hib 28.02.2012, 17:26 Uhr 83 56

Die Rechnung, bitte

Das Ende schmeckt nach Pizza und Rotwein.

Jetzt beginnt es, jetzt geht es zu Ende. Wer hätte gedacht, dass es in Giovannis Trattoria passiert.

Ein schweres Schweigen legt sich über uns wie eine gigantische Scheibe italienischer Salami. Du schaust mich an und ich schau dich nicht an und am Ende sitzen wir mal wieder voreinander, ohne dass wir uns wirklich sehen. Früher hast du immer meine Hand genommen, wie um sicherzugehen, dass ich wirklich da bin, warm bin, nicht gehen kann. Aber nicht mal dazu reicht die Kraft jetzt noch. Ich hatte schon immer das Gefühl, du würdest mich nicht richtig hören. Das kommt davon, wenn man streitet und man redet und redet aber kein Wort eindringt in den Stahlbeton des anderen. Du hast oft gesagt, dass ich dich nicht sehen würde, als wäre das, was dich ausmacht, für mich unsichtbar. Du taub, ich blind, das war nicht der Zauber, den man sich vorstellt. Und jetzt sitzen wir hier und keinem fällt etwas ein, das uns retten kann. Stille zwischen uns, endlich. Das Ende ist nie laut, es ist eher wie schreckliche Gänsehaut.

In Speisekarten stehen keine Rezepte, das fällt mir mal wieder auf. In Speisekarten stehen nur fertige Gerichte. Wir beide, wir hätten ein Rezept gebraucht. Aber wir sind jetzt nur noch eine kalte Suppe auf dem Tisch des anderen. Irgendwie ist es auch gut, sagt etwas in mir. Ich darf dich nur nicht anschauen. Ich darf mich nur nicht erinnern, was du mir mal warst. Wie kann das eigentlich sein? Wie kann es sein, dass man sich erst findet, nicht mehr aus den Augen lässt und dann trotzdem verliert? Vielleicht hab ich mich getäuscht. Oder du hast mich getäuscht oder wer weiß schon, ob wir ehrlich zueinander waren, als wir etwas im anderen gesehen haben. Das spielt eigentlich auch keine Rolle jetzt hier, mal ehrlich. Aber ich muss trotzdem daran denken, wie schnell mein Herz mal geschlagen hat nur beim Gedanken an dich. Und wie es sich jetzt windet vor Gram, nur wenn ich daran denke, was wir uns gleich sagen werden. Fast möchte ich dir sagen, dass alles gut wird. Aber dann tue ich es doch nicht.

Der Kellner bringt unsere Drinks. Eigentlich sollte das hier anders laufen. Eigentlich sollte es ein freier Abend sein, leicht verdammt, mit einem Spaziergang am Anfang und Vollrausch im Herzen am Ende. Wir haben es mal wieder versaut, alle beide. Haben uns an den Rand des Scheiterns gebracht und noch ein Stück weiter. Wir sind zu weit gegangen, keine Frage. Prost. Mir fällt auf, das Bier immer schmeckt, selbst wenn sich gerade alles in Luft auflöst. Immerhin eine Sache, die bleibt. Ich sehe dir dabei zu, wie du umständlich einen Schluck Wein trinkst. Du trinkst so wie jemand trinkt, der froh ist, dass sein Mund etwas zu tun hat und nicht sprechen muss. Ich lass dir deine Zeit, das hätte ich schon viel eher tun sollen. Außerdem muss das hier nicht schnell gehen. Es ist okay, wenn wir uns damit Zeit lassen. Immerhin müssen wir morgen nicht früh raus. Absurder Gedanke.

Am Nachbartisch klingelt ein Telefon. Der Telefonist geht ran und spricht mit seiner Mutter das Treffen am nächsten Wochenende ab. Er klingt dabei so genervt, dass wir beide kurz grinsen müssen. Obwohl wir nicht wollen. Das ist ja eine ernste Sache hier, da kann man doch nicht einfach grinsen. Seit sieben Jahren atmen wir dieselbe Luft, leben wir dasselbe Leben, treiben wir im gleichen Strom, haben wir uns gegenseitig alle Geheimnisse abgeluchst. Und jetzt sitzen wir uns nach all der Zeit plötzlich gegenüber und wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Der Kellner will wissen, was wir essen wollen. Ich nehme Pizza, du nimmst Pizza. Es ist albern, aber ich bin kurz stolz auf uns. Ich bin stolz, dass wir es überhaupt so weit geschafft haben. Du nimmst Messer und Gabel und machst den ersten Schnitt.

Während ich kaue muss ich daran denken, wie du mich immer angeschaut hast, als du frisch verliebt warst in mich. Da war so eine Begeisterung in deinen Augen, ich frage mich, was du damals gesehen hast. Und ob es sehr hart war zu erkennen, dass du einen Knick in der Optik hast. Ich meine in „verliebt“ steckt „ver“ drin, genauso wie in verirren, vermasseln, vergraulen, aber auch in verstehen. Das klingt von Anfang an schon irgendwie fehlgeleitet. Oder war ich vielleicht jemand anderes? Und warum zur Hölle mache ich mir eigentlich immer nur Gedanken über mich und so selten darüber, was eigentlich mit dir passiert ist? Auf meiner Pizza fließt das Öl um die Tomatensauce herum in die Krater, die meine Gabel schlägt. Auf meiner Zunge liegt mir das eine oder andere Pfefferkorn. Aber ich schlucke sie herunter.

Die Kerze auf unserem Tisch ist leergebrannt. So ein scheiß Klischee, ich wünschte das Ding wäre einen Meter hoch und würde nichts über uns aussagen. Der Kellner bringt keine neue, weil wir es ihm aber auch nicht sagen. Ich frage mich, was du die ganze Zeit denkst. Manchmal schaust du mich an und schüttelst dann fast unmerklich den Kopf. Seit wir hier sitzen haben wir noch kein Wort gewechselt. Alles was im Moment aus unseren Mündern kommt, ist essbar. Seit du gesagt hast „Wir müssen reden“ haben wir noch keinen Satz heraus gebracht. Alles, was in unseren Köpfen ist, ist furchtbar. Es ist wie beim Pokern, wir beide haben ein Scheißblatt, ich nur ein Paar Vieren, du eine halbe Straße, und keiner will es zugeben. In unseren Mundwinkeln hängt Tomatensauce und auf meinem Schoß stapeln sich die Krümel. Als mein Teller leer ist, ist auch deiner leer, bekomme ich Angst. Wir schauen uns an, du blickst mir in direkt durch die Augen hindurch in meinen Kopf, dann sagst du: „Du hast da Tomatensauce im Bart.“ Dann wischst du mit dem Finger das Rot aus meinem Gesicht. Diese Vertrautheit dringt in mich ein wie ein Messer.

Das war‘s dann also. Der Kellner kommt, ja es hat irgendwie geschmeckt, wir nicken, dann fragt er nach der Rechnung. „Zusammen oder getrennt?“ Wir stimmen uns ab mit einem Blick. „Zwei Rechnungen bitte“, sag ich. „Und noch zwei Grappa.“

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83 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Gut geschrieben. Ich frage mich nur, wie es dazu kommt, sich eine solche Situation antun zu müssen.

    20.09.2012, 11:42 von LudwigMartin
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  • 0

    sehr gut !!!

    20.09.2012, 10:47 von kleinesjulchen
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  • 0

    sooooooo wahr!!!!
    anders und doch gleich!
    super geschrieben, hat mich sehr berührt!!!!

    21.03.2012, 15:23 von FinchenMagLachen
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  • 2

    So wahr dieser Text. 


    Und das hier:
    "Mir fällt auf, das Bier immer schmeckt, selbst wenn sich gerade alles in Luft auflöst. Immerhin eine Sache, die bleibt."
    einfach fantastisch!

    20.03.2012, 11:16 von Little_Devil
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  • 0

    Ich denke, dass ich mich niemals zuvor selbst so deutlich in einer Sitaution gesehen habe wie in diesem Text, ich habe ihn nciht gelesen, ich habe in erlebt und gespürt.....

    Trauriger Weise, muss man es erlebt haben um es spüren zu können....

    02.03.2012, 10:30 von Kaldes
    • 1

      das ist ein schönes und oder trauriges kompliment. danke. 

      02.03.2012, 15:49 von hib
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  • 0

    Wundervoll; großes Kompliment.

    Da muß ich erst einmal eine rauchen gehen.

    01.03.2012, 10:55 von dieKobra
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  • 0

    ich mag deinen text, so wie ich deine texte fast immer mag.

    ich mag das traurige darin, auch wenn es traurig ist.

    und ich mag deinen text, weil er mich nachdenklich macht und weil es manchmal einfach keine erklärung gibt, warum die liebe geht.

    außerdem gefällt mir die wehmut darin, so wie sie -zuminderst für mich- zwischen den zeilen hängt.

    29.02.2012, 13:00 von absolut.space
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  • 0

    unglaublich ergreifend und verängstigend, wenn man nun fast 1 1/2 jahre mit dem gleichen mann zusammen ist und langsam ruhe reinkommt und das erste verliebtsein nachlässt. die geschichte führt einem vor augen, dass es zuende gehen könnte. wollen wir's nicht hoffen.

    29.02.2012, 09:23 von snaty
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  • 0

    Der letzte Abschnitt gefällt mir besonders gut.

    29.02.2012, 09:09 von Tanea
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  • 3

    "Ich meine in „verliebt“ steckt „ver“ drin, genauso wie in verirren, vermasseln, vergraulen, aber auch in verstehen. Das klingt von Anfang an schon irgendwie fehlgeleitet."


    Finde ich gut in den Text eingearbeitet; wie oft ich das schon gedacht habe. Gefällt mir sehr.

    28.02.2012, 22:18 von notenkopf
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Ja, da stimme ich dir auch voll und ganz zu.

      Bei verliebt muss ich auch zu oft an verlaufen denken.

      Und das bringt i wahrsten Sinne des Wortes ja keinen weiter.

      29.02.2012, 17:57 von notenkopf
    • 0

      Vieles, was mit ver- beginnt, passiert einem irgendwie, stößt einem zu, ist nicht gewollt oder beeinflußbar.

      Deswegen heißt es oft, daß das Lieben dem Verlieben folgen muß, wenn etwas Dauerhaftes, Gewolltes daraus werden soll.

      20.09.2012, 11:46 von LudwigMartin
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