MaasJan 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 18

Die Frau des Schädlingsbekämpfers

Das Löwenmäulchen auf dem Tisch ist der einzige Wohnungsschmuck, meist aus Seide.

An so einem Tag, da steht die Wanderhure im Türrahmen und fordert Schulgeld. Ganz ohne Druck, diskrete Hinweise genügen schon. Widerwillig räumt Felix sein Portemonnaie, kippt die Münzen auf den einen, die Scheine auf den anderen Haufen. Genauer: Es gibt keine Scheine, aber die Geste zählt.
Ganz wie sein angeheirateter Onkel.
Der schenkte Felix Tante einmal Q-Tips, die 100er Packung aus dem Rossmann. In Packpapier. Dabei gibt es dort Geschenkverpackungen von der Rolle, ganz umsonst.
Aber Jodeaf fand es auch romantisch, hähnchenhaltend mit seiner Gattin vom Imbiss heimzugehen. Ihr sieht man mit 41 Jahren die 50 schon ganz gut an.
So gesehen ist es ein Glücksfall, dass die lieben Kollegen ihr die Adventskalender leer futtern und das Kühlschrankfach plündern. Bekennerschreiben trudeln meist mit Smiley und einem, „not office safe“ ein.
Sie trägt das mit Fassung, genau wie ihre Koffer auf Reisen. Treppauf, treppab, galant ist da keiner der Begleiter.
So bleibt sie dann doch bei Jodeaf.
Die Ehe ist bei genauerer Betrachtung ein gebrochener Radiergummi. Genügend Außendruck lässt den Riss verschwinden und nur in Momenten der Entspannung klafft eine Lücke.
Nachts, im getrennten Ehebett, ist sie präsent, ihre Angst.
Angst vor dem Urlaub, Angst vor dem Abendbrot, Angst vor dem Alleinsein in der Zweisamkeit. Jodeaf stört sich wenig an diesen Dingen, Gefühliges ist Weiberkram. Berufskrankheit, Wallungen kann er sich als Schädlingsbekämpfer nicht erlauben. Die Verantwortung für ganze Völker lastet auf seinen schmalen Schultern.
Kalkweiß ist er, wie die Schattenseite vom Mond, wenn niemand hinsieht. Nur selten erblickt ihn Felix mit einer anderen Hautfarbe. Kürzlich, als Sir Howard Carpendale auf der Bühne erschien und seine Tante mit Tränen in den Augen aufblickte. In diesem kurzen Moment errötete  Jodeaf um wenige Nuancen und ließ eine Gefühlsregung erahnen. „Muss man echt nicht drüber reden“, murrte er, angesprochen auf sein leicht gelachstes Gesicht.
Felix belässt es meist bei der nötigsten Umgangsform, seine Tante fügt sich ebenfalls.
Das Löwenmäulchen auf dem Tisch ist der einzige Wohnungsschmuck, meist aus Seide. Vergisst sie mal das Gießen, fällt es nicht so ins Gewicht und die Blüten nicht direkt auf die Tischdecke.
Daran muss Felix denken, als sein Blick den der Hure streift.
Es reicht wohl nicht, dabei spart Felix, wo er nur kann. Bügelt kaum, trägt lieber die Hemden ein bis zwei Nummern zu klein, die Spannung nimmt die Falten spielend. Angelt sein Essen, auch alte Spiegelkarpfen sind noch ein Genuss. Muss man nur lang genug wässern, den Schlamm ausspülen, bei lebendigem Leib, am besten in der Badewanne.
Karpfen nehmen den Geschmack der Umgebung auf und so würzt Felix das Wasser gern mit Tabasco und einer Prise Meersalz.
Tut den Karpfen gut, der Geschmack der großen weiten Welt, die Würzmarinade wird obsolet. Reich wird Felix damit trotzdem nicht und Schulgeld schuldig bleiben, das ist nicht das A und O seines moralischen Kompasses. Geld bunkert nur seine Tante. „Ich lass Ihnen meine Wohnung als Sicherheit da, der Karpfen im Bad ist mindestens nen Zehner wert“, nuschelt er im Vorbeihuschen und zieht die Tür sich zu. Es fällt ihm nicht leicht. Er wird das Geld holen, keine Frage.
Der graue Himmel benetzt sein Gesicht mit feinem Wasserstaub, nimmt die Brille in Beschlag. Wirklich schlimm ist aber nur das Türschild verwittert.
Kein Öffnen, das kennt Felix. Einen Schlüssel unter der Matte, zu verbergen haben die beiden nichts. Nur die Liebe hüten sie wie einen Augapfel vor den Anderen. Dem Anderen. Gespenstische Stille durchzieht den Flur. In der Flucht des Wohnzimmers sieht Felix den Tisch. Unter der Vase lehnt ein Brief.  Er braucht ihn nicht zu öffnen, weiß, was die Leere zwischen den Zeilen bedeutet. Im Bad sitzt Jodeaf in der Wanne, lehnt den Kopf in den Nacken. Felix betastet das kalte Ohrläppchen und bestaunt all die toten Schaben in der roten Flut des Wassers. „Ich kann nicht mehr zurück. Felix sei so gut und lüfte das Bad.“ Post-its sind selten so eindeutig und beflissen.

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    (bei "q-tips" hab ich aufgehört zu lesen - wenn ich das jemals ohne anführungsstriche sagen sollte, darf mich gerne der blitz treffen)

    12.01.2015, 23:54 von libido
    • 2

      bei quatze-tips hör ich auch immer auf zu lesen.
      chrchrgnighihihfadfadslöaoeeq

      13.01.2015, 01:49 von nnoaa
    • 0

      und ich denke nachher oft: hätt ich's besser
      ;-)

      13.01.2015, 22:54 von libido
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  • 2

    das maas der dinge. primaas.

    12.01.2015, 11:41 von ga
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