren, während in mir Panik und Logik miteinander um die Vorherrschaft kämpfen.
"Antworte!" Meine Stimme halt surreal durch den Glaskasten. Fast ist es so, als könnte ich meine Stimme sehen, wie sie an den Wänden abprallt und in dem engen Raum und dem Wasser hängen bleibt. Aber keinerlei Reaktion von Alex ist zu sehen. Sein Blick ruht auf mir, aber nichts in seinem Gesicht lässt irgendetwas von dem, was in ihm vorgeht, erahnen. So wie immer.
Seufzend schaue ich zu Boden, das Wasser ist bereits an den Knien angekommen, also konzentriere mich auf das einzige, was jetzt noch zählt: "Wie komme ich hier raus, Alex? Was muss ich um nicht mit dir hier zu ertrinken?
Meine Stimme ist ruhiger und nüchterner als ich es erwartet hätte. Die Logik hat anscheinend gewonnen. Ich schaue auf und sehe, dass er lächelt auf diese unverkennbare Weise, wenn er stolz auf mich war. "Das war genau die richtige Frage, aber die Antwort kennst du bereits. Denk nach, Marie!"

Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Erschrocken starre ich die Waffe in meinen Händen an.
„Das kann nicht dein Ernst sein.“ Jetzt starre ich ihn mit offenem Mund an. Anscheinend amüsiert es ihn, denn er fängt an zu lachen. „Das ist nicht witzig, Alex. Selbst wenn ich dich erschieße, werde ich ertrinken. Es ist egal, wie ich mich entscheide.“ Ich schaue ihm direkt in die Augen, unsere Blicke unausweichlich, unsere Mienen ernst. 'Bloß keine Schwäche zeigen' ist das einzige woran ich denken kann, während mein Puls zu laut in meinen Ohren klingt. Doch dann umfängt ein Schmunzeln Alex' Lippen, als er endlich als erster spricht.
„Nein, Marie. Es ist ganz und gar nicht egal, wie du dich entscheidest. Es ist überlebenswichtig. Und ich verspreche dir, du wirst leben, wenn du es willst. Vetraue mir einfach.“
„Nein.“, meine Hose ist inzwischen komplett im Wasser verschwunden, „Ich habe dir vertraut und es bereut. Ich lerne aus Fehlern, Alex.“
„Und trotzdem bist du hier mit mir.“ Sein Blick ruht in meinem, aber diesmal weder herausfordernd noch abwertend. „Unfreiwillig“, antworte ich leise, schlucke den Kloß in meinem Hals herunter und schaue mein Spiegelbild rechts von mir an. Ich bin um einiges kleiner als Alex, weswegen das Wasser mir schon bis zur Taille reicht. Mein Gesicht ist bleich, meine Augen aufgerissen, meine Jacke saugt sich mit kaltem Wasser voll und macht mich noch schwermütiger.
"Bist du dir ganz sicher, dass das der einzige Weg ist, Alex?!", versichere ich mich und schaue ihm direkt in die Augen, unsicher ob ich wütend, traurig oder nüchtern bin.
"Es ist deine einzige Chance.", antwortet er und lächelt mir aufmunternd und verständnisvoll zu. Auch ich muss lächeln, denn ich merke wie die alte Vertrautheit wieder da ist. Die Waffe in der rechten Hand, gehe ich auf ihn zu, entsichere sie, nehme seine Hände und lege sie um meine, die den Lauf nun auf seine Brust richten. Einen Moment lang starre ich stumm auf seine Brust, während das Wasser mir nun bis zum Hals geht.
Ich schaue ein letztes Mal zu ihm hinauf. „Wird alles wieder gut werden, Alex?!“
Sein Blick ruht auf unseren Händen und ich befürchte schon, dass ich wieder keine Antwort bekomme, doch dann wandert seine rechte Hand zu meiner Wange. „Es wird alles wieder gut, Marie. Vertrau mir.“ Das Wasser sprudelt bereits in meine Ohren, als ich das Risiko eingehe.
Während wir uns wie in alten Zeiten wieder lächelnd in die Augen schauen, schließt sich mein rechter Zeigefinger um den Abzug und drückt ab.
Der Schuss zerfetzt mein Trommelfell und das letzte, was ich sehe sind Alex' blaue Augen, ehe ich kerzengerade und schweißgebadet in meinem Bett sitze.

"Es war ein Traum, alles nur ein Traum." Meine Stimme ist panisch, mein Herz rast, meine Hände schwitzen, mein Mund ist trocken und das Adrenalin schießt immer noch durch meinen Körper. Obwohl mein Verstand schon längst begriffen hat, dass ich nicht wirklich geschossen habe, dass ich nicht wirklich fast ertrunken wäre, dass Alex, dass das alles nicht real war.
Und doch fühlt es sich immer noch genauso an, flüstert eine kleine ungeliebte, aber leider vertraute Stimme in meinem Hinterkopf.
In der leeren Wohnung klingt mein Puls surreal laut, während die Bilder mich noch verfolgen. Aber als ich mich endlich zurück ins Bett fallen lassen und an die Decke starre, merke ich, wie eine alte Last von mir gefallen ist, von der ich nicht einmal mehr wusste, dass sie noch da war.
Ich ziehe mir die Decke bis zum Kinn hoch, rolle mich zur Seite und lächle, als mich endlich ein traumloser Schlaf übermannt.


Tags: Rettung, Waffe, Pistole, Vertrauen, retten, sterben, Abschluss finden
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