justanotherpicture 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 9

Die Dinge, die wir lieben

„Ich kann es einfach nicht mehr“, sage ich zu dir, Vergangenheitsfragmente im Kopf sortierend.

„Ich kann es einfach nicht mehr“, sage ich zu dir, Vergangenheitsfragmente im Kopf sortierend. Versuche mich an einer Unterhaltung, doch eigentlich sagt mein Schweigen mehr als tausend Worte.

Du ziehst an deiner Zigarette und schüttelst sanft den Kopf, deine braunen Locken bewegen sich auf deinen Schultern auf und ab. Niemand schüttelt den Kopf so wie du. Zumindest rede ich mir das ein, so wie wir uns alle einreden, besondere Personen hätten ihre ganz besonderen Eigenheiten und Gesten. Auf dem schmalen Gehweg neben unserem Tisch vor dem Café geht ein älterer Herr gebeugten Schrittes vorbei. Sonnenstrahlen fallen auf sein dunkelrotes Cord-Jackett, dann verschwindet er in einer Seitengasse.

„Du kannst es ganz bestimmt noch“, sagst du schließlich und atmest den Rauch deiner Marlboro bedächtig wieder aus. „Das ist sicher nur eine Phase, jeder hat so was. Schreiben hat dir doch immer so viel bedeutet. Manchmal machen uns die Dinge, die wir lieben, einfach keinen Spaß mehr. Aber das geht vorüber.“

Ich überlege, ob ich dir erzählen soll, dass ich seit über zwei Jahren darauf warte, dass diese Phase vorüber geht. Aber ich verwerfe den Gedanken, so wie ich monatelang jede Idee für einen neuen Text verworfen habe, immer und immer wieder. Stattdessen nicke ich.

Wir haben uns lange weder gesehen noch gesprochen, abgesehen von wenigen Stunden nach deiner Rückkehr. Du hast ein Erasmus-Semester in Barcelona gemacht und ich saß in meiner Wohnung und habe Videospiele gespielt. Die Decke angestarrt. Viel zu viel geraucht. Was soll ich dir erzählen? Dass ich mich gerne früher bei dir gemeldet hätte? Nur deinetwegen die „Zuletzt online“-Funktion bei WhatsApp deaktiviert habe?

„Es tut mir übrigens leid, dass ich mich so wenig gemeldet habe, als du weg warst“, entgegne ich. Zur einen Hälfte, um das Thema zu wechseln, zur anderen, um mich bei dir zu entschuldigen. „Ich war sehr beschäftigt in den letzten Monaten.“

„Was hast du denn gemacht, wenn du nicht geschrieben hast?“, fragst du und blickst mich mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis an. Noch bevor ich etwas erwidern kann, fügst du hinzu: „Ich glaube, ich weiß gar nicht mehr, wer du bist.“

In diesem Moment spüre ich, dass ich dir keine befriedigende Antwort geben kann. Keine Antwort, die ein so durch und durch rational denkender Mensch wie du verstehen könnte. Keine Antwort, die auch nur im Ansatz all deine Traurigkeit, deine Enttäuschung, deine Wut vergessen machen könnte. All das, was du meinetwegen empfunden hast. Ein paar quälend lange Sekunden denke ich dennoch über eine Antwort nach, setze zu einem „Ich habe…“ an, beende den unfertigen Satz abrupt, nur, um weiter zu schweigen.

Ein leichter Wind fährt durch die Blätter der großen Kastanie an der Straße. Die Härchen an deinen Unterarmen stellen sich auf.

„Du hast was?“, bohrst du erneut nach und drückst die Zigarette im Aschenbecher sorgfältig aus. Wieder suchst du meinen Blick.

„Ich habe nachgedacht“, sage ich nach einer längeren Pause. Erst schaust du mich ungläubig an, doch schnell wirkst du amüsiert, bis du schließlich laut lachen musst.

„Du hast nachgedacht?“, wiederholst du meine Worte, dann lauter: „Du hast sechs Monate lang nachgedacht?“

„Ich weiß, dass es verrückt klingt“, erwidere ich, „aber ich weiß nicht, wie ich es dir besser erklären soll. Ich habe über alles Mögliche nachgedacht, bis ich an einem Punkt angelangt war, an dem sich alle meine Gedanken miteinander verknotet hatten. Dann habe ich aufgehört nachzudenken und angefangen, nichts zu machen.“

„Nur, um das zusammenzufassen“, sagst du und legst deine Stirn in Falten, „du hast dich in den ersten drei Monaten nur sporadisch bei mir gemeldet und immer gesagt, du hättest viel zu tun. Und in den letzten drei Monaten konntest du dich gar nicht mehr bei mir melden, weil du nachgedacht hast. Und angefangen hast, nichts zu machen. Habe ich das soweit richtig verstanden?“

Ich weiß, dass unser Gespräch von diesem Punkt an nicht besser werden wird, ganz egal, wie ich es dir zu erklären versuche. Und obwohl ich weiß, dass es alles schlimmer machen wird, höre ich mich die Worte sagen:

„Also genau genommen habe ich nicht nichts gemacht. Ich habe Videospiele gespielt. Ziemlich viel sogar. In die Uni bin ich nicht gegangen, aber wenn eine Klausur anstand, habe ich drei Tage und drei Nächte durchgelernt und mich von Tütensuppen und Kaffee ernährt. Meine Mutter hab ich ein paar Mal besucht und dann den ganzen Tag Fernsehen geguckt. Ein paar Mal war ich feiern, aber ich hab es jedes Mal bereut, überhaupt das Haus verlassen zu haben. Ich wollte mich jeden Tag bei dir melden und habe mich über jede deiner Nachrichten gefreut, egal, wie verbittert oder wütend sie klang. So absurd es sich anhört. Aber ich konnte nicht.“

Eine ungepflegte, graue Katze läuft in das Café hinein, um nur wenige Augenblicke später von der Kellnerin herausgejagt zu werden. Tiefe Traurigkeit legt sich über dein Gesicht, während du lange schweigst.

Dann streiten wir.

Wir streiten über die Dinge, die wir aneinander hassen, über meine Unzuverlässigkeit und deine Gewissenhaftigkeit, über elementare Unterschiede und Kleinigkeiten. Wir streiten, so wie wir damals am Flughafen gestritten haben, als ich dich wider Erwarten abgeholt hatte und du mir noch in der Bahn sagtest, dass du keine Kraft mehr für unsere Beziehung hättest.

Irgendwann geht die Sonne unter und du sagst, dass du gehen musst. Noch immer bist du voller Unverständnis, Zorn und Schwermut. Ich kann es dir nicht verübeln. Zum Abschied umarmen wir uns dennoch, weil ich darauf bestehe. Weil ich nicht weiß, wann ich dich das nächste Mal umarmen werde. Und ob es überhaupt ein nächstes Mal gibt.

Du trägst noch immer das gleiche Parfüm wie damals, als wir uns kennenlernten. Ich nehme einen tiefen Atemzug, während ich dich in meine Arme schließe. Für ein paar Sekunden fühlt es sich an, als hätte ich nie aufgehört, dich zu lieben. Dann löst du dich aus meiner Umarmung und verschwindest langsam in der Dämmerung. 

Manche Dinge, die wir lieben, können wir eines Tages loslassen.

Doch an manchen halten wir trotz allem fest.

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