DASkannNICHTklappen 06.05.2015, 22:58 Uhr 0 1

Die Kreuze auf den Hügeln

So spärlich und dunkelgrün lagen diese Hügel schon immer da in der Landschaft und werden nur von Kreuzen gesäumt.

Der Buchhalter


Das Auto fährt, mehr schlecht als recht, aber es fährt. Wobei, strenggenommen rollt es nur, weil die Kupplung durchgetreten ist und es bergab geht. Wie schon so oft. Es rollt den Hügel hinab ins Tal. Als Berg kann man diese Erhebung wohl nicht bezeichnen, dass wäre zu viel des Guten und würde nur ein Landschaftsbild vortäuschen, welches auch nicht mehr oder weniger Aussagekraft hätte. Der Hügel ist kahl, wie alle Hügel in der Umgebung. Weit und breit sind keine Bäume auszumachen. Wenn, dann nur ihre sterblichen Überreste, die irgendwann, in irgendeinem Sägewerk zu handlichen Holzbrettern zugesägt wurden, um jeweils zwei der Sorte - ein längeres und ein kürzeres - übereinander zu schlagen, sie mit Nägeln zu verbinden, an einem Ende anzuspitzen und letztendlich in die Wiese an den Straßenrand zu hämmern, damit dort hin und wieder eine Kerze in rotem Plastikbecher angezündet werden kann. Doch was wenn einmal eine Kerze durch eine neue ersetzt würde, diese neue Kerze jedoch schief hingestellt, oder zu nah am Kreuz positioniert werden würde? Was wenn eines der Kreuze plötzlich lichterloh brennen würde und die züngelnden Flammen wie Mittelfinger gen Himmel ragen würden? Was dann?

So spärlich und dunkelgrün lagen diese Hügel schon immer da in der Landschaft und werden nur von Kreuzen gesäumt und von Asphalt durchkreuzt. Eine dieser Asphaltadern verläuft also eine dieser Erhebungen hinunter und das Automobil rollt eben diese hinab und an dem Steuer sitzt ein Mann. Der Mann schenkt in dieser kargen Landschaft schon lange nichts mehr seine Aufmerksamkeit, außer dem Geräusch der Räder auf der darunterliegenden Straße, welches ihn immer an das Geräusch erinnert, das die Hausschuhe der Frau – beziehungsweise seiner Frau – im Flur zum Badezimmer machen. Und das jede Nacht um Punkt 3Uhr. Gegebenenfalls fünf Minuten früher, oder später, aber in der Regel immer um Punkt 3Uhr. Er wird schon seit ein paar Jahren regelmäßig um kurz vor 3Uhr wach und wartet nur darauf das sie ihren Körper aus dem Bett erhebt, die Schlappen anzieht und den Gang hinunter zum Bad trottet. Flapp... flapp... flapp. Er denkt dann immer an die Kreuze am Straßenrand, denen er keine Beachtung mehr schenkt. Wieso? Das weiß er nicht. So rollt und rollt er seit einiger Zeit Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr für Jahr von seinem Haus auf dem Hügel ins Tal hinunter zu der Fabrik, in der er als Buchhalter angestellt ist. Und das ist alles was er weiß, alles was es zu wissen gibt, alles was zu erfahren ist, alles was von Belang ist, alles was nichtig ist, alles was alles, was alles, was alles nicht zu ändern ist.

Das Haus in dem er wohnt liegt direkt an der Steilküste eines Meeres, weswegen alle Autos so alt sind, dass sie nur noch von dem Rost zusammengehalten werden. Auch wenn sie noch gar nicht alt sind, sehen sie alt aus und werden älter und älter und sehen älter aus und werden älter und rostiger und werden nur von dem Rost zusammengehalten und werden älter und sterben. Der Wagen des Mannes ist ein grüner Kombi. Das Grün hat der Mann beim Kauf des Wagens gewählt, weil er meinte das es zu der Landschaft passt und für den Beginn von etwas Neuem stehen würde. Grün ist ja immerhin die Farbe der Hoffnung und hier war alles Grün. Mittlerweile war der Wagen neunzehn Jahre alt und zu dem grünen Lack haben sich etliche Kratzer, Dellen und braune, rostige Stellen hinzugesellt. Die Matten im Fußraum sind abgenutzt und der Aschenbecher ist immer voll. Der Duftbaum am Rückspiegel versprüht schon lange nichts mehr und die Luft die durch die Lüftung in das Innere dringt, erinnert an alte Zeiten.

Als sie damals das Haus oben auf dem Hügel gekauft hatten, konnte man die Küste noch nicht sehen, da die alte Fabrik genau im Sichtfeld lag. Sie stand ewig an diesem Ort, bis sie erst vor einigen Monaten abgerissen wurde und in einen modernen Neubau, unten im Tal umgesiedelt wurde. Die Aussicht ist jetzt wunderschön, findet die Frau und sie hätte nie damit gerechnet das sie das noch erleben dürfe, sagt die Frau. Ein Haus mit Meerblick.

Der Mann hat seitdem einen längeren Weg zur Arbeit und muss deshalb immer die Straße hinunter ins Tal fahren. Das ist kein Problem, aber für den Rückweg braucht er meist fast doppelt so lange wie noch die letzten fünfzehn Jahre, weil die alte Schrottmühle - wie er das Auto in dem hoffnungsvollen Grün nun nennt - es kaum noch den Berg hinauf schafft. Zu allem übel muss er die Strecke jetzt auch noch viel häufiger fahren, als noch vor fünfzehn Jahren. Er ist nämlich nie gerne ins Tal gefahren. Er mag die einfachen Leute, wie er sie nennt, nicht. Sie kümmern sich um nichts. Nicht um die Altersvorsorge, nicht um ein Eigenheim, nicht um ihre Steuerrückzahlung, einfach um nichts Wichtiges. Nur um ihre blöden Fische die sie aus dem blöden Meer holen, um die sie dann auf dem kleinen, blöden Markt in der blöden Altstadt des blöden Fischerdorfes, welches seine Frau so bezaubernd findet, zu verkaufen. Blöde Bauerntölpel! Fischertölpel!

Wenn er sich dann jedoch nach der Arbeit auf den Heimweg macht, kommt er nie drumherum auf die Lebensgrundlage der Fischer zu sehen. Und so schweift sein Blick immer wieder zum Meer hinunter, welches von hier oben endlos zu sein scheint, während er den Asphalt hochkriecht. Und dann sieht er den kleinen weißen Streifen an der Küste, die Gischt, die so zuverlässig auftaucht wie die Möven, die wie ein zerrissener Schleier über der Bucht hängen, wenn sich die kleinen roten und blauen Boote ihren Weg zurück in den Hafen bahnen. Und genauso zuverlässig schleppen sie sich gegenseitig den Hügel hinauf. Der eine mehr, der andere weniger.




Der Teufel



„Ich glaube das mich nichts töten kann. Außer die Gedanken, die mich dazu verleiten, zu glauben, dass ich an dieser oder jener Krankheit sterben könnte.“ - Solche kurzen Phrasen schreibt er den ganzen Tag in ein kleines Notizbuch, welches sich noch nie gefüllt hat. Immer wenn ihm so ein Gedanke durch den Kopf schießt hebt er es auf, nimmt ein Stück Kohle und schmiert eine Seite nach der anderen voll. Ob er damit anfing, als irgendetwas aufhörte zu existieren und diese blaue Kugel sich anfing zu drehen, dass weiß er nicht. Er hat es schlichtweg vergessen, weil es ihn nicht interessiert. Er ist schließlich der Teufel und muss sich um nichts kümmern.

Er sitzt schon immer auf der kleinen Bank, auf dem kleinen Platz neben der Kirche unten im Fischerdorf und denkt an dies und das und beobachtet die Menschen und wie fröhlich sie sind. Es ist als würde er auf Godot warten aber es nicht wissen. Oder als seie er Godot und wird irgendwo erwartet, hat dies aber vergessen. Wer weiß das schon. Er ist der Teufel und es kümmert ihn nicht.

Er kann aus dem Tal die Hügel sehen und die kleinen braunen Flecken, die hier und da wie Maden aus einer Decke gucken. Er versucht sie häufig zu zählen, wird jedoch dann immer von den Kirchglocken unterbrochen, sodass er aus dem Konzept kommt und von neu beginnen muss. Ob es keine Kriege mehr geben würde, könnte er nur einmal bis zum Ende zählen? Diese Frage stellt er sich nicht, denn er ist der Teufel und es kümmert ihn nicht. Er sitzt nur da und betrachtet hin und wieder die Maden auf den Hügeln und wie sie früh morgens unter den Nebelschwaden verschwinden und wieder auftauchen und verschwinden und wieder auftauchen und wieder verschwinden und auftauchen. Wenn der Nebel dann ins Tal wandert, oder wieder auf das Meer hinauszieht um mit den Schiffen zu spielen, oder einfach verschwindet, sich auflöst, so als wäre nichts gewesen, dann sitzt er da auf der kleinen Bank vor der Kirche und blickt durch die Gassen hinunter zu Meer. Dann wird sein Blick immer ganz starr und er atmet ganz ruhig, so wie die alten Fischer unten am Hafenkai die die Wellen sehen, aber nicht mehr wissen was sie bedeuten. Doch das kümmert ihn nicht, denn er ist.

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