townsend 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 5

Die ehrliche Kontaktanzeige Teil 1

Von aufkeimender Hoffnung und Brechreizbefragung

Über fünf Jahre hatte ich schon ohne Verliebtsein, ohne Küssen und anderes gelebt, was sich ein am Weibe interessierter Mann in der dritten Lebensdekade für sich im Beziehungskontext vorstellen mag, als ich bei einem Freund dieses Magazin in die Finger bekam, mit dem gleichen Namen, der auch dieses Portal ziert. Ich blätterte darin und war elektrisiert von der Rubrik "Unnützes Wissen", wie sich mir bald erschloss, ein Unique Selling Point des Blättchens. Auf den anderen USP wurde ich zuhause aufmerksam (ich durfte das Blättchen - da ausgelesen – an mich nehmen), als solchen erkannte ich ihn aber erst viel später: Die ehrlichen Kontaktanzeigen.

Gleich mehrere Freundinnen, die dieses Heft aus Wertschätzung gar abonniert haben, gewährten mir Einblick in ihre Lesegewohnheiten und - für mich unglaublich – war das erste Ziel des Blätterns stets die Seite mit erwähnten Annoncen, dienlich dem Finden eines Partners. Und diese Doppelseite war nicht etwa attraktiv, da buchstäblich Not am Manne war. Nein, die Damen, die da gierten befanden und befinden sich in äußerst festen Beziehungen. Es ist wohl Neugierde und Interesse unterschiedlichster Art.
Wer sieht wie aus? Ist es bei dem Aussehen ein Wunder, dass der Suchende suchend ist und nicht (zum Teil noch nie) gefunden hat? Oder welche Macken muss der oder die haben, dass sie oder er bei dem Aussehen noch sucht? Oder baut es schlicht auf, wenn man Exemplare der eigenen Art sieht, die auf dem Beziehungskontoauszug nur ein Soll verzeichnet haben? Ist es die Befriedigung der Lust, auf andere herabschauen zu wollen? Selten wohl halten die Schaulustigen Ausschau nach einer besseren Alternative zu ihrem jetzigen Partner.
Mich hat nur interessiert, ob es anderen ähnlich geht wie mir. Ich habe nach Trost gesucht. Und vielleicht nach einer bezaubernd schönen rothaarigen oder blonden Ärztin, die nur auf mich gewartet hat…

Und in der Tat, es gab und gibt Leute, die mein Schicksal teilen. Die einen auf eine Weise gar mehr, die anderen weniger. Je nachdem welchen Maßstab man zu Hilfe zieht. Der für mich relevante und auch einzig anwendbare ist der simpel chronometrische: Wie lange ohne Partner?
Bei den ärmsten Schweinen steht da zwischen den Zeilen 26 Jahre. Es versteht sich das dieser Wert auch das Lebensalter beschreibt. Bei den armen Schweinen wie mir steht da sechs Jahre – immerhin explizit, denn den Mut kann ich mir leisten, da ich mich denen ganz ohne Partner so überlegen fühle, dass Schwächezeigen als Ausdruck von Stärke noch möglich ist.
Dann gibt's da noch die Horde – das Gros quasi – an weniger armen Säuen, die erst ein oder zwei, maximal aber drei Jahre abstinent und solitär leben. Ich frage mich, ob die irgendwann in meine Liga auf- oder besser absteigen, da sie jetzt in (m)einem Alter sind, wo es langsam anfängt schwierig zu werden, ein passendes und formschönes Gegenstück zu finden oder ob sie noch die Kurve kratzen. Ich denke da immer fremdoptimistisch, es kam mir eigentlich nie in den Sinn, es könnte ihnen nicht gelingen. Aber wenn ich so darüber nachdenke, ist es nicht auszuschließen, dass ihnen ein Schicksal meiner Art blüht.
Von den Luxusheulsusen soll hier nicht groß die Rede sein. Sie lassen sich nicht nach oben genannten Maßstäben erfassen, sind sie doch immer in einer Partnerschaft und haben nur immer wieder dieselben Probleme und Partner und suchen nun endlich den richtigen. Jammern auf hohem Niveau!
Euch gehört Einsamkeit. Und ich meine richtige Einsamkeit, kein weichgespültes Alleinsein in einer Beziehung. Zehn Jahre Iso-Haft im Einzelbett, Kinogänge nur ohne Begleitung, Knoblauch in der Zahnpasta und Handbetrieb statt partnerschaftlicher Liebkosung. Dann dürftet ihr heulen, aber erst dann.

Genug der Schelte, sind ja auch nur Menschen.
Als ich die Anzeigen durchhatte, malte ich mir aus, wie es denn wäre, mein eigenes Konterfei in dieser Rubrik zu sehen. Für einen Augenblick wähnte ich all meine Probleme gelöst, übertrug die Verantwortung für mein Glück in die Hände dieser Blattmacher. Gut, die Bühne ist definitiv eine größere, die Reichweite eine gänzlich andere und die Chance im viele tausend Frauen umfassenden Leserpulk die zu finden, die auch mich sucht ist mathematisch unbestreitbar höher als im Treppenhaus des eigenen Wohnbaus.
Also bewerben. Angegebene Emailadresse eingegeben, das Anliegen kurz dargestellt (obwohl man sich bei den Kontaktanzeigen wahrscheinlich nur wegen einer Kontaktanzeige meldet), aus unnachvollziehbaren Gründen ein Bildchen angehängt (gab es noch so etwas wie Restselbstverliebtheit und die stille Überzeugung doch nicht so schlecht optisch weggekommen zu sein?) und abgeschickt.
Ich war mir ehrlich sicher, dass sich dort viele bewerben und dass definitiv ausgesiebt werden muss. Nur nach welchen Kriterien? Je hilfloser, desto besser? Je älter, desto aussichtsreicher, da eigentlich aussichtsloser? Leichte Vorteile bei den Homosexuellen? Ich sah mich nicht ganz vorne mit dabei, bin ich in der Liga der veröffentlichten Einsamen doch zu mittelalt, äußerlich zu wenig bemitleidenswert und zu durchschnittlich sexuell orientiert.

Sechs Tage später kam eine Antwort. Es wird noch ein Kerl gebraucht fürs nächste Heft. Ob ich hetero sei, schwul oder bi. Das hat mich, da ich mich ja schon kenne, zuerst geschockt. Egal, das war die Welt der globalisierten Liebe und derer, die sich von Berufs wegen mit dem unterschiedlichsten Liebesleid auseinandersetzen müssen. Business as usual. Also wahrheitsgemäß geantwortet, es heißt ja schließlich "ehrliche Kontaktanzeige".
Näheres zu mir und meiner Situation sollte dann in einem Gespräch am Telefon vermittelt und auf Medienwirksames (= Interessantes + Reißerisches) hin abgeklopft werden.
Unberechtigterweise freute ich mich auf dieses Parlieren, das der Schlüssel zu meiner glorreichen Zukunft sein sollte, da die Interviewerin eine Frau war. Ich war nervös wie vor einem Date und als sie mich zum ersten Mal anrief, verweilte ich gerade am MoPro-Regal eines Supermarkts und ein Freund, der neben mir stand bemerkte trotz seiner ansonsten immer abwesenden Empathie anhand meiner Sprache und wahrscheinlich auch zunehmenden Gesichtsröte, dass am anderen Ende eine Frau sprach und überdies eine Sache am Laufen war, über die er noch nicht ins Bilde gesetzt wurde. Kurz: Sprechen konnte ich an dem Ort nicht und so wurden dann der Termin noch zwei weitere Male aus Zeitgründen meinerseits (ich merkte da erst wie wirklich busy ich war) verschoben, ehe ich endlich zuhause des Klingelns harren konnte, das mich aus meiner Lethargie erlösen sollte.
Doch statt einer netten, klugen, charismatischen und witzigen jungen Frau, die vielleicht auch noch nachsichtig mit Verlierern wie mir umzugehen weiß und mit angenehmem Timbre in der Stimme das Gefühl vermittelt, man sei gar nicht so uninteressant, erwartete mich eine unsympathische Tunnelblick-Tante, die so viel Sinn für Humor hatte wie Hitler Verständnis für jüdische Festtage und die Idee hinter dem Begriff Ironie nicht verstand.
So wurde dann auch das ganze einstündige Gespräch ein einziges Missverständnis und mehr als einmal hatte ich das Gefühl, mir würden die Worte aus dem Mund genommen, komplett verdreht und wieder hineingelegt. Resultate dieser Drehorgie waren dann Aussagen wie sie hier aufgeführt, ihr Zustandekommen kommentiert und richtig gestellt werden:

"Ich werde schwach bei: Frauen mit reichhaltigem Wortschatz."
Falsch: Bei blonden oder rothaarigen Ärztinnen mit hübschem Gesicht und weiblicher Figur. Und ehrlicherweise betonte ich, dass ich schlecht damit zurechtkäme, wenn meine Frau eloquenter und deutlich klüger wäre als ich. Untern Tisch gekehrt.

"Ich kann: Dialekte imitieren."
Nicht ganz falsch. Aber: Richtig gut kann ich hohe und laute Töne auf meiner Trompete spielen. Gut, ich sehe ein, dass mich das für die potentielle Gattin von morgen wenig attraktiv macht, doch brachte mich die Frage erst einmal derart ins Straucheln, dass ich eine Weile sprachlos einer Idee harrte. Ein kluge jedoch kam nicht und so bediente ich mich einer halbseidenen Alternative, jedoch nicht ohne das sichere Netz der Ironie zu spannen.
"Ich spreche fließend Schwäbisch, Bayrisch, Österreichisch und Schwyzzerdütsch", so mein Konter mit provokantem Unterton. Das einzige was ich damit jedoch provozierte, war die Nachfrage: "Kannst du das noch mal wiederholen, damit ich es mitschreiben kann?" Ich lächelte still und gab auf.

"Ich flüchte vor: Tätowierten Kettenraucherinnen."
Die traurige Klimax der Langeweile. In mehr als jedem zweiten Steckbrief wird die Abneigung Rauchern gegenüber bekundet. Muss man das heute überhaupt noch schreiben? Allenfalls das Gegenteil "Smokers welcome" wäre die Druckerschwärze wert. Aber klar dass mein politisch unkorrektes, diffamierendes und beleidigendes "Ich flüchte vor humorlosen, vegetarischen und pseudosozialen Alternativtussis" nicht durch die Zensur ging. Raucher darf man diskrimieren, Kostverächter nicht.

"Ich finde: Reden ist wichtiger als Sex."
Wieder falsch. Und zwar richtig. Ich erklärte lediglich, dass bei einer langangelegten Beziehung der Teil der zusammenverbrachten Zeit, in dem man ordentlich aufeinander sitzt, wohl eher eine Minderheit bildet, weswegen eine Frau für mich sich auch ordentlich artikulieren können sollte, damit der Rest des Zusammenseins nicht allzu zäh verläuft.
Doch Sex ist irre und unverzichtbar und wenn es in dem Bereich nicht klappt, ist das ganze Unternehmen zum Scheitern verurteilt. Ich bemühe hier gerne den anatomischen Vergleich. Was ist wichtiger, das Herz oder die Niere? Idiotische Frage. Setzt eines der Organe aus, bricht alles zusammen, beim einen früher, beim andern etwas später, doch das Ende bleibt gewiss.

Der Fließtext war nach meinem Redigieren gar nicht mehr so übel und da ich nach meinen Korrekturvorschlägen, die drei größten Fehlgriffe betreffend, bemerkte, wie dünnhäutig die Autorin doch war und wie gereizt sie auf Kritik reagierte, steckte ich zurück um das ganze Unterfangen nicht zu gefährden. So beließ ich Aussagen wie "beginnender Faltenherd", "führe das Leben eines 45jährigen und sehe auch so aus" und das Sahnestück unfreiwilliger Komik "unschöne Ohrasymetrie" (ebenfalls aus Mangel an einer adäquaten Antwort aus dem Hut gezaubert), das nicht nur mich zum Schmunzeln brachte, sondern auch den Leserinnen Steilvorlage für den Einstieg in einen Briefwechsel war oder ihnen zumindest ein Lächeln abrang.

Ich getraute mich nicht weiter zu fragen (nachdem mein bekundeter Wissensdurst bezüglich des Alters der Redakteurin schon barsch und nur spürbar widerwillig gestillt wurde) was die Dame denn studiert habe. Doch als ich ihr erzählte, dass ich noch nie eine Frau für eine Nacht abgeschleppt habe und das eventuell damit zusammenhänge, das ich nicht wie Brad Pitt aussähe, folgerte sie blitzartig in Frageform, dass ich wohl ein Problem mit meinem Aussehen hätte. Ich verneinte aufrichtig und vehement, stellte aber fest, dass sie das nicht von ihrer "gesicherten Erkenntnis" abbrachte. Dies eifrige Überinterpretieren und die lehrbuchhafte Konklusion des falsch Beobachteten ließen mich vorurteilsschwer erkennen: Es muss eine Psychologin sein.

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Kommentare

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    Ja, guter Text. Und interessant. Einige Sachen find ich gut ("fremdoptimistisch"), andere wirken etwas gewollt (der Hitler-Satz). Aber alles in allem echt gut und unterhaltsam geschrieben!

    04.03.2009, 13:39 von drops_of_august
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    Mach mal oben aus "Point" „Proposition“. Ansonsten sind die Sätze teilweise echt quälend lang.

    Bin aber trotzdem gespannt, wie es weiter geht.

    04.03.2009, 13:23 von T-A
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    Cooler Text!

    04.03.2009, 13:19 von Steifschulz
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