Freulein_Taktlos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 18 73

Die Lüge

Dunkelheit umgibt mich…

legt sich um meinen Körper und wiegt mich in vertrautem Schatten. Nur die weit entfernten Lichter der Stadt werfen ihren schüchternen Glanz auf mein blasses Gesicht. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin. Die Zeit verlor in dem Moment, in dem ich mich entschied, an diesem Ort anzuhalten, gänzlich ihre Bedeutung.

Die kühle Nachtluft lässt mich frösteln….

legt einen eisigen Hauch auf meine Wangen und Stirn. Kalt. Kalt und doch angenehm. Kein Grund für mich, weiter zu gehen. Der Abend ist noch nicht sehr alt.

Fußgänger, die mich hier stehen sehen, müssen denken, ich betrachte die funkelnde Skyline. Glauben vielleicht, ich sei romantisch veranlagt oder würde aus Langeweile die eigene Wohnung im Lichtermeer suchen. Woher sollen sie auch wissen, dass mein Blick ins Leere geht? Dass ich mich auf das Durcheinander konzentriere, das in meinem Kopf herrscht?

Ich sortiere.

Lege zurecht.

Ungesagte Worte.

Fehlende Antworten.

Ich formuliere Sätze und stelle mir vor, ich hätte die Möglichkeit, sie Dir ins Gesicht zu sagen.

Ohne Blatt vor dem Mund.

Ohne Wenn und Aber.

Mit Mut.

Ich bin überzeugt, es beim nächsten Mal zu schaffen. Nicht schwach zu werden, Dich anzusehen und Dir zu sagen, dass es so nicht geht.

Dass es auch nicht anders geht.

Dass es nicht gut für mich ist.

Dass Du es nicht bist.

 

Dann, plötzlich, bist Du da.

Legst überraschend Deine Hände von hinten um meine Taille und drückst Dich an mich.

Unerwartet.

Vertraut.

Ich atme langsam aus. Ein „Endlich“ verlässt ungewollt meine Lippen. Wütend auf mich, presse ich sie aufeinander. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein „Endlich“ ist, weil ich nun mit Dir reden kann. Es fühlt sich mehr an wie ein „Endlich bist Du da. Du hast mir gefehlt.“. Verdammt, sei doch stark!Durch meine Jacke spüre ich die Wärme Deines Körpers. Ich möchte mich umdrehen. Und tue es dann doch nicht. Gelähmt schaue ich auf die Stadt, die Umrisse der grauen Gebäude, die Lichter in den entfernten Fenstern.

Fremde Leben.

Andere Probleme.

Ich frage mich, ob ich die ganze Zeit auf Dich gewartet habe. Ob meine Gedanken nur ein Vorwand waren, um mich selbst zu täuschen. Stehen zu bleiben. Hier in Deiner Nähe. Darauf zu hoffen, dass Du kommst und mich findest. Mit Deinem Geruch in der Nase und Deinem Körper so nah an meinem, kommen alle Erinnerungen zurück.

Wie ein Schlag ins Gesicht.

Brutal.

Eine Welle an Emotionen, die in mir tobt und mich beinah in die Knie zwingt. Ich muss insgeheim darüber lachen, tatsächlich geglaubt zu haben, ich könnte dem hier widerstehen.

Uns mit Abstand betrachten.

Objektiv.

Eiskalt.

Ha!

Die Berührung wirft mich aus der Bahn und um Tage zurück. Löscht alle Formulierungen in meinem Kopf. Alles war umsonst. Du legst den Kopf an meinen Nacken.

„Ich … ich… kann nicht…“ schaffe ich noch zu flüstern.

„Dann belüge mich…“. Dein Atem an meinem Ohr.

Es wird mich zerreißen.

Von innen.

Es wird mich zerreißen.

Ganz sicher.

Während Deine Hände zu meinen Beckenknochen wandern, Dein Mund meinen Hals vorsichtig berührt, glaube ich, es nicht über mich bringen zu können. Ist es eine Lüge, wenn beide wissen, dass es nicht stimmt?

Worte können verletzen.

Zerstören.

Alles, was aufgebaut wurde. Alles, was war.

Mich.

Uns.

 

„Ich verschwende keinen einzigen Gedanken an Dich.“, sage ich.

„Seit Du weg bist, ist alles einfacher.“

Die Lüge tut im Herzen weh, reißt Wunden, tief und unheilbar. 

„Du fehlst nicht.“

und jeder Atemzug schmerzt.

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18 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Grossartig!

    Und ich kenne genau das. So gut....

    21.08.2014, 13:39 von Kittykatt
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  • 0

    Deine Zeilenabstände erschweren mir den Lesefluß. Aber ich hab mich dann damit abgefunden. :) 

    20.07.2014, 15:55 von Jana_Off
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  • 1

    die erste hälfte hat mich echt getroffen, dass hat mich so sehr gespiegelt...
    ich bin gespannt auf mein gespräch...ich glaube ich sollte wohl auch gehen...
    danke für den text...

    15.07.2014, 00:02 von FinchenMagLachen
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  • 3

    ....und dann hofft man nur darauf, dass sich die Lüge mit der Zeit zur Wahrheit wandelt...wahr wird.

    14.07.2014, 13:56 von effi2.0
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  • 1

    ...zum mitfühlen gut....

    13.07.2014, 08:37 von Binelladelsol
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  • 1

    Oh Gott ist das gut

    12.07.2014, 17:25 von allesgrasklar
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  • 1

    ganz groß... <3

    12.07.2014, 15:45 von BlackHearty
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  • 1

    Joar.. ich schließe mich dann mal Bender an. Immer noch am greifbarsten für mich, wenn auch nur wieder ein Auszug aus einem Tagebuch. Aber diesmal ein schöner Auszug. 

    12.07.2014, 08:52 von EllenGret
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  • 0

    ich - du
    eene - muh....

    11.07.2014, 21:50 von yuhi
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  • 3

    Die Zerrissenheit ist greifbar. Wäre doch jeder Fühli nur halb so gut, wie der hier.

    11.07.2014, 20:02 von Bender018
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