moni1984 14.02.2009, 14:10 Uhr 2 3

Die kleine Reise

Krampfhaft halte ich den kleinen Kaffeebecher in den Händen.

Ich schaue zu diesem kleinen, runden Fenster nach draußen. Das Meer glitzert. Wie kleine, weiße Punkte, erkennt man vage die vielen Boote auf dem Meer. Ich atme tief ein und der alte Mann neben mir schaut beruhigend über den Rand der Brille. „Wissen Sie, ich war in jungen Jahren auch alleine fort. Genau wie Sie, meine junge Dame. Das ist jetzt fünfzig Jahre her. Meine Reise ging nach Rügen. Stundenlang saß ich in einem ratternden Zug. Damals habe ich meine Frau kennen gelernt. Wir trafen uns am Hauptbahnhof in München. Sie hatte einen sperrigen Koffer dabei. Ich musste diesem zarten Geschöpf einfach helfen. Mein Glück dass wir denselben Weg hatten.“ Verträumt schaut er an mir vorbei. „Sie ist jetzt seit einem Jahr tot. Nach ihrem Schlaganfall habe ich sie monatelang gepflegt. Aber ihr Herz wollte zum Schluss nicht mehr.“ Er wendet sich wieder seiner Zeitung zu. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Was soll ich dazu sagen. Ich sitze 1000m über dem Boden in einem Flugzeug Richtung Capri. Eigentlich sollte ich jetzt auf dem Weg zur Hochschule sein. Aber ich denke nicht, dass mich jemand vermissen wird. Die Studenten nehmen es mit der Anwesenheitspflicht nicht immer so genau. Ich dieses Mal auch nicht. Außerdem ist es nur eine Woche. Was ist schon eine Woche gegen ein ganzes Leben? Ich trinke den warmen Kaffee aus. In letzter Zeit trinke ich zu viel von diesem braunen Zeug. Ich habe mal in einem Buch gelesen, dass man hinterher wie eine Moorleiche aus dem Mund stinkt. Ich hoffe, dass das bei mir nicht der Fall ist.
Ich stelle mir vor, wie mein kleiner Bruder jetzt den Zettel auf dem Küchentisch findet. „Bin nach Capri“. Was hätte ich sonst schreiben sollen. Bestimmt laufen die Telefonleitungen schon auf Hochtouren. Meine Mutter, außer sich vor Sorge, will den Kurzurlaub in Bad Füssing bestimmt abbrechen. Aber das ändert wirklich nichts. Ich freue mich auf die wenigen Tage, alleine, in der Sonne. Weit, weit weg aus meiner gewohnten Umgebung, in der ich seit einem Jahr glaube zu ersticken. Andere verreisen für Monate ins Ausland. Mit nichts als einem Rucksack und ein bisschen Geld. Ich habe etwas mehr Gepäck. Meinen Koffer, eine Handtasche und dich...ich trage dich mit und werde dich dort leise im Sand vergraben und zusehen, wie das Meer nach und nach die Spuren im Sand verwischt.

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2 Antworten

Kommentare

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    schön.

    06.07.2009, 11:07 von emotionsunited
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    Bekannt, das Gefühl einfach mal raus zu müssen, komme was wolle. Viel Spaß in Capri.

    19.05.2009, 13:43 von Tanea
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