marco_frohberger 05.07.2009, 14:51 Uhr 3 1

Die Fremde

Alle sind wir auf der Suche nach dem Glück; doch was wir finden, ist nicht immer das, was wir uns wünschen. Und plötzlich geschieht etwas:

Ich war nach Venedig gekommen, um einen Artikel über San Michele zu schreiben, Die Insel der Toten, wie sie ursprünglich genannt wurde. Es war der Friedhof von Venedig. Dort herrschte Platzmangel und die Toten wurden nach einigen Jahren wieder exhumiert, um sie dann in hohen Blöcken zu stapeln. Ich hatte sofort gemerkt, dass ich nicht willkommen war. Ich konnte mir nicht erklären, wieso.
Nach Venedig wurde ich geschickt, weil mein Chef das so wollte. Er sagte, ich wäre unausgeglichen, ich solle eine Pause machen und die Gelegenheit damit verbinden, einen Bericht über den Friedhof zu schreiben. Ich dachte, es gibt angenehmere Tätigkeiten, einen Urlaub zu verbringen.
Ich ließ mich also in die Weite des Tages treiben, schlief lange, besuchte das ein oder andere Café, betrachtete den Canale Grande und die Gondoliere, wie sie um die Gunst der Touristen schauspielten. Ich ließ mich nicht von ihrem Lächeln beeindrucken, das nur die schiefen Zähne entblößte. Für mich hatte es auch nichts Romantisches, im Brackwasser an nostalgischen Häuserfassaden vorbeizutreiben, während neugierige Gesichter mich musterten.
Mein heutiger Ausflug führte mich am Rio Di Santa Caterina entlang, der gar nicht wie ein Rio auf mich wirkte; er war verdreckt mit Unrat und stank nach Kloake. Noch weniger Romantik hätte ich Venedig nicht zugetraut. Der Wind polierte wie ein riesiger Schleifstein die Wände der Häuser; der Putz löste sich von Zeit zu Zeit und fiel ins Wasser. Notdürftig installierte Wäscheleinen sorgten dafür, dass die bunte Wäsche den Fassaden etwas Farbe verlieh. Ich wollte nicht lange bleiben, als ich in einem der Fenster jemanden beobachtete.
Plötzlich war ich von einer Faszination erfasst, die mir neu war. Ich fröstelte. Da stand sie am Fenster, mit den Ellenbogen auf den Fenstersims gestützt. Ich starrte in ihre Richtung und auch sie musste mich irgendwann bemerkt haben. Es war der erste Stock; das Wasser des Kanals plätscherte gegen den Bug der Boote, und ich konnte nicht anders, als sie anzusehen.

Der Tag war schon im Rückzug begriffen. Der Himmel verblasste zu Abendgrau. Ich spürte die schweren Beine, die mich den Tag durch Venedig getragen hatten. Ich saß auf dem Bett im Hotelzimmer, durch das Fenster wehte ein Wind, der meine aufgeheizte Haut kühlte. Ich dachte an diese Frau, Mitte 20, das kastanienbraune Haar, wie es über ihren Rücken floss. Als sie schließlich vom Fenster verschwunden war, hatte auch ich mich dazu gezwungen, zurückzukehren.
Das Hungergefühl hatte mich verlassen, also ging ich nicht zum Abendessen. Ich setzte mich ans Fenster und starrte in den Kanal. Die Wasseroberfläche lag unberührt da. Ich verspürte Lust zu rauchen und steckte mir eine Zigarette an. Dabei dachte ich an diese Frau. Ich dachte den ganzen Abend an sie und daran, dass Venedig doch aufregend sein konnte. Zum ersten Mal seit ich hier war, verspürte ich Lust, auch hier sein zu wollen. Der Rückzug aus dem eingeschliffenen Automatismus des Alltags hatte die Fähigkeit zurückgebracht, den Dingen mit der nötigen Ruhe zu begegnen. Die Größe, mich diesen Verpflichtungen zu entziehen, hatte meinen Fluchtinstinkt befriedigt.
Als ich zu Ende geraucht hatte, fand ich es brüsk, die Kippe in den Kanal zu werfen. Ich dachte mir, es nicht zu tun und dann tat ich es doch.

Am nächsten Morgen beschloss ich, diese Frau zu besuchen. Ein marineblauer Himmel spannte sich über meinen Kopf und die Häuser. Es war warm und ich aufgeregt. Ich hatte nichts gegessen, nur eine geraucht. Vom Meer her strich Wind durch die Gassen, die Luft schmeckte nach Salz. Die Wasseroberfläche des Rio Di Santa Caterina war rau und es roch heute noch stärker. Die Frau war nicht am Fenster. Ich war enttäuscht, rauchte eine Zigarette nach der anderen und konnte irgendwann den Geschmack in meinem Mund nicht mehr leiden. Ich spürte der Erinnerung von gestern nach, als mich ihre Blicke verzaubert hatten. In der Nähe gab es ein Bistro; Ich hatte nicht viel Geld, aber für eine Kleinigkeit, die meinen Magen milde stimmte, sollte es reichen.
Ich betrat den Raum. Es roch nach kaltem Zigarettenrauch, zwei Tische und ein paar Hocker an der Bar, sie waren alle leer. Ich setzte mich in die Ecke an einen der beiden Tische, wo ich den Überblick bewahren konnte. Plötzlich tauchte die Frau vom Fenster hinter der Bar auf. Ich war von ihrer Attraktivität erfasst. Einen Augenblick zu lange ließ ich mich vom Strom der Realitätsferne leiten; ich bemerkte, wie sie nach meiner Hand griff. Im Traum stand ich auf, legte voller Selbstbewusstsein meine Arme um ihre Taille und spürte dem Duft ihres Haars nach.
Dann gingen wir ein Stück am Kanal spazieren. Ihre Hand lag in meiner, als wäre es nie anders gewesen. Es waren nur wenige Menschen unterwegs. Ich versuchte mich etwas vollständiger zu empfinden, ein Versuch, der eher einer Notlösung gleich kam. Sie sagte, dass sie Magdalena heiße. Ich betrachtete ihre eisgrauen Augen und das Haar. Später standen wir an einer abgelegenen Stelle; ein Ausschnitt des Meeres war zu erkennen. Als Magdalena mich nicht beobachtete, beobachtete ich sie. Ich dachte, dass ich den köstlichen Ansatz ihres Halses küssen möchte. Wäre ich mit ihr zusammen, könnte ich das einfach tun, ohne mir Gedanken darüber zu machen.
Woher kommst du, fragte sie, und ich sah sie einfach an. Aus Berlin, antwortete ich kurz. Ich mochte nichts erklären.
Hast du einen Freund, sagte sie. Die Oberfläche des Wassers vor uns zerlegte den spiegelnden Himmel in tausend hauchzarte Fragmente. Es war, als läge darunter ein geheimnisvolles Etwas, das schon immer die Menschen angelockt hatte.
Ich sah Magdalena an und antwortete ihr, dass es niemanden gäbe, für den es sich lohne, alles aufzugeben. Bis jetzt, dachte ich weiter. Und kurz hatte ich das Gefühl, sie hätte diese beiden Worte hören können. Vielleicht wünschte ich es mir sogar, sie hätte es gehört.
Ich schloss die Augen und spürte ihre kalte Hand über meinen Rücken wandern. Ich schwitzte. Magdalenas Hand wanderte in meine Hose. Kurz erschrak ich, ließ es dann doch geschehen. Und es fühlte sich gut an. Alles war gut, dachte ich.

Der sonnige Tag war vorbei, und ich lag auf dem Bett im Hotel. Ich hatte mir eine Zigarette angezündet. Magdalenas Hand spürte ich noch immer auf dem Rücken, in meiner Hose, als hätten ihre brennenden Berührungen Narben hinterlassen. Mit geschlossenen Augen spürte ich den Anflug einer Schwäche, wartete zwei Sekunden, bis ich klaren Mutes feststellen konnte, dass ich nicht hier sein mochte, allein.
Ich verließ das Hotel, streifte im Dunkel durch die Gassen und Straßen Venedigs, den Geruch der Tümpel in der Nase und zugleich erreichte mich der Duft ihres Haars, der nackten Haut, als wir in ihrem Bett lagen und uns gegenseitig mehr ungeduldig als verlangend, die Klamotten vom Körper rissen. Ich rauchte eine Zigarette nach der anderen und selbst als sie mir nicht mehr schmeckten, rauchte ich, um mich nicht der Gefahr verrückt zu werden auszuliefern. Ich hatte Angst. Ich stand vor ihrem Fenster, es brannte Licht. Der Mond spiegelte sich auf der ruhigen Wasseroberfläche. Es war hier so ruhig, als könnte ich den Raum vor mir in kleine Stücke zerschneiden, um sie mir später, wenn ich zuhause war, wieder zusammenzufügen – als mosaisches Erinnerungsstück an Venedig.
Ich klopfte an ihre Haustüre. Als sich nichts rührte, klopfte ich nochmal. Kurz darauf öffnete Magdalena die Tür. Sie sagte nichts, aber sie beobachtete mich und ich glaubte, sie wusste in meinen Augen zu lesen, was ich dachte. Sie trat nahe an mich heran, dann küsste sie mich.
Wir standen in ihrem Zimmer, eine Nachttischlampe erhellte den Raum gerade genug, um ihre Gesichtszüge beobachten zu können.
Wie heißt du, fragte sie. Sie saß am Fenster und genoss die kühle Luft.
Lilly, antwortete ich. Sie legte den Kopf in den Nacken und lachte. Ich stand auf und baute mich vor ihr auf, um sie zu küssen.
Was machen wir jetzt, sagte ich.
Alles, was wir können, antwortete sie.
Es wurde Winter. Es wurde dunkel, und es wurde hell.

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3 Antworten

Kommentare

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    Ich find´s großartig.

    13.03.2010, 10:27 von frl.froehlich
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      @frl.froehlich herzlichen Dank!

      13.03.2010, 15:01 von marco_frohberger
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    "Ich verspürte Lust zu rauchen und steckte mir eine Zigarette an. Dabei dachte ich an diese Frau. Ich dachte den ganzen Abend an sie und daran, dass Venedig doch aufregend sein konnte. Zum ersten Mal seit ich hier war, verspürte ich Lust, auch hier sein zu wollen. Der Rückzug aus dem eingeschliffenen Automatismus des Alltags hatte die Fähigkeit zurückgebracht, den Dingen mit der nötigen Ruhe zu begegnen. Die Größe, mich diesen Verpflichtungen zu entziehen, hatte meinen Fluchtinstinkt befriedigt.
    Als ich zu Ende geraucht hatte, fand ich es brüsk, die Kippe in den Kanal zu werfen. Ich dachte mir, es nicht zu tun und dann tat ich es doch."

    Da hab ich aufgehört zu lesen.
    Die Bilder sind schwach und der Rest ist zäh.

    Du meinst, wenn ich was fluffiges haben will, soll ich woanders hingehen? Ja, mach ich auch.
    Ich ess jetzt n Näscherkuss. Der ist fluffig.

    06.07.2009, 12:17 von lisbeth_salander
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